Linker Terror sprachlich verharmlost

Wie deutsche Medien über die Ausschreitungen rund um das G20-Treffen in Hamburg berichtet haben. Von Stefan Meetschen

G20 Gipfel - Proteste
Der Linksterrorismus gibt sich triumphierend: Brandstifter von Hamburg in feiger Vermummung. Foto: dpa
G20 Gipfel - Proteste
Der Linksterrorismus gibt sich triumphierend: Brandstifter von Hamburg in feiger Vermummung. Foto: dpa

Brennende Autos, marodierende Extremistentrupps, Wasserstrahler – seitdem die Bilder der politisch motivierten Gewaltexzesse rund um das G20-Treffen in Hamburg in den klassischen und sozialen Medien zirkulieren, verbindet man mit der Hansestadt, vielleicht sogar mit Deutschland, kaum kontrollierbare Auswüchse von Linksradikalismus und Linksextremismus. Jedenfalls im Ausland. In Deutschland selbst fällt es jedoch nicht nur Politikern bestimmter Parteien (SPD, LINKE, Grüne) offenbar schwer, diese politische Dimension klar zu benennen, auch in den Medien konnte man bei der Berichterstattung rund um die mehrtägigen Ausschreitungen zunächst Zeuge einer auffälligen Schonung und Zurückhaltung bei der Benennung des politisch-ideologischen Hintergrunds der Gewalt – vielleicht sollte man besser sagen des Terrors – werden.

So wurde am Samstag, den 8. Juli, auf „Zeit Online“ bei einem Hamburg-Beitrag von Karsten Polke-Majewski ein dpa-Foto mit der Bildunterzeile versehen „Viele Schaulustige beobachten das Geschehen, während ein Aktivist zum Wurf ansetzt“. „Aktivist“? „Wurf“? Fand am Hamburger Schanzenviertel etwa eine unangemeldete Sportveranstaltung statt?

Doch diese Form der sprachlichen Verharmlosung war kein Einzelfall. Sowohl bei „NDR aktuell“ wie auch bei den „ARD-Tagesthemen“ hatten bei der Kommentierung des Geschehens eher vage Begriffe wie „gewaltbereiter [sic!] Mob“, „extrem gewaltbereite [sic!] Randalierer“, „purer Hass“, „rechtsfreie Räume“, „dunkle Gestalten“, „die Szene“, Konjunktur. Symptomatisch für eine derart unpräzise Berichterstattung und unvollständige Einordnung, die sich anhand einer oberflächlichen Täterbeschreibung manifestierte, war ein Kommentar von NDR 90,3 Programmchef Hendrik Lünenborg, der im Zusammenhang mit dem für die Gewalt verantwortlichen „Schwarzen Block“ von „Gewalttätige(n), schwarz vermummte(n) Verbrecher(n)“ sprach und dabei beklagte, dass der „schwarze Block“ mit seinem „Verhalten den berechtigten und friedlichen Protest von Tausenden, die auch in Hamburg sind (diskreditiert)“ (Vgl. NDR-Kommentar: Armseliger „schwarzer Block“, 8. Juli). Zum radikalen politischen Kontext der Täter kein Wort.

Auch in den „heute“-Nachrichten des ZDF vom Samstag wurde der „friedliche Protest“ von den G20-Gegnern und „Demonstranten“ positiv beschrieben und ausgesprochen differenziert hervorgehoben. Staunen konnte man als medialer Betrachter jedoch, wieso diese friedlichen Demonstranten offenbar keine Berührungsängste hatten, zumindest zeitweise zusammen mit dem „Schwarzen Block“ über die Straßen der Hansestadt zu ziehen, wie es in einem Beitrag gezeigt wurde. Seite an Seite mit Extremisten? Fehlende Distanzierung? Schwamm drüber.

Doch was soll man eigentlich von Kommentaren halten, wie dem des früheren Titanic-Chefsatirikers Leo Fischer, der sich in der Zeitung „Neues Deutschland“ aus Anlass der brennenden Autos Gedanken über das „Nationalfetisch Auto“ machte, als „ein symbolisches Zentrum kleinbürgerlicher Aufstiegsideologie“, um dann verbal munter auf die Polizei einzudreschen? Absurdes linkes Denken? Unfreiwillige Satire auf Kosten der Polizei? „Die neuere Polizeigesetzgebung, die schon Schubsen mit Haft bedroht, hat sicher dafür gesorgt, dass auch symbolischer Widerstand gegen Zwangsmaßnahmen gut vorbereitete Gegenanzeigen nach sich zieht, denen im Zweifel kein Richter widersprechen wird.“

