Kurz vorgestellt: Gift zwischen Buchdeckeln

Dass das Evangelium ohne Kirche Gift sei, ist von den großen katholischen Reaktionären wie Joseph de Maistre immer wieder bemerkt worden. Vorher wusste schon Luther, dass die „Welt nach dem Evangelio regieren, die Bestien loslassen“ heiße. Der russische Dichter Leo Tolstoi mochte diese weisen Einsichten nicht beherzigen und bestand darauf, die Welt ganz auf die Bergpredigt gründen zu wollen. Das brachte ihn in Konflikt mit allem, was den Einzelnen übersteigt: Staat, Ehe und Familie, Privateigentum, Dogma, kurz: der Institution. Sein sozialkritischer Blick auf die Missstände von Staat und Kirche im zaristischen Russland, wie er etwa in seinem Roman „Auferstehung“ zum Ausdruck kommt, mochte angesichts der Verhältnisse nicht fehlgehen. Die Entfremdung des Menschen im Institutionellen überwinden, indem man die Institution überwindet: Das machte ihn aber zum Prototyp des politischen Künstlers. Seine Abscheu vor der Konvention und der Äußerlichkeit, immer als Uneigentlichkeit denunziert, brachte Tolstoi schließlich gar in Konflikt mit der Kunst selbst, die nicht mehr dem Schönen, sondern nur mehr dem Guten zu dienen habe. Folgerichtig betätigte er sich in seinen letzten Jahren vor allem als Moralist und Volksaufklärer. Aus dem Romancier wurde ein Anthologe.

Umfänglicher Ausdruck dieser Haltung ist das Jahrbuch „Für alle Tage“, das jetzt dank der Übersetzerin Christiane Körner als Ausgabe letzter Hand erstmals auf deutsch vorliegt. Darin versammelt Tolstoi für jeden Tag des Jahres Zitate aus der Bibel, von Denkern und Literaten, die seine These belegen sollen: Das Reich Gottes ist in euch. Der Mensch muss das Göttliche in ihm, das in allem waltet, nur entdecken. Kirche und Eschatologie sind da naturgemäß nur hinderlich. Diese Befreiungstheologie war wie alle Pantheismen nahe am Atheismus. Denn wenn Gott alles ist, dann ist der Gedanke nicht fern, dass er nichts sei. Nichtsdestotrotz: Der Leser erhält einen bestechend schön gestalteten Band, der wie gesagt mit Vorsicht genossen werden sollte, da er pures Gift zwischen zwei Buchdeckeln ist.

Leo Tolstoi: Für alle Tage – Ein Lebensbuch. C.H. Beck Verlag, München 2010, 760 Seiten, ISBN: 978-3406593673,

EUR 49,95