Kraft und Süße in einem Blick vereint

Berlin zeigt Hauptwerke des Renaissance-Malers Sebastiano del Piombo – Eine Synthese zwischen Raffaels Grazie und Michelangelos Furor

Schlechte Presse kann lange nachwirken. Das muss auch das Werk des Renaissance-Malers Sebastiano del Piombo erfahren. Denn der 1485 in Venedig geborene Sebastiano Luciani, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, stößt beim Künstlerbiografen Giorgio Vasari auf Ungnade. Vasaris „Lebensbeschreibungen berühmter Künstler“, die 1550 erstmals erscheinen, entscheiden nicht selten über den Nachruhm. Und der gestrenge Biograph verübelt dem Venezianer dessen Altersanstellung als Päpstlicher Siegelverwahrer (piombatore) durch Papst Clemens VII. im Jahre 1531. Vasari sieht darin gleichsam einen Verrat an der künstlerischen Berufung und einen Grund für den angeblichen Verfall an Schaffenskraft; schlimmer noch, er zeiht Sebastiano der Faulheit. Dies alles lässt sich kaum mit dem Genie-Gedanken vereinbaren. „Sein Tod bedeutete keinen großen Verlust für die Kunst, da man ihn schon seit seiner Ernennung zum Siegelverwahrer zu den Verlorengegangenen zählen konnte“, urteilt Vasari in seinem wenig schmeichelhaften Nachruf.

Das heutige Publikum kann sich nun bis zum 28. September in der Berliner Gemäldegalerie selbst ein Bild von Sebastianos wahrem Genie und Vasaris zweifelhafter Deutung machen.

Die späte Würdigung ist umso verdienstvoller

Erstmals widmet die Kunstwelt dem „Verlorengegangenen“ großartigen Renaissance-Künstler eine eigene monografische Werkschau, die im Frühjahr bereits in ähnlicher Zusammenstellung im Palazzo Venezia in Rom zu sehen war. Die späte Würdigung ist eigentlich unverständlich, aber umso verdienstvoller. Zu Lebzeiten war Sebastiano als Künstler europaweit anerkannt und nicht wenige Künstler ließen sich von ihm inspirieren.

In Rom konnte er Michelangelo seinen Freund und Berater nennen, und Raffael einen Konkurrenten und Gegenspieler. „Del Piombo hatte den gleichen Blick wie die beiden auf die Welt“, konstatiert der Schriftsteller Vladimir Nabokov, „doch er verstand es, die Kraft des ersten mit der Süße des zweiten zu kombinieren.“ Die Ausstellung reflektiert diese Synthese im Untertitel: „Raffaels Grazie – Michelangelos Furor“.

Sebastiano folgt im Sommer 1511 dem sienesischen Bankier Agostino Chigi nach Rom. Dessen Villa am Tiberufer, die heutige Villa Farnesina, verleiht er durch seine Fresko-Ausmalung der Loggien ganz neue Farbakzente. Sechs Jahre zuvor war Sebastiano in Venedig selbstbewusst in die Kunstszene eingestiegen. Der Schüler von Giovanni Bellini bestach durch Virtuosität in der Farbgebung und Monumentalität der Darstellung. Beides lässt sich an „Das Urteil des Salomon“ nachvollziehen. Das seinerzeit größte Leinwandbild – eines der wenigen erhaltenen Werke aus der venezianischen Zeit – gehört zu den Höhepunkten der Berliner Ausstellung. Die Kuratoren erhielten es aus dem britischen Kingston Lacy in der Grafschaft Dorset. Die enge Beziehung zwischen Sebastiano und Michelangelo findet ihren künstlerischen Niederschlag besonders in der nächtlichen „Pieta“, die in der Berliner Gemäldegalerie ebenso zu bewundern ist, wie die „Heilige Familie“ aus der Kathedrale von Burgos. Schon diese beiden Werke lohnen den Besuch. Vasari schreibt die Idee und die Vorzeichnung Michelangelo zu. Sebastiano habe dann „das Bild mit großer Sorgfalt vollendet, indem er eine hochgelobte, in der Dunkelheit liegende Landschaft schuf“, so der Künstlerbiograph. Vor dieser Landschaft hebt sich skulpturenartig die Figur Marias ab, die vor dem Leichnam ihres Sohnes sitzt und die zum Gebet gefalteten Hände emphatisch zum Himmel hebt. Der Leichnam Christi liegt vor ihr ausgebreitet auf weißem Linnen. Die schlichte Klarheit der pyramidenförmigen Komposition und die tragische Isoliertheit geben beiden Figuren eine eindringliche Präsenz und der Darstellung eine ungeheure Kraft.

