Zürich

Kritik an Corona-Maßnahmen: Irrtum, professore!

Giorgio Agamben ist von der Kirche in der Corona-Krise enttäuscht. Eine Erwiderung.

Ausnahmezustand Italien: Selbstdisziplin erwünscht
Selbstdisziplin erwünscht: Der Ausnahmezustand in Italien hält an. Im Bild: Die spanische Treppe in Rom. Foto: Alberto Lingria (XinHua)

Es ist schon seltsam, dass ausgerechnet der Philosoph, der auch dank eigener Publikationen mit dem Thema „Ausnahmezustand“ vertraut sein müsste, sich nun in der Corona-Krise, die sein eigenes Land so brutal getroffen hat wie wenige andere Länder, als jemand präsentiert, dem es an Verständnis für Ausnahme- und Notsituationen fehlt. Auf verschiedenen Ebenen. In einem Gastbeitrag für die „Neue Zürcher Zeitung“ („Ich hätte da eine Frage“, 15. April) lamentiert Giorgio Agamben jedenfalls, wenn er von COVID-19 spricht, von einem „Risiko, das wir nicht näher zu bestimmen vermochten“ und klagt über Einschränkungen beim Umgang mit Sterbenden, Verstorbenen und Lebenden, weil „unser Nächster zu einer möglichen Ansteckungsquelle wurde“. Besonders kritisiert er, wenn es um die angeblich versäumte Verantwortung für die „Würde des Menschen“ geht, die Kirche, welche, „indem sie sich zur Magd der Wissenschaft gemacht hat, welche mittlerweile zur neuen Religion unserer Zeit geworden ist – ihre wesentlichen Prinzipien radikal verleugnet“.

Pauschale Verurteilungen sind selten hilfreich

Laut Agamben heißt das konkret: „Die Kirche unter einem Papst, der sich Franziskus nennt, hat vergessen, dass Franziskus die Leprakranken umarmte. Sie hat vergessen, dass eines der Werke der Barmherzigkeit darin besteht, die Kranken zu besuchen. Sie hat vergessen, dass die Martyrien die Bereitschaft lehren, eher das Leben als den Glauben zu opfern, und dass auf den eigenen Nächsten zu verzichten bedeutet, auf den Glauben zu verzichten.“ Pauschale Verurteilungen, das müsste ein Gelehrter wie Agamben eigentlich wissen, sind selten hilfreich. Angesichts der vielen – gerade in Italien – im Rahmen der COVID-19-Seelsorge erkrankten und verstorbenen Priester zielt sein Vorwurf der mangelnden kirchlichen Barmherzigkeitswerke ins Leere und wirkt geradezu grotesk. Das Wesen des Martyriums interpretiert der katholisch sozialisierte Denker etwas einseitig. Denn die Kirche hat dabei stets den „Verfolgungsaspekt“ (in odium fidei), also das „passive Kriterium“, betont.

Bei der Heiligsprechung von Maximilian Kolbe 1982 war quasi bis zur letzten Sekunde unklar, ob er – der sein Leben freiwillig für einen Familienvater gab – als Märtyrer angesehen werden dürfe. Generell gilt: Wer das Martyrium etwa durch Fahrlässigkeit beim Schutz des eigenen Lebens, religiöse Eitelkeit, magischen Dünkel oder „heroische“ Anstrengung selbst herbeizuführen beabsichtigt, verwirkt es dadurch schon. Der Gott, den Katholiken anbeten, ist ein Gott des Lebens, kein suizidal-morbider Richter-Gott, der grundsätzlich verlangt, „eher das Leben als den Glauben zu opfern“. Doch angenommen, Agamben hätte Recht: Müssten die Gläubigen, die in den vergangenen Wochen mit der öffentlichen Forderung auffällig geworden sind, unbedingt Gottesdienste feiern zu dürfen, dann nicht genauso lautstark postulieren, bei den Kranken und Sterbenden sein zu dürfen? Wieso tun sie es nicht?

