Kurze Reflexion über das Nichts

Was war, bevor etwas war? Eine einfache Frage, auf die man aber nur schwer eine Antwort findet. Viele Philosophen haben es trotzdem versucht. Von Björn Hayer

Dämonischer Schöpfungstheoretiker und Nichts-Experte: Goethes Mephistopheles, hier dargestellt von Gustav Gründgens. Foto: dpa
Dämonischer Schöpfungstheoretiker und Nichts-Experte: Goethes Mephistopheles, hier dargestellt von Gustav Gründgens. Foto: dpa

Am Anfang war auch das Nichts. Aus diesem wurde etwas geschaffen: Himmel, Erde und Licht – bis hin zum Menschen. Eine „Creatio ex nihilo“ (Schöpfung aus dem Nichts), wie der Lateiner und Gläubige weiß, das Wunder und Geheimnis des Lebens schlechthin. Doch ist es nicht erstaunlich, wie wenig der Schöpfungsreport des Alten Testaments der Zeit vor der Stunde Null widmet, der Zeit vor dem absoluten Anfang? Dem Nichts?

Auch im Neuen Testament, zu Beginn des Johannes-Evangeliums, finden sich kaum Hinweise auf Vakuum und Leere. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“, heißt es dort sachlich. Und, nicht zu vergessen: „Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“

Nun könnte man sagen, dass es über das Nichts auch nicht viel zu sagen gibt. Wo nichts ist, ist nichts oder war nichts, doch ein solcher Satz, eine solche Feststellung ist ja eigentlich schon falsch, ein Denkfehler. Das Nichts kann schließlich nicht sein, es zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es nicht „ist“, sondern „nicht-ist“. Ein spannendes Paradox, das eine ganze Legion von Philosophen und Mystiker im Laufe der Jahrhunderte beschäftigt hat.

Bereits der Vorsokratiker Parmenides von Elea (520 v. Chr. – 460 v. Chr.) fand, dass man das Nichts weder denken, noch in Worte fassen könne, denn auf diese Weise würde es in den Status des Seienden rücken. Ein anderer großer griechischer Denker, nämlich Platon (428 v. Chr. – 348 v. Chr.), sah es nicht ganz so radikal. Platon interpretierte das Nichts zwar auch nicht gerade als das pralle Leben oder pralle Sein, räumte ihm aber zumindest ein gewisses Verschiedenheitsrecht als Idee zu. Wenn es die Idee des Nichts gibt, so ist diese Idee zwar verschieden von der Idee des Seins, aber immerhin da. Wie abstrakt auch immer.

Beim Kirchenvater Augustinus (354– 430) trat dann – dank des Christentums – die entscheidende ontologische Wende hinsichtlich des Nichts ein. Der Universalgelehrte aus Hippo brachte die bereits erwähnte Dimension der „creatio ex nihilo“ in die Diskussion über das Nichts ein und betonte dazu die Mangelerscheinungen, wenn es um das Böse und Teuflische geht, wodurch das Nichts in die Nähe des Dämonischen gerückt wurde, wo es im Horizont des europäischen Bildungsbürgers dank Goethes „Faust“ auch immer noch gut verankert ist. „Ich bin der Geist, der stets verneint!/ Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,/ Ist wert, dass es zugrunde geht;/ Drum besser wär's, dass nichts entstünde.“

Schöner und präziser als Mephistopheles lässt sich das Prinzip des Nihilismus (vom lateinischen „nihil“, nichts) tatsächlich nicht ausdrücken. Mag doch alles niedergehen, es lohnt sich sowieso nicht – so die bittere und zutiefst pessimistische Einschätzung des bösen Geistes, der auf den Theaterbühnen der Welt mit diesen Zeilen stets für Entzücken sorgt. Denn: Etwas kokettieren mit dem Nichts, das darf man schon. Dabei scheint Fausts allzu cleverer Führer durch die Welt der Sinnlichkeit und der Vergängnis jedoch auch etwas von gekränkter Eitelkeit motiviert zu sein (oder eben nicht-zu-sein). „Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war/ Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar/ Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht/ Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht.“

