Kritische Nachfragen sind nötig

Die Gemeinsamkeiten von Judentum, Islam und Christentum werden betont. Die Unterschiede der Religionen darf man nicht ignorieren. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Freitagsgebet im Fastenmonat Ramadan
Werden die Muslime letztendlich doch die Einsicht in den wahren Gottesglauben geschenkt bekommen? Die geschichtlichen und theologischen Unterschiede zwischen Islam und Christentum sind enorm. Foto: dpa
Freitagsgebet im Fastenmonat Ramadan
Werden die Muslime letztendlich doch die Einsicht in den wahren Gottesglauben geschenkt bekommen? Die geschichtlichen un... Foto: dpa

Juden und Christen sind verbunden durch die Heilige Schrift des Alten Bundes und die Berufung auf Abraham als Vater des Glaubens. Allerdings deutet Paulus das Opfer Abrahams bereits auf Christus, was für das Judentum, das die „Bindung Isaaks“ betont, nicht annehmbar ist. Der Koran wiederum ist in Teilen abhängig vom Alten und (weniger) vom Neuen Testament und erzählt ebenfalls eine Abrahamsgeschichte. Das führt in den Medien und im Alltagsbewusstsein häufig zur Aussage von den drei monotheistischen und abrahamitischen „Buchreligionen“. Mit dieser Benennung wird jedoch eine Gemeinsamkeit unterstellt, die sich bei genauer Quellenlektüre auflöst und weder von Juden noch Muslimen geteilt wird. Schon durch seine Kürze ist der Koran nicht mit der Bibel zu vergleichen; er greift zwar jüdische und christliche Inhalte auf, aber auch häretische oder apokryphe Traditionen und verarbeitet sie zu einer eigenen Lehre. Dabei werden wichtige Aussagen ausgespart oder missverstanden.

Drei Monotheismen?

Rémi Brague, Professor für mittelalterliche arabische Philosophie an der Sorbonne Paris und bis 2013 Professor für „Philosophie der Religionen Europas“ an der Universität München, verfasste 2007 einen provokanten Artikel: „Schluss mit den ,drei Monotheismen‘!“ Darin bestritt er den ausschließlichen Monotheismus-Anspruch nur für diese drei Religionen, ebenso ihre Gruppierung unter „Religionen Abrahams“ sowie unter „Buchreligionen“ – alle drei Klassifizierungen seien unscharf und teils irreführend. Beim ersten Punkt verwies Brague auf den philosophischen Ein-Gott-Glauben schon bei den Vorsokratikern (6. Jh. v. Chr.), bei Aristoteles und späteren Denkern. Auch gebe es weit mehr als drei religiöse Monotheismen, so in Ägypten unter Echnaton (1250 v. Chr.) bis zu neuen afrikanischen Religionen.

Auch identische Namen – wie Abraham – sind im Koran häufig anders eingebettet. Brague weist darauf hin, dass Jesus im Koran Issa genannt wird, also eigentlich Esau (Issaw), der ältere, wilde und betrogene Bruder Jakobs, wie es der jüdische Symbolismus ebenfalls zur Herabsetzung der Christen tat. Arabische Christen verwenden dagegen den Namen Jashua, die Juden Yeshu. Auch übernimmt der Koran nicht die biblischen Kontexte Jesu: Er sei weder am Kreuz gestorben noch auferstanden, sondern einfach in den Himmel erhoben. Abraham begründet im Alten Testament die jüdische Abstammung, in die Paulus herausfordernd auch die Heiden einbezieht (Gal 4, 21–31). Mohammad aber war kein Jude und setzte Ismael, den Sohn der Hagar, als Stammvater der Nomaden ein. Brague: „Diese Genealogie, in der sich die Araber auf Ismael berufen, war ihnen vor Mohammads Erscheinen nicht in den Sinn gekommen.“ Zudem bleibt die Identität des zu opfernden Sohnes unklar: Isaak oder Ismael? „Vor allem aber bedient sich der Koran der Person Abrahams und seiner Söhne, um eine Geschichte zu erzählen, die weder im Judentum noch im Christentum bekannt ist, nämlich die Geschichte von der Errichtung eines Tempels durch die Hand des Patriarchen (...), in der die islamische Tradition den kubischen Tempel von Mekka, die Kaaba, wiederzuerkennen glaubt.“ Abrahams Religion sei bereits der Islam gewesen (auch Jesus war also Moslem), als die Urreligion der Menschheit, von der sowohl Juden wie Christen abgefallen seien aufgrund einer schuldhaften „Verfälschung (tahrif)“. Brague folgert: „Der Islam ist (...) unabhängig von Israel entstanden, weit entfernt vom Heiligen Land und bei einem Volk, das nicht jüdisch war. Mohammad war weder Jude noch Christ. Diese Tatsache hat er ,theoretisiert‘, indem er (...) seine Abstammung von Abraham herleitete und sie noch vor das Gesetz des Mose und das Leben Jesu stellte.“ Die Herleitung des Islam von Abraham ist also weder stammesgeschichtlich noch religiös fundiert.

