Leben in Chiffren der Transzendenz

Der Philosoph Karl Jaspers wurde vor 125 Jahren geboren

Es gibt die „bad boys“, die „bösen Buben“, in der deutschen Geistes- und Philosophiegeschichte der Weimarer und der jungen Bundesrepublik. Und es gibt die „good boys“, die „braven Jungen“. Zur ersten Kategorie zählen beispielsweise Martin Heidegger oder Carl Schmitt. Zur zweiten Denker wie Karl Löwith oder Karl Jaspers. Letzterer wurde am 23. Februar 1883 in Oldenburg geboren, also heute vor 125 Jahren.

Doch diese „bad boys“ bieten mehr Abenteuer in ihrem Denken, mögen sie im richtigen Leben auch wahre Opportunisten gewesen sein. Sie geben sich in ihrem Schreiben entschiedener, rebellischer, kühner, kühler, avantgardistischer, unbestechlicher, mitleidloser. Dafür werden sie geliebt, auch wenn sie zunächst bei den Nationalsozialisten mitgemischt haben, oder als Offiziere der Wehrmacht Dienst taten, oder den Weimarer Parlamentarismus samt Demokratie zerfetzen halfen – etwa von Hannah Arendt, die Martin Heidegger wohl Zeit ihres Lebens in einer Art Hassliebe verbunden war.

Die „good boys“ dagegen kommen langweiliger daher, verstehen alles und jeden, auch wenn sie dafür recht eigentlich verachtet werden, und suchen durchaus auch ab und an die Nähe der Heideggers, Schmitts und Jüngers – wobei es ihnen auch nichts ausmacht, wenn sie von diesen Freibeutern des Geistes eher belächelt und zum Teil auch ausgenützt werden. Sie sind gutmütig – Hannah Arendt konnte sich bei Karl Jaspers immer ausweinen, wenn sie sich mal wieder über den gemeinsamen Spezi Heidegger ärgerte. Das ist intellektueller Boulevard, aber es steckt ein Körnchen Wahrheit darin.

Karl Jaspers hat der deutschen Neigung zur romantischen Radikalität in seinen Schriften nie nachgegeben, die im Grunde autistisch ist, weil sie die menschliche Natur- und Ausgangssituation, dazu verurteilt zu sein, mit anderen zusammenleben und auskommen, also Kompromisse eingehen zu müssen, als Beleidigung des eigenen Ego begreift, obwohl Jaspers auch ständig vom Umgreifenden, von Grenzsituationen, Existenzerhellung und Existenzphilosophie sprach. Das tat er aber nicht apodiktisch und als herkulischer Wortsteinmetz wie Heidegger, der sofort zum Urgrund alles Seienden, zum Sein des Seienden und so weiter vorzustoßen vorgab, sondern Jaspers hat unaufhörlich Stoff gesammelt, sich freundlich umgeschaut, analysiert, differenziert, Kategorien entwickelt, eingeordnet, Synthesen forciert, um die Welt zu verstehen.

Das 19. Jahrhundert steckte Jaspers im wahrsten Sinne des Wortes in den Knochen. Wo andere die Transzendenz auf ihren Schreibgriffel direkt aufgespießt in der Öffentlichkeit ausstellten, sprach er vornehm von Chiffren der Transzendenz. Wo andere in Hitler und Mussolini den Weltgeist der Moderne, zwar nicht mehr zu Pferde, aber hoch auf dem Panzer vermuteten, verteidigte Jaspers die Mühsal der Demokratie und ihrer Ausführenden.

Wo andere die Biologie oder die Psychologie oder die Soziologie oder die Geschichte oder die Rasse oder die Vererbung oder den Stoffwechsel im Gehirn als einzig zureichende Erklärung des Menschseins und der Wirklichkeit dekretierten, pochte Jaspers darauf, dass es vier Wirklichkeitssphären gibt: die anorganische Natur samt ihren Naturgesetzen, das Leben als Organismus, die Seele als Erleben und schließlich der Geist als denkendes Bewusstsein, das auf Gegenstände in der Welt gerichtet ist. Und der Mensch als Höhepunkt, weil er sein Ich sich selbst zum Gegenstand machen kann, ohne dass es dabei erstarrt.

Das ist nicht originell und so oder so ähnlich schon tausendmal gedacht worden. Aber es bewahrt eine Einsicht, die heute angesichts der Debatten um die Neurobiologie, Evolutionstheorie und den freien Willen schon wieder verloren zu gehen droht: dass nämlich die anorganische Natur Vor-aussetzung für die Möglichkeit organischen Lebens ist, dieses wiederum die Voraussetzung für das Phänomen der Seele, und diese wiederum Voraussetzung, dass es so etwas wie Geist gibt – dass dies aber nicht heißt, dass ein Gebiet ein anderes ersetzen oder majorisieren könne, sondern nur im Zusammenspiel dieser vier Wirklichkeitsbereiche das empirische Sein verstehbar und erklärbar ist – und die Frage nach der Freiheit des Menschen gar nicht berührt, weil die der Empirie entzogen ist. Hier steht für Jaspers der Mensch wieder an einer Grenze zu einem Umgreifenden, einem An-Sich, der Transzendenz, dem Jenseits des welthaften Menschen, die er nur individuell durchstoßen und in Grenzsituationen wie Tod, Leid, Kampf, Liebe, Hass und ähnlichem für sich erfahren kann. Der gelernte Mediziner, der über die Psychpathologie und Psychiatrie zur Philosophie fand, ist eher ein Sokrates als Aristoteles gewesen – was ihn in Deutschland verdächtig machte.

Der Mann, der als Philosoph so betulich auftrat, stand privat ständig vor allem anderen als betulichen Entscheidungen. Jaspers rang seine Produktion einer ständig bedrohten Gesundheit ab. Er heiratete eine jüdische Frau und bekannte sich ein Leben lang zu ihr, selbst in der Zeit des Nationalsozialismus. Dort hatte er Lehr- und Publikationsverbot. Nach dem Krieg mischte er sich als Moralist in die deutsche Tagespolitik ein – gegen das Verdrängen des Nationalsozialismus, gegen eine Wiederbewaffnung. Ihm schlugen scharfe Repliken entgegen, er ging in die Schweiz. Dass ein solcher „braver Junge“ der Philosophie solche Steherqualitäten offenbarte, das konnte die Öffentlichkeit nicht begreifen. Wie die deutsche Öffentlichkeit bis heute gelegentlich übersieht, dass Radikalität noch lange nichts mit menschlichem Heldentum zu tun hat, und umgekehrt Bildungsbürgerlichkeit, persönliche Integrität, Zurücknahme und Traditionsbewusstsein ganz schön viel Dynamik entwickeln.