Lange Schatten der Vergangenheit

Die Folgen des deutschen Terrorismus im Kino: Das aufwühlende Mutter-Tochter-Drama „Es kommt der Tag“

In der letzten filmischen Auseinandersetzung mit dem Terrorismus der Roten Armee Fraktion „Der Baader-Meinhof-Komplex“ (DT vom 25.09.2008) bot Regisseur Uli Edel eine solche Fülle an Fakten, dass für die Reflexion kaum Platz übrig blieb. Eine der vielen Fragen, die hätten vertieft werden können, betrifft etwa das Verhalten Ulrike Meinhofs, die ihre kleinen Kinder verließ, um sich der Ideologie der RAF zu verschreiben. Meinhofs Tochter Bettina Röhl hat wiederholt ihrer Wut darüber freien Lauf gelassen. Das Wiedersehen einer nun erwachsenen Tochter mit ihrer „Rabenmutter“, die wegen politischer Pläne das eigene Kind aufgab, stellt das Sujet von Susanne Schneiders Film „Es kommt der Tag“ dar. Der Spielfilm, der auf der Berlinale 2008 den Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreis erhielt, startet nun im regulären Kinoprogramm.

Alice (Katharina Schüttler) fährt, nachdem sie ihren Begleiter aus dem Auto hinausgeworfen hat, Richtung französische Grenze. Die junge Frau befindet sich auf der Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit. Endlich weiß sie sich am Ziel. Denn im Elsass hat die junge Frau ihre Mutter Judith (Iris Berben) aufgespürt, die Alice als kleines Kind Ende der siebziger Jahre nach einem missglückten Banküberfall zur Adoption freigab, um in den Untergrund zu gehen. Alice hat auf dem Titelbild einer Zeitung das Foto einer gegen den Anbau von Gen-Mais protestierenden Frau entdeckt, die zweifelsfrei ihre Mutter Judith ist.

Judith, die früher Jutta hieß, hat sich in der Nähe von Colmar eine neue Existenz aufgebaut. Hier betreibt sie mit ihrem französischen Mann Jean Marc (Jacques Frantz) ein seit vier Generationen im Familienbesitz stehendes Weingut. Der Betrieb ist zwar überschuldet, Judiths und Jean Marcs Kinder, die 15-jährige Francine (Sophie-Charlotte Kaissling-Dopff) und der 17-jährige Lucas (Sebastian Urzendowsky) pubertieren zwar ganz schön, aber Judiths Leben bewegt sich im Rahmen einer durchaus bürgerlichen Existenz.

Nach einem vorgetäuschten Verkehrsunfall bittet Alice auf dem Weingut um Hilfe. Bis das Auto repariert ist, bietet ihr Jean Marc das Feriengäste-Zimmer an. Judith findet aber an der Fremden irgend etwas, das sie misstrauisch macht. Ein paar Mausklicks im Internet weiter weiß sie, dass der von der jungen Frau angegebene Name falsch ist. Beunruhigt durchwühlt sie Alices Reisetasche, wo sie alte Fahndungsplakate findet. Die Masken fallen bald: Jutta/Judith pocht auf ihr Recht auf ein neues Leben, Alice verlangt aber von ihr, dass sie sich der Polizei stellt. Der unüberhörbare Wutausbruch Alices nötigt Judith dazu, ihren Mann und ihren Sohn Lucas in ihre Vergangenheit einzuweihen, die nun wiederum Stellung beziehen müssen.

Die Kamera von Jens Harant lässt den Darstellerinnen großen Entfaltungsraum. Verbunden mit der fast ausschließlichen Beschränkung auf das Weingut als Handlungsort entsteht so ein kammerspielartiges Schauspiel, das in der Inszenierung an ein Theaterstück erinnert. Nur die schwermütige Klaviermusik schlägt hin und wieder über die Stränge, gibt den sonst eindringlichen Dialogen eine etwas zu pathetische Note.

„Es kommt der Tag“ behandelt auf der persönlichen Ebene einen Generationskonflikt, der in der Terrorismusdebatte eine neue Perspektive erschließt. Judith und Alice verkörpern zwei gegensätzliche Positionen: Die Ältere beansprucht für sich, einen „Trennungsstrich“ setzen zu dürfen, den ihr aber die Jüngere nicht zugesteht. „Es reicht nicht aus, nur zu sagen, dass es einem leid tut – wie Judith anfangs macht“, führt Drehbuchautorin und Regisseurin Susanne Schneider dazu aus. „Man muss zu seinen Taten stehen und die Konsequenzen daraus für sich annehmen und tragen, erst dann kann es eine Verzeihung geben. Dann erst gibt es eine zweite Chance.“

Damit verlässt zwar die Fiktion den Boden der authentisch verbürgten Zeitgeschichte. Denn von den Terroristen im RAF-Umfeld ist es gerade allgemein bekannt, dass sie ihre Taten niemals hinterfragt oder gar bereut haben. Dennoch: Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, die Fragen nach Reue und Vergebung, die „Es kommt der Tag“ stellt, machen Susanne Schneiders Spielfilm besonders sehenswert.