Eine Interpretation des Schöpfungsgeschehens, die auf frappierende Weise vom biblischen Bericht und damit von der jüdisch-christlichen Tradition abweicht, denn dass „sich“ die Finsternis selbst das Licht „gebar“, stellt nicht nur Gottes Wunderwerk in Frage, sondern eigentlich sogar die Existenz Gottes, des Lichtschöpfers selbst. Der Teufel, der Repräsentant des Nichts und der Finsternis, erklärt sich zum Lichtbringer, Lichtentzünder. Eine ebenso paradoxe wie freche Hybris, die in der modernen Philosophie aufgegriffen wurde. Allen voran natürlich vom „Antichrist“-Philosophen Friedrich Nietzsche (1844–1900), der nicht nur dem Umsturz aller Werte frönte, sondern den Nihilismus als Schwellenraum für einen Neubeginn pries. Als Plädoyer für das Nichts-Tun, den amoralischen Müßiggang schlechthin, darf man die Schriften Nietzsches dennoch nicht verstehen. „Man glaubt, mit einem Moralismus ohne religiösen Hintergrund auszukommen“, schreibt Nietzsche in „Der Wille zur Macht“, und warnt: „Aber damit ist der Weg zum Nihilismus notwendig.“ Auch der neomarxistische Philosoph Ernst Bloch (1885–1977) versuchte das Nichts auf ganz pragmatische oder optimistische Weise zu sehen, sozusagen als „Anti-Utopie“. Nach dem Motto: Was nicht ist, kann ja noch werden. Was Nichts ist, ist vielleicht doch schon ein Noch-Nicht-Sein. Mit dieser Einstellung, so hofft Bloch, flieht der Mensch den Abgrund und die Dunkelheit. Ein Licht wird kommen, weil die Verzweiflung nicht das letzte Wort haben darf. Was schön klingt, den Menschen aber doch in die Nähe eines mephistophelischen Licht-Einschalters rückt.

Doch, dass das Leben manchmal eine richtige Last und wie ein sinnfreier Raum wirken kann – dafür muss man nicht erst Karl Marx oder Friedrich Nietzsche lesen. Viele christliche Mystiker wussten um die Spannung zwischen Fülle und Nichts. So etwa der spanische Karmelit und Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz, der zugab: „Seit ich mich auf das Nichts eingestellt habe, fehlt mir nichts.“ Oder die heilige Edith Stein (1891–1942), die realistisch bemerkte: „Jeder von uns steht auf des Messers Schneide zwischen dem Nichts und der Fülle des göttlichen Lebens.“

Doch nicht jeder sucht den Alb des Nichtwissens durch das Kreuz zu ertragen. Der unter dem Sein und seinem willensstarken Pessimismus allzu sehr leidende Arthur Schopenhauer (1788–1860) suchte und fand im Buddhismus das, wonach er sich in punkto Nichts von Herzen sehnte: die absolute Ruhe, ein harmonisches „Quietiv“, wie er sich ausdrückte. Kein Zufall. Bedeutet dem gläubigen Buddhisten doch das Nicht-Sein als die höchste Stufe des Seins. Das Eintauchen in das Nirwana gilt als Vollendung, ein Ankommen im Nichts. Ohne Anhaftung an personale oder irdische Fesseln. Eine Zielorientierung, die sich seit einiger Zeit auch im Westen anhaltender Beliebtheit erfreut.

Vielleicht, weil in Zeiten der wirtschaftlichen Krisen und politischen Desorientierungen viele Menschen, die sich von der kirchlichen Verkündigung entfremdet haben oder denen manche kirchlichen Impulse zu unbestimmt, zu aktivistisch sind, die Sehnsucht nur noch bis zu materiellen Selbstauslöschungsszenarien reicht? An die Existenz einer unsterblichen Seele im Dschungel der fröhlich-hektischen Konsum- und Medienwelt zu glauben, setzt allerdings ein Sensibilitäts- und Empathie-Vermögen voraus, das für viele einer Überforderung gleichkommt. Mag das Bedürfnis nach Kontemplation auch stetig wachsen, Zen-Klöster und Yoga-Studios sich regen Zulaufs erfreuen. Doch Nichts ist nicht gleich Nichts und Innerlichkeit nicht gleich Innerlichkeit. Es ist dann eben doch ein Unterschied, ob ich beim Bogenschießen oder im Lotussitz von Selbstaufgabe träume oder mit Augustinus („Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott“) nach einer Vereinigung mit der höchsten Seinsintensität, sprich Gott, strebe und mich sehne. Eine Vereinigung, die – ohne Frage – alles irdische Sein oder Nichtsein übersteigt.