Drei Buchreligionen?

Eine weitere Komplikation: „Das Verhältnis jeder einzelnen der drei Religionen zu ihrem jeweiligen Buch unterscheidet sich wesentlich vom Verhältnis der beiden anderen zu dem ihrigen.“ Schon die Entstehungsdauer der Schriften ist höchst unterschiedlich: Das Alte Testament (AT) wuchs in sieben Jahrhunderten, das Neue Testament (NT) in sieben Jahrzehnten, der Koran in etwa zwei Jahrzehnten.

Das AT enthält die politische und religiöse Bundes-Theologie Israels. Im NT ist die Gestalt Jesu Gipfel und Ziel dieses Bundes. Der Koran wiederum ist die Buchwerdung der Stimme Allahs selbst. Er liegt in seiner Urform bei Allah selbst und gilt als unmittelbare, im göttlichen Arabisch formulierte Wiedergabe. Koranworte werden daher unhistorisch aufgefasst und sind trotz ihrer nicht seltenen Widersprüche nicht relativierbar. Während die Bibel mit dem Ur-Anfang beginnt, also Ursprung und Entwicklung zum jetzigen Zustand offenbart (Kosmologie und Anthropologie aus Theologie), spielt die Erschaffung der Welt im Koran eine untergeordnete Rolle; sie ist aus dem Alten Testament stichwortartig und selektiv übernommen. Schon Sure 2 beginnt nach einer Kurzzusammenfassung der Zeit von Adam bis Mose unvermittelt mit ausführlichen Gesetzesdarlegungen, unter anderem zur Behandlung von Frauen bei Eheschließung, Erbfragen. Die Fragen nach Woher, Warum und Wohin der Welt sind deutlich untergeordnet der Kodifizierung des Lebens. Der Gehorsam gegenüber den Koran-Gesetzen ist idealtypisch absolut, das heißt: Allahs Wort muss genügen, in seine Pläne hat niemand Einsicht.

Mohammed selbst hatte seine Berufung zum Propheten „wider Willen“ sogar unter körperlicher Gewalt erfahren. In der „Nacht der Macht“ (al-qadr) erschien der Erzengel Gabriel dem durch langes Suchen und Herumirren gepeinigten Mann. Der Engel befahl zweimal: „Lies“, der Prophet weigerte sich (!) zweimal, weil er nicht lesen könne, und wurde mit seinem eigenen Schal gewürgt, bis er vor dem dritten Würgen nachgab. Umgekehrt erzählt Lukas die Verkündigung an Maria durch denselben Engel nicht als Vergewaltigung, sondern als ihre freie, überlegte Zustimmung: Zweimal fragt Maria nach, zweimal erhält sie Auskunft. Der Souverän erscheint bittend, von der Freiheit seines Geschöpfes abhängig. Es gehört zur Größe der Gnade, dass sie die Mitwirkung Marias wünscht.

Daher ist Christentum wesentlich keine Buchreligion; seine Mitte ist der Sohn Gottes selbst: Statt Buchwerdung des Wortes (Inlibration) geht es um die Fleischwerdung des Wortes.

Gott als Vater aller?

Fragen wir auf diesen wichtigen Spuren noch weiter. Es gibt eine deutliche christliche Versuchung, bei Religionsgesprächen solch sperrige Themen zu umgehen und nur auf den einen Gott als den Vater aller zurückzukommen. Jedoch: Gerade Allah wird nicht als Vater angerufen und offenbart sich auch keineswegs so.

Islam, wörtlich: die Unterwerfung, meint das fraglose Zurücktreten unter die herrscherliche Gewalt Allahs. Er ist der Erbarmer, aber auch der überlegene Schicksalsentscheider. Zwischen Allah und dem Menschen gibt es kein Gespräch, keine Frage, kein Aufbegehren wie bei Hiob; es gilt nur Gehorsam. Allah offenbart sich nicht im Koran, sondern regelt das Verhalten der Gläubigen durch Gesetze. Zentral für die Geschichtsvision Mohammads ist nicht eine erlöste „neue Schöpfung“, sondern die Vorstellung einer im Gehorsam vollzogenen Umwandlung der Welt: vom „Haus des Krieges“ (dár al-harb), worin die Ungläubigen wohnen, zum „Haus des Islam“ (dár al-islám), worin die Scharia, wörtlich der „Weideplatz“ des islamischen Rechts, gilt. Diese schrittweise Umwandlung geschieht durch dschihad. Ohne kriegerischen Akzent heißt der Begriff „sich bemühen, die Ziele Gottes einzulösen“, was auch meint, Leben und Vermögen für den Islam einzusetzen. Heute ist dschihad bekanntlich bis zum vagen Verständnis eines „Heiligen Krieges“ ausgeweitet.

