Kunst und Kirche, heute müde streitende Brüder

Stellvertretend für zahlreiche Treffen in den deutschen Bistümern: der Aschermittwoch der Künstler in München

Dass der Künstler in der Abbildung und dem Neuschaffen von Wirklichkeit eine Imitatio Dei, eine Nachahmung Gottes, vollziehe, ist älteste Topologie. Das Verhältnis von Religion und Kunst ist damit notwendig gespannt: Vermag doch Kunst einerseits die Erinnerung an das Paradies zurückzurufen, das Antlitz der Erde in Herzen und Köpfen zu erneuern – und kann andererseits Anklage werden wider Gott, dass die abgebildete sichtbare Welt eben kein Paradies sei. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – das ist nicht das Motto der vergangenen Karnevalstage, sondern oft existenzielle Gestalt künstlerischen Daseins, dessen Hauptversuchung die Schwermut ist, die Gottverlassenheit im Trauern über die sich aufdrängende Hässlichkeit alles Vergänglichen.

Mit dem Kampf Jakobs mit dem Engel verglich zuletzt Karl Kardinal Lehmann künstlerisches Schaffen, und „eine Art Konkurrenzverhältnis zwischen Gott und dem menschlichen Schöpfer schöner Dinge, dem Künstler“, das letzterer immer schon verloren habe, sieht der Münchner Jesuitenpater und Künstlerseelsorger Georg Maria Roers in dem Band „Im Hause der Blinden“. Der dokumentiert für die vergangenen sieben Münchener Jahre eindrucksvoll einen inzwischen in vielen Diözesen festen Termin: den Aschermittwoch der Künstler, der sich Zeit nimmt zum Umkreisen dieses Ringens, das sich an erster Stelle immer in den Konflikten zwischen Kirche und Kunst niederschlug.

Kunst will sich kaum noch von ihren religiösen Wurzeln befreien

Spätestens mit der jüngsten Novelle von Martin Walser, der sogar wieder nach orthodoxer, nach kirchlicher Gläubigkeit tastet, dürfte klar sein, dass die Zeiten, in denen die Künste sich von allen religiösen Wurzeln zu emanzipieren suchten, vorüber sind. Die Kunst renne an gegen Verzweiflung und Resignation, sagte Erzbischof Reinhard Marx bei seiner Predigt im Münchner Liebfrauendom. Sie sei ein Zeichen der Hoffnung, dass etwas ausgesagt werden könne vom Unzerstörbaren, von der neuen Schöpfung, die uns geschenkt werde. „Kunst will uns über das, was wir sehen, hinausführen auf das, was möglich ist.“ Ebenso wie der Glaube überschreite sie das, „was man abbilden, was man berechnen kann“.

Die ungleichen, oft zerstrittenen Brüder werden sich in Zeiten gesteigerter Rationalisierungsmaßnahmen wieder ihrer viel älteren Blutsverwandtschaft bewusst. Die Lage sei, so Hans Maier bei der traditionellen „Künstlerrede“ im Münchner Herkulessaal, derzeit „spannungsvoller, aber auch aussichtsreicher“. „Zwei bis vor kurzem noch gültige Sätze treffen nicht mehr zu: Erstens, dass religiöse Kunst ausschließlich in den Binnenraum der Kirche gehöre; zweitens, dass Religion kein Thema der Künste mehr sei.“ Es fehlten die Attacken und gegenseitigen Verwünschungen früherer Zeiten, dafür aber bleibe das Verhältnis oft auch diffus und unbestimmt.

Dass im 20. Jahrhundert oft eine rein diesseitig politisch orientierte Kunst gegen jedes Dogma wütete, während gleichzeitig eine betont entschlackte Kirche keinen Bedarf mehr an Bildern und Musik hatte, ist dabei nur das Endstadium historischer Entwicklungen, wie Hans Maier anhand eines Kulturvergleichs zwischen Ost und West darlegte. „In geduldiger, von Bußübungen begleiteter Annäherung will der Ikonenmaler die heiligen Geheimnisse auffinden und darstellen – beharrlich nach dem Urbild suchend, seine Persönlichkeit und Subjektivität zurücknehmend, ja auslöschend.“ Gleichzeitig sei die russische Literatur gerade deshalb so tief vom Glauben durchdrungen, weil der orthodoxe Ritus von vornherein deutlich wortzentrierter als der römische sei. Das westliche Verhältnis dagegen sei, so der ehemalige bayerische Kultusminister und frühere Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, von Seiten der Kunst schon immer viel stärker geprägt vom Autonomiegedanken: Der Künstler schaffe aus sich heraus, künstlerische Entwicklung ereigne sich daher nicht organisch, sondern in „Sprüngen“. Gleichzeitig habe die Kirche etwa mit dem Index verbotener Bücher das künstlerische Wort beschränkt, während innerhalb der Liturgie immer mehr an literarischem Reichtum den Reinigungsbestrebungen seit der Gegenreformation zum Opfer gefallen sei. Die römische Liturgie kenne kaum noch Hymnen, jüngstes Beispiel sei das Wegfallen des „Dies irae“ im Requiem, das so viele Vertonungen in den Konzertsaal verwiesen habe.

Mit Verlaub, Arnold Schönberg ist auch schon über 100 Jahre alt

Wie gut Autonomie und liturgische Funktionalität einst dennoch zusammenzugehen vermochten, verdeutlicht schlagend das Werk von Joseph Haydn, das die „Hofkapelle München“ im Herkulessaal spielte: Gewünscht waren die instrumentalen Meditationen zu den „Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ von einem Domherrn im spanischen Cádiz. Haydn nahm die künstlerisch schwierige Herausforderung an, acht aufeinanderfolgende langsame Sätze zu schreiben – und schuf ein höchst persönliches, oft dramatisch ergriffenes Werk. Emotionaler Ausdruck folgt überzeitlichem Wort – und wird darin selbst überzeitlich.

Schade, dass diese Balance im Münchner Herkulessaal im wahrsten Sinne des Wortes „vergeigt“ wurde: Eingerückt in den Haydn-Zyklus waren Ausschnitte aus dem Streichquartett op. 10 und dem „Buch der hängenden Gärten“, in denen Arnold Schönberg jeweils Gedichte von Stefan George vertont hat. Abgesehen davon, dass innerhalb der Künste spätestens seit der Postmoderne niemand mehr behauptet, dass Kunst einen Fortschritt kenne, Schönberg also notwendig origineller oder aufregender sei als Haydn, ist der Ahnvater der musikalischen Moderne längst selbst ein einhundert Jahre alter, vollständig etablierter Klassiker. Weder Haydn noch Schönberg kamen so zu ihrer eigentlichen Geltung, auch wenn Angela Bic vom Theater Dortmund die George-Vertonungen mit üppigem, in allen Lagen glänzendem dramatischem Sopran sang. Paradoxerweise diente die seltsame Mischung so dennoch der Idee des Aschermittwochs der Künstler, indem sie darauf hinwies, wie der Dialog zwischen Kirche und Kunst sicher nicht funktionieren wird: indem die Kirche in der Kunst ein höheres Maß an Zeitgeist wittert. Für den ist die Kunst nämlich letztlich ebenso wenig zuständig wie die Kirche.