Doch auch Christen wissen: Mit Leistung allein, strenger Gebetsaskese und Werkdisziplin bis zur Selbstaufgabe, lässt sich das Nichts doch nicht immer besiegen. Schon Jesus erinnert die Burnout-gefährdeten Jünger, die viel gelehrt und getan haben, dass sie ein wenig ausruhen sollen („Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind“). Man entflieht dem Nichts also nicht, indem man zum Gegenpol stürzt, einem mehr als trügerischen Alles. Sofern es dies überhaupt gibt und es sich dabei nicht um eine Fetisch-Illusion der Energydrink-Gesellschaft handelt. Ohne einzusehen, dass sich Vergnügen und Rausch eben nicht als das wohlbringende Alles, sondern als das eigentlich maskierte Nichts, als „Schleier des Grauens“ (Ernst Jünger) erweisen können, bedroht den Menschen die Abstumpfung. Das negative Nichts bemächtigt sich dann der Reflexivität in einem solch absoluten Maße, dass der Mensch selbst zum Laufrad zu werden zu droht, in dem er sich rund-um-die-Uhr bewegt.

Und dies alles wenige Jahrzehnte nachdem die Generation der 68er – gedopt durch den französischen Existenzialisten Jan-Paul Sartre (1905–1980) – doch der Überzeugung war, dass im Nichts die wahre Freiheit, das wahre Sein zu finden sei. Dass das Nichts der angemessene Leitfaden sei, um sich selbst und die Welt immer neu zu erfinden. Ohne Belastungen und Bindungen durch die böse Vergangenheit. Eine Anweisung zur Negation, die man heute mit Blick auf verwahrloste Jugendliche und heruntergekommene Bildungs-Einrichtungen nur mit Unverständnis zur Kenntnis nehmen kann. Ein Hoch auf die Negativität – mit dieser ideologischen Euphorie lassen sich – wie man heute weiß – schlechterdings nur viele Nullen produzieren. Was insofern logisch ist, da die Nichtzahl Null irgendwie auch etwas mit dem Nichts zu tun hat. Vielleicht sollten wir angelehnt an Ludwig Wittgenstein (1889–1951) doch lieber schweigen, wenn wir das Nichts zu verstehen versuchen. Wäre das Schweigen dem „Nichts“ nicht tatsächlich angemessener als die Rede, das Wort, die Spekulation? Waren am Anfang also nicht nur Nichts, Wort und Tat („Faust“), sondern gar ein viertes: das Schweigen?

Vermutlich sind solche Reflexionen doch nicht mehr als philosophische Nullsummenspiele, die mit inkonsummerablen Variabeln hantieren, ohne einen Streifen von Transzendenz am Horizont aufleuchten zu lassen. Warum nur? Warum gerade jetzt, da uns mit dem „Nullwachstum“ der Ökonomie und dem Null-Wert diverser Programmiersprachen die Phänotypen des Nichts nur so umgeben? Steckt hinter dem Schweigen, der Sprachlosigkeit nicht doch auch die Angst vor dem Nichts oder davor, als Nichts zu enden, zu Nichts zu werden? In der Kirche scheut man diesen existenziellen inneren Belastungstest jedenfalls nicht. Das Nichts rahmt hier den Weg jedes Einzelnen. „Staub bist du und zu Staub kehrst du zurück.“ Der Plan Gottes lässt das Individuum über den bloßen Abgrund hinauswachsen. So begreift man, dass die Leere nur sein kann, weil es ebenso Fülle gibt. Oder, wie es Thomas von Aquin ausgedrückt hat: „Wenngleich die geschaffenen Wesen vergänglich sind: Niemals werden sie in das Nichts zurücksinken.“

Wenn die Menschheit heute (wie eigentlich immer) gegen die politische Leere ankämpft und eine Epoche durchläuft, welche ihre visionäre Zielrichtung aus den Augen verloren hat, so sind gerade die Christen gefordert, an den göttlichen Lichteinschalter zu erinnern, der das Sein und die Wirklichkeit geschaffen hat und in seinen Händen hält. Eine größere Utopie, eine gigantischere Vision kann es für Menschen nicht geben. Schluss mit dem Nichts – dies sollte die Idee eines neuen geistigen Aufbruchs sein. Der Anfang aller Hoffnung.