Kunst ist wie Atmen

Ai Weiwei will nicht schweigen. Von Andreas Landwehr

Die kommunistische Staatsgewalt hat in China immer Recht. Mit aller Macht soll Ai Weiwei zum Schweigen gebracht werden. Der kritische Künstler liebt jedoch seine Heimat und will sie nicht verlassen. Er will sich aber auch keinen Maulkorb umhängen lassen. „Ich arbeite künstlerisch wie ich atme – es geschieht immer“, sagt Ai Weiwei. Für den berühmtesten chinesischen Gegenwartskünstler gehört soziales und politisches Engagement dazu. Kunst habe eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Reformprozess zu spielen, ist der Regimekritiker überzeugt. So ist der 54-Jährige zum „sozialen Gewissen“ Chinas geworden – und zum Staatsfeind, der vielleicht nur durch seinen internationalen Ruhm und das große Ansehen seines 1996 gestorbenen Vaters, des berühmten chinesischen Dichters Ai Qing, geschützt wird.

„Es war das bisher schwierigste Jahr für mich“, zieht Ai Weiwei in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Peking schwermütig Bilanz. Erst wurde sein Studio in Shanghai abgerissen, dann wurde er 81 Tage an einem geheimen Ort eingesperrt. Jetzt darf er Peking nicht verlassen, eigentlich auch keine Interviews geben. Und das Finanzamt fordert mehr als 15 Millionen Yuan, umgerechnet 1,7 Millionen Euro, von ihm – wegen angeblichen Steuerbetrugs. Alles, um ihn zum Schweigen zu bringen, wie Ai Weiwei sagt. „Es ist ziemlich dramatisch.“

Seine Probleme begannen vor drei Jahren, als er nach dem verheerenden Erdbeben im Mai 2008 in der Provinz Sichuan mit 87 000 Toten die Namen von mehr als 5 000 getöteten Schulkindern auflistete. Er wollte auf den Pfusch am Bau bei Schulen aufmerksam machen. Das habe die Behörden sehr verärgert, weiß Ai Weiwei. Als der Ruf nach Freiheit und Demokratie Anfang dieses Jahres die arabische Welt erfasste, fürchtete die chinesische Führung, dass der Funke mit „Jasmin-Protesten“ nach China überspringt. „Ich denke, das hat sie nervös gemacht. Deswegen gehen sie so vor“, erklärt sich Ai Weiwei, warum er derart zur Zielscheibe geworden ist.

Außerdem solle ihm wohl eine Lehre erteilt werden, glaubt der Künstler, der kein Blatt vor den Mund nimmt. „Sie wollen mir zeigen, dass das Rechtssystem in der Lage ist, auch offen rechtswidrig zu handeln und willkürlich Menschen zu bestrafen.“ Er glaubt, den Kampf aufnehmen zu müssen. „Ich will meine Unschuld beweisen und das sagen, was ich will“, sagt Ai Weiwei. „Die Gesellschaft entwickelt sich definitiv weiter. Jedes Individuum ist gefordert. Meine Bemühungen mögen nur sehr gering sein. Aber ich hoffe, es hilft anderen.“

Der Künstler gibt sich bescheiden – doch sein Gewicht wird von der kommunistischen Führung, ausländischen Regierungen und der weltweiten Kunstszene offensichtlich weit größer eingeschätzt. Das Londoner Magazin ArtReview erwählte Ai Weiwei im Oktober sogar zum einflussreichsten Menschen der internationalen Kunstwelt. Die Verfolgung Ai Weiweis hat auch in China eine beispiellose Solidaritätsbewegung ausgelöst, obwohl gerne vorschnell behauptet wurde, er sei in China ja gar nicht so bekannt. Einige zehntausend Chinesen geben ihm jetzt Geld, um seinen Strafbescheid vom Finanzamt zu bezahlen. Es sind die Anfänge einer Zivilgesellschaft in China.