Glaube und Vernunft sind Komplizen des Heils

Schwer auf der Schale der fehlenden Fairness wiegt auch der Vorwurf Agambens, die Kirche habe sich zur „Magd der Wissenschaft“ gemacht. Seit Aristoteles wissen wir: „Alle Menschen streben von Natur nach Wissen.“ Der Kirche hat man lange vorgeworfen, Wissenschaftler verfolgt und ihre Erkenntnisse verdunkelt zu haben. Ihr angesichts einer bedrohlichen neuen Krankheit, welche die Virologen und Immunologen der ganzen Welt wahrscheinlich noch Monate, wenn nicht Jahre herausfordert, vorzuwerfen, sie habe sich zur „Magd der Wissenschaft“ gemacht, ist ziemlich paradox. „Fides et ratio“, Glaube und Wissenschaft – das haben besonders die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. betont – gehen und gehören zusammen. Ohne dass sich diese Territorien feindselig überlappen müssten. Beide Päpste mochten die Vorstellung, Glaube und Vernunft seien die beiden Flügel der menschlichen Person oder ihrer Seele und ihres Geistes. Von Magd-Dienst kann also keine Rede sein. Mehr handelt es sich, salopp gesagt, um Komplizen des menschlichen Heils.

Papst Franziskus spricht viele Menschen an

Viele Menschen, darunter auch Ärzte, die man häufig in bewährten geistlichen Gemeinschaften findet, spricht Papst Franziskus – den Agamben ebenfalls unfair attackiert – dadurch an, dass er seit dem Ausbruch der Corona-Krise seine (und damit die menschliche) Ohnmacht ganz ungeschönt zugibt und zeigt. Trotz aller geistlichen Vollmacht, die er qua Amt besitzt.

Und was soll man zu der Kritik Agambens an den zeitlich begrenzten staatlichen „Notverordnungen“ sagen, bei denen – wie er findet – „jede Grenze überschritten“ wurde? Das Vernunft-Argument des zeitweiligen Verzichts und Opfers will er nicht gelten lassen. „Eine Norm, die besagt, dass man auf das Gute verzichten müsse, um das Gute zu retten, ist ebenso falsch wie die, welche verlangt, dass man auf die Freiheit verzichten müsse, um die Freiheit zu retten.“ Was wohl, frei nach Heribert Prantl, heißen soll: Grundrechte gelten immer und ohne Einschränkung. Hierzu lässt sich mit dem Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, entgegnen: „Jegliche Freiheit ist (…) nicht grenzenlos, sondern endet dort, wo die Freiheit des oder der anderen beginnt. Ähnlich wie ein antiautoritär erzogenes Kind, wenn es sich übergriffig verhält, deutlich in seine Schranken gewiesen werden muss, hat auch niemand ein Recht, irgendwelche Mitmenschen bewusst oder unbewusst durch Ansteckung in Gefahr zu bringen.“ (Vgl. Sind unsere Gottesdienstausfälle nicht fast Luxusprobleme?, in: katholisch.de vom 20. April 2020) Dies gilt in Deutschland, aber natürlich auch in Italien. Es gilt in jedem Raum, egal ob man den Baumarkt oder ein Kirchengebäude betritt. Wie man sich auch fragen kann, wieso manche Gläubige (darunter viele Lebensschützer) nicht vor Gericht gezogen sind, um die Schließung von derzeit gefährlichen Verkaufsräumen zu erstreiten. Wäre das im Geiste der Nächstenliebe nicht naheliegender gewesen, als um profane Gleichheit mit Kommerzstätten zu ringen?

Demut und Opfer in größerem Kontext

Was den von Agamben in seinem Text schnell verdrängten Wert des Opfer-bringens betrifft („Ich weiß, dass es immer Leute geben wird, die sich erheben und antworten werden: Das durchaus schwere Opfer sei im Namen moralischer Prinzipien dargebracht worden“), darf man an den vom katholischen Blogger Markus Gehling („Heilige Obi und Toom, bittet für uns? Von Kirchen und Baumärkten“, in: kreuzzeichen.blogspot.com vom 19. April 2020) in die Pandemie-Diskussion eingebrachten Begriff der „Demut“ erinnern. Nicht nur, weil es ein „altes kirchliches Kernwort“ ist, das dem ebenso kalten wie populären Begriff der „Systemrelevanz“ vorzuziehen sei. Demut und Opfer zu bringen stehen in einem größeren Kontext: „Diese Zeit ist eine echte Schule in Selbstdisziplin. Und das ist ja doch auch ein Kernaspekt des geistlichen Lebens, oder?“ In der Tat. Sie zählt nämlich auch zu den „wesentlichen Prinzipien“ der Kirche.

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