Kritik an Schulen im Auftrag der Wirtschaft

Lehrer-Vertreter weisen Ergebnisse des Jahresgutachtens vom „Aktionsrat Bildung“ scharf zurück. Von Alexander Riebel

Es seien „dümmliche Stammtischparolen“, die der „Aktionsrat Bildung“ jetzt von sich gegeben habe, erklärte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus. Was war passiert? Der Aktionsrat Bildung hat in einem fünften Jahresgutachten „Bildungsreform 2000 – 2010 – 2020“ die Ausbildung der Lehrer kritisiert, die trotz aller Tests an Hochschulen und Schulen mit dem Fortschritt der Bildung nicht mehr mithalten würden. Zu groß sei der Unterschied zwischen den Anforderungen, die die veränderte Lage durch das G8-Gymnasium mit sich bringe und dem wirklichen Können der Lehrer. Darum mahnt der Aktionsrat nun einen „erheblichen Professionalisierungsbedarf“ an, wie die Fähigkeit, Eltern den richtigen Übergang zu weiterführenden Schulen zu empfehlen.

Der Hamburger Bildungsforscher und Vorsitzende des Aktionsrats, Dieter Lenzen, hält zahlreiche Lehrer für überlastet, die mit körperlichen und seelischen Problemen ins Krankenhaus kämen. Die Lehrer seien erschüttert durch das vergleichsweise schlechte Abschneiden der deutschen Schulen bei den internationalen Tests. Lenzen meinte auch, viele flüchteten in die „innere Emigration“. Der Aktionsrat vermischte seine Infragestellung der Lehrer mit der des Bildungssystems: „Es macht keinen Sinn, im 21. Jahrhundert und in einer offenen Gesellschaft die Schularten so voneinander abzugrenzen, als seien es unterschiedliche Institutionen.“ Der Aktionsrat, er hat sich nach eigener Aussage „zum Ziel gesetzt, auf Basis seiner Expertisen sowie nationaler und internationaler Bildungsberichterstattung die gegenwärtige Lage des deutschen Bildungssystems zusammenfassend darzustellen, zu analysieren und zu bewerten“, betreibt also kräftig Bildungspolitik, wenn er die bestehende Schulform bewertet und für schlecht erklärt. Und den Lehrern „innere Emigration“ vorzuhalten, dient keinesfalls deren Stärkung, sondern nur der Stabilisierung von Zweifeln. „Der Aktionsrat hätte gut daran getan“, sagte Lehrerverbands-Präsident Kraus, „Lehrer in Schutz zu nehmen und um Verständnis für die komplexen und schwierigen Aufgaben von Lehrern zu werben.“ Und er fügte hinzu, „dem Aktionsrat wäre außerdem etwas mehr kritische Selbstreflexion zu empfehlen. Er handelt schließlich im Auftrag der Wirtschaft und muss sich fragen lassen, ob er die Schule nicht zum bloßen Zuliefererbetrieb für die Wirtschaft abrichten möchte.“

Auch der Deutsche Philologenverband hat sich äußerst ablehnend gegenüber dem Jahresgutachten des Aktionsrates Bildung geäußert und titelte seinen Kommentar „Einseitig und in sich widersprüchlich!“ Der Philologenverband stimme zwar dem Vorwurf der Unterfinanziertheit des deutschen Bildungssystems zu, „die Gegenüberstellung einer reformfreudigen, überarbeiteten Professorenschaft an der Hochschule contra einer reformunwilligen Lehrerschaft sei aber Unfug“, so Meidinger, Bundesvorsitzender des Verbands. Gleichzeitig kritisierte Meidinger aber auch die Art, wie die Schulverkürzung zum G8 eingeführt worden sei sowie die Umsetzung des Bachelor-Master-Systems. Er verwahrte sich aber gegen die pauschale Kritik an der Lehrerausbildung, weil die kürzlich veröffentlichte internationale Vergleichsstudie TEDS-M der Kompetenz angehender Mathematiklehrer „sogar einen absoluten Spitzenplatz zugewiesen“ hat. Beide, Meidinger und Kraus, kamen in ihrer Kritik darin überein, dass Universitätspräsident Dieter Lenzen das deutsche Bildungssystem im Auftrag der Wirtschaft kritisierten. Das Gremium des Aktionsrats hatte sich im Jahr 2005 auf Initiative der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. – gegründet. Auf der Internetseite des Aktionsrats werden ausdrücklich die vergleichenden Studien PISA, IGLU oder TIMSS genannt, die der Grund seien, dass Deutschland dieses „Expertengremium“ braucht. Hinterfragt werden die Studien bei dieser Gelegenheit allerdings nicht, weder im Hinblick auf ihre internationale Vergleichbarkeit, noch bezüglich der Grundlagen des deutschen Bildungssystems.

Max Schmidt, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands, nimmt die Lehrer in Schutz, weil sie „sinnvolle pädagogische Innovationen aufnehmen und kreativ umsetzen, die aber auch aus pädagogischer Verantwortung für unsere Schüler manch politischerseits Ungegorenes und auch Fragwürdiges auffangen und abmildern müssen“. Auch der bayerische Bildungsminister Ludwig Spaenle (CSU) hält die bayerische Lehrerausbildung für auf dem neuesten Stand.

Der Aktionsrat Bildung ist für den flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen und für wesentlich mehr Investitionen in die Bildung; in anderen OECD–Staaten wie Polen, Tschechien und Irland seien die Ausgaben erheblich gestiegen, Deutschland habe hier Aufholbedarf. Auch will der Aktionsrat künftig nicht mehr nur Jahresberichte veröffentlichen, sondern in kürzeren Abständen Bewertungen zur deutschen Bildung abgeben. Im Herbst ist eine Expertise zum deutschlandweiten Zentralabitur geplant. Man darf gespannt sein, wie die deutschlandweiten Pläne formuliert sein werden. Für den Sekundarbereich wird schon jetzt mit der Zweigliedrigkeit die Vereinheitlichung des Schulwesens und damit die Auflösung des föderalen Bildungssystems gefordert. Auch für den vorschulischen Bereich will der Aktionsrat länderübergreifende Qualitätsstandards.