„In der Pieta von Viterbo könnte man sagen, dass die Madonna betet, damit der Sohn aufersteht, wie der Mond über ihnen aufgeht, dass er ins Leben zurückkehrt, indem er, wie es tatsächlich zu sehen ist, vom Tod in den Schlaf übergeht, das wahre, stille Wunder“, so die Interpretation des Ausstellungkurators Claudio Strinati. Die Darstellung ist in der europäischen Kunstgeschichte ein Unikat. Diese Einzigartigkeit hängt nicht nur vom hohen ästhetischen Wert des Kunstwerks ab, sondern ist auch auf ikonographischem, stilistischem und geschichtlichem Gebiet begründet, führt der Katalog aus.

Die italienische Kunsthistorikerin Stefania Pasti nennt die „Pieta“ in ihrem Katalogbeitrag auch als Beispiel für den Einfluss Sebastianos auf die figurative Gestaltung nach dem Konzil von Trient. Das Konzil war 1563 mit der Abfassung eines allgemein gehaltenen Regelwerkes für die Gestaltung religiöser Darstellungen zuende gegangen. Doch die Diskussion über religiöse Kunstwerke tobte bereits seit Jahren. Denn die Enthüllung des Jüngsten Gerichts von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle hatte nicht nur für Begeisterung gesorgt, sondern auch Befremden und Unmut hervorgerufen, die in eine radikale Kritik am Manierismus mündete.

Er erreichte mühsam eine asketische Einfachheit

Pasti sieht nun im späteren Werk Sebastianos die sogenannte Malerei der Gegenreformation angelegt, die sich auf Einfachheit und Gemessenheit, auf eine „gravitas“ konzentriert, um den Betrachter durch Mitleid zur Meditation anzuregen, ihn zu belehren und zu ermahnen. Der bekannte italienische Kunsthistoriker Federico Zeri prägte hierfür den Ausdruck „zeitlose Kunst“. Für Pasti erreicht Sebastiano die hierfür charakteristische asketisch knappe Einfachheit in seinen späten Werken „durch einen langen, hart erkämpften inneren Prozess“; während die nachfolgenden Maler, die aus seinen Bildern so viele Lehren ziehen sollten, „den Ausdruck für diese tiefe, verinnerlichte Frömmigkeit bereits vorfanden wie ein Kleidungsstück, das sie anziehen konnten“.

Von 1520 bis zur Plünderung Roms 1527 durch deutsche Landsknechte und spanische Söldner galt Sebastiano auch unangefochten als Meister der plastisch gestalteten Porträtmalerei. Die Schau präsentiert aus dieser Zeit gleich zwei Bildnisse von Papst Clemens VII. sowie weitere beeindruckende Porträts.

Einige Porträts faszinieren in ihrer zeitlosen Schönheit

Zu den Höhepunkten dieses Genres gehört freilich das „Bildnis einer jungen Römerin (Dorothea)“. Hier konnte die Gemäldegalerie auf die eigenen Bestände zurückgreifen.

Der Verlag „Frederico Motta Editore“ entschied sich beim Titelbild des Katalogs allerdings für die „Kluge Jungfrau“ aus der Washington National Gallery of Art. Leider gibt er einige Abbildungen mit Farbstich wieder. Mit seinen Forschungsberichten über Leben, Werk und Wirