Lachen nördlich des „Polarkreises“

Herzlicher Witz und ein positives Menschenbild machen aus

Danny Boons „Willkommen bei den Sch'tis“ eine liebenswerte Komödie

Etwa jeder dritte Franzose hat ihn gesehen: „Willkommen bei den Sch'tis“ („Bienvenue chez les Ch'tis“) avancierte mit mehr als 20 Millionen Besuchern zur absoluten Sensation des Kinojahres, ja zum erfolgreichsten Film überhaupt in Frankreich. „Willkommen bei den Sch'tis“ ist ein Spielfilm über regionale Unterschiede, der vor allem eins bestens kann: Über eigene Vorurteile, über Klischees, kurzum über sich selbst zu lachen.

Jedes Land besitzt offenkundig auf regionale Unterschiede zurückzuführende Vorurteile. Das Phänomen, dass in Restdeutschland Ostfriesen-Witze immer gut ankommen, lässt sich mühelos auf andere Länder übertragen. Hält etwa ein Süditaliener einen Turiner oder einen Mailänder im Grunde für einen Österreicher (die abwertende Bezeichnung, mit der umgekehrt die Nord- die Süditaliener belegen, soll hier lieber verschwiegen werden), so meint „der“ Südfranzose aus einer sonnenverwöhnten Mittelmeer-Region, der Polarkreis beginne direkt hinter Paris. Wenn darüber hinaus die Menschen etwa aus „Nord-Pas-de-Calais“ einen für den „normalen“ Franzosen unverständlichen, sich barbarisch anhörenden Dialekt sprechen, weil ihr Land erst im Jahre 1678 von der einst mächtigen Grafschaft Flandern an Frankreich kam, dann sind Klischees fast unvermeidlich.

In den „Polarkreis“ wird nun der Postbeamte Philippe Abrams (Kad Merad) versetzt, nachdem er sich eines üblen Tricks bedient hatte, um aus Liebe zu seiner depressiven Frau Julie (Zoé Félix) an die sonnige Côte d'Azur versetzt zu werden.

Speisen in fremder Umgebung

Philippe muss die nächsten zwei Jahre im Städtchen Bergues in der Nähe von Lille, im Land der „Ch'tis“ verbringen, das an Belgien und den Ärmelkanal grenzt. Zunächst scheinen sich die vorgefertigten Meinungen zu bestätigen: Kaum hat Philippe mit seinem Auto das Straßenschild „Bienvenue dans le Nord-Pas-de-Calais“ passiert, fängt es wie auf Bestellung an, aus Kübeln zu gießen. Als ihm dann in Bergues jemand vor das Auto läuft, meint er, der Angefahrene habe sich den Kiefer gebrochen. Allerdings spricht Antoine (Dany Boon) nicht mit gebrochenem Kiefer, sondern lediglich den Dialekt der „Ch'ti“.

Nach den ersten traumatischen Erfahrungen, zu denen etwa ein Frühstück mit dem stark riechenden Maroilles-Käse oder auch ein Mittagessen an der Pommes-Bude gehören, lebt sich Philippe aber erstaunlich schnell in die ihm fremde, schließlich doch nicht so kalte Umgebung ein. Weil aber seine Frau dies kaum glauben mag, fühlt sich der Postbeamte verpflichtet, ihr gegenüber das klischeehafte Bild aufrechtzuerhalten. Ein echtes Problem zeichnet sich jedoch ab, als Julie darauf besteht, ihren Mann in den ach so barbarischen Norden zu begleiten.

Vorzüglicher Sprachwitz

Über die auf regionalen Klischees basierende Situationskomik hinaus handelt „Willkommen bei den Sch'tis“ von allgemein gültigen, universell verständlichen Themen. Darsteller Kad Merad: „Aus meiner Sicht ist dieser Film in erster Linie eine Liebesgeschichte. Philippe ist ein Mann, der ein normales Leben mit seiner Frau und seinem Sohn lebt und eigentlich nichts anderes möchte, als seine Frau glücklich zu machen, indem er ihr ständig Liebesbeweise erbringt.“

Dies bringt ebenfalls die Nebenhandlung zum Ausdruck, in der sich Antoine aus der Umklammerung seiner Mutter (Line Renaud) befreit, um die Liebe seiner Kollegin Annabelle (Anne Marivin) zu gewinnen.

Regisseur und Co-Autor Dany Boon, der außerdem Antoine spielt, wurde dem deutschen Publikum durch seine Rolle als Taxifahrer in Patrice Lecontes „Mein bester Freund“ (2006) bekannt. In Lecontes Film brachte seine Figur einem einsamen, arbeitsfixierten Kunsthändler den Wert der Freundschaft bei. In „Willkommen bei den Sch'tis“ übernimmt er nun einen ähnlichen Part. Da er außerdem selbst aus der Region Nord-Pas de Calais stammt, stellt Dany Boon unter Beweis, dass er sich über die eigene Herkunft lustig machen kann. Dies erklärt ebenfalls den warmherzigen Blick, mit dem der Regisseur seine Landsleute beobachtet.

Gerade dieser liebevolle Blick auf die Menschen macht „Willkommen bei den Sch'tis“ zu einer hervorragenden Komödie, in der stets mit den Menschen, nicht über sie gelacht wird. Der Film beweist darüber hinaus, dass eine Komödie mit einem positiven Menschenbild und ohne Witze unter der Gürtellinie die Zuschauer in ihren Bann ziehen kann.

Für die deutsche Synchronisation wurde Christoph Maria Herbst engagiert, der Antoines verfremdeten „Ch'ti“-Dialekt mit einer Art Kunstsprache ins Deutsche überträgt. Das Ergebnis funktioniert hervorragend, so dass der Sprachwitz in der deutschen Fassung vorzüglich gewahrt bleibt.