Schon vor dem G20-Gipfel, am 5. Juli, hatte Volker Steinhoff, Redaktionsleiter von „Panorama“ (NDR) im Beitrag „G20: Will die Polizei Hamburg in Schutt und Asche?“ in eine ähnliche Erklärungsrichtung vorgedacht und ein Szenario entworfen, das mehr einem Verschwörungs-Blog als einer öffentlich-rechtlichen Website angemessen war: „Es fällt zurzeit wirklich schwer, nicht an eine Verschwörung zu glauben: einen geheimen Plan der Hamburger Polizei, um die Stadt in rauchende Trümmer zu verwandeln.“ Bei „Zeit Online“ kam man am Freitagabend, als die Gewalt auf den Straßen Hamburgs eskaliert war, zu der Einsicht „Die Verachtung für die Polizei ist erschreckend“ und schlussfolgerte richtig: „Viele betrachten die Hamburger Ereignisse durch die Brille ihres Weltbilds. Und erstaunlich viele haben inzwischen ein Weltbild, in dem sie die Polizei für weniger vertrauenswürdig halten als Linksradikale. Das ist erschreckend. Denn die brutalste Gewalt kommt in diesen Tagen gewiss nicht von Polizisten“ (Kommentar von Marc Widmann, 7. Juli bei „Zeit Online“)

Erwähnenswert, wie schnell verschiedene Publizisten bei Facebook ihre kritische Einschätzung der Hamburger Ereignisse ausdrückten und dem zuletzt so umstrittenen Netzwerk als Plattform der freien Meinungsäußerung alle Ehre machten: Martin D. Wind oder David Berger etwa wiesen zeitnah, in robuster Sprache auf mediale Fehler und Versäumnisse hin. Die Publizistin Liane Bednarz, die vor Ort in Hamburg war, schilderte bei Facebook authentisch ihre äußerst negativen Eindrücke von der „Welcome to hell“-Demo und erkannte Parallelen zwischen links- und rechtsradikalen Parolen.

Interessant auch das „Gedankenexperiment“ des Historikers Rainer Zitelmann, der bei „The European“ fragte: „Was wäre, wenn es Nazis gewesen wären?“ Eine Vergleichsperspektive, die auch der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach in einem n-tv-Interview, das in den Sozialen Netzwerken zum viralen Hit wurde, anstellte. „Rechtsradikaler Spuk wird sofort beendet – Gott sei Dank! Auf der linken Seite sieht das anders aus, und wenn Sie mich fragen: Das wird so bleiben. Wir werden immer fein zwischen linker und rechter Gewalt differenzieren.“

Vielleicht ändert sich nach diesem G20-Gipfel ja doch etwas. Der „Welt“-Kolumnist Alan Posener jedenfalls ist sicher: „Auch die radikale Linke, die sich von der SPD oder den Grünen nicht vertreten fühlt, muss sich organisatorisch und ideologisch ohne Wenn und Aber von den Terroristen distanzieren – bei Strafe des Untergangs.“ Und der Unternehmer und Kolumnist Philipp Mauch („Die Kolumnisten“) fasste die neue Stimmung bei Facebook so zusammen: „It's the end of the left as we know it“. Dazu lieferte er in einem Posting eine ausgezeichnete Erklärung dafür, warum es „Linken so schwer fällt, politische Radikalität mit gleichem Maß zu messen.“ Die „universalistische Prämisse“ sei schuld. „Das linke Weltbild“, so Mauch, gehe „von einer friedlichen Welt aus, in der es eigentlich keine Konflikte gäbe, wenn nicht der Faschismus diese Harmonie durch verschiedenste Formen der Gewalt – Kapitalismus, Nationalismus, Militarismus, Rassismus etc. – immer wieder aufs Neue stören würde. Gegenüber dieser faschistischen Urgewalt sind also alle anderen zunächst Opfer, die wenn dann sozusagen aus Notwehr handeln. Der linksextreme Autonome oder auch der fundamentalistische Islamist sind auch im gemäßigten linken Weltbild tendenziell eher Reaktionen auf das eigentlich ursächliche Übel von rechts. Das erklärt auch, warum etwa bei terroristischen Anschlägen die größte Sorge darin besteht, diese könnten von der Rechten instrumentalisiert werden. Und in eben diesem Sinn hieß es auch nach den Hamburger Straßenschlachten, die eigentliche Tragödie sei, dass die Opfer mit ihren Aktivitäten den faschistischen Tätern in die Hände gespielt hätten. Aus dieser Perspektive ist es also nicht nur konsequent, rechte und linke Gewalt nicht gleichsetzen zu wollen, es ist vielmehr theoretisch unmöglich.“ Eine Erklärung, die interessanterweise auch helfen kann, die Akzentuierung der Berichterstattung in vielen deutschen Medien besser zu verstehen, ohne sie gutzuheißen.