Der Vater Jesu Christi dagegen, von dem vor Christus niemand Kunde hatte, ist der Unbegreifliche. Unbegreiflich, denn die eigentliche Kunde ist die Aussage, Gott sei Vater, er sei die Liebe selbst, er sei im Antlitz und im furchtbaren Tod Jesu letztlich aufgeleuchtet. Sätze von Paulus und Johannes, die diese unbegreifliche Hingabe Gottes in seinem Sohn betonen, sind im Koran undenkbar.

Es ist die Bergpredigt Jesu, welche entscheidende Elemente einer neuen Menschlichkeit in das Bild gleich geliebter Kinder eines einzigen Vaters verdichtet. Insbesondere entspringt darin das Konzept eines neuen Daseins gegen die triebhaft-natürliche Selbstbehauptung sowohl der Wir-Gruppe wie des Einzelegoismus. Die Forderung der Bergpredigt ist nichts Geringeres als die ungeheure Forderung, die „Vollkommenheit des himmlischen Vaters“ zu leben (Mt 5, 48). So gelangt man in das lebenslange Wechselspiel von Mühe und tragender Gnade. Offenbar kann sie dorthin ziehen, wohin die eigene Kraft nicht gelangt. Man scheut sich, es auszusprechen: Vollkommen sein ist das Ostergeschenk des Vaters an seine Kinder.

Als entscheidend Neues kann ebenso gelten, dass der Appell an das forum internum, an das nicht von außen beurteilbare Gewissen des Einzelnen, zu einer bisher unbekannten Verantwortung führte. Grundlage der Ethik ist nach wie vor zwar die Thora in der Gestalt einer Unterlassens-Ethik („nicht schaden“); sie wird aber in den Antithesen der Bergpredigt radikalisiert zu einer Tun-Ethik, die den Einzelnen zu einem optimum virtutis aufruft: das Äußerste zu tun. Zu diesem Äußersten gehört nicht einfach das Untersagen von Gewalt, sondern die Erkenntnis der Wurzeln der Gewalt: in der eigenen Seele, oder hebräisch formuliert: „im Herzen“. Daher rühren die scharfen Antithesen, die nicht einfach einen vollzogenen Mord verwerfen, sondern von seiner inneren, scheinbar harmlosen, weil „nur gedanklichen“ Vorbereitung ausgehen: „Wer seinem Bruder nur zürnt, wird dem Gericht verfallen sein.“ (Mt 5, 22) Was übertrieben scheint, nämlich den Ehebruch bereits mit dem „lüsternen Ansehen“ beginnen zu lassen (Mt 5, 28), ist freilich im Lichte der Psychologie und der unbewussten „Formatierungen“ völlig plausibel. Auch die ungeheure Forderung nach Verzicht auf Rache, ja, nach dem Hinhalten der anderen Wange (Mt 5, 39) verliert ihre scheinbare „Unmännlichkeit“, wenn man die unkontrollierbare Dynamik von Vergeltung erwägt. Allerdings ist Gewaltverzicht nur für den Betroffenen und seine Selbstrücknahme gefordert: Nicht davon gedeckt ist Tatenlosigkeit im Blick auf andere Opfer oder Leichtsinn im Blick auf mögliche Prävention. Zugleich verbietet sich eine rasche Verurteilung, ja sogar eine Beurteilung des anderen, wiederum in bezug auf sich selbst: Siebenmal siebzigmal ist ihm zu verzeihen, um im eigenen „Herzen“ die Überheblichkeit der Selbsteinschätzung zu unterbinden.

In all dem wird der Einzelne zum Träger aktiven, selbstverantworteten Handelns. Zugleich kommt es in der objektiven Zielstellung religionsgeschichtlich erstmals zu einer Universalethik, weil ihr Geltungsbereich nicht wie bisher auf die Sippe oder Glaubensgemeinschaft eingeschränkt bleibt, sondern auf jedes menschliche Gegenüber zielt.

Damit wird der Mensch erstmals individuell verantwortlich, so dass man gleichfalls, von einem anderen Blickwinkel aus, von einer Ichwerdung sprechen kann. Aus dieser Einsicht entfaltet sich kulturgeschichtlich eine zuvor unbekannte „Innerlichkeit“, ein Innenraum der Begegnung zwischen Gott und Mensch. Erst die Anrufung Gottes als „Abba“, die Jesus einzigartig bringt, provoziert das Menschliche zu einer unbekannten Tiefe, zu einem ungeheuren Öffnen der Innerlichkeit.

Brüder, Geschwister gibt es nur, wo es einen Vater gibt. Wo der Gedanke des göttlichen Vaters in seiner Tiefe erreicht ist, beginnt eine entscheidende, grenzüberwindende Dynamik. Der Weg dorthin ist gewiss lang und steinig. Für alle, auch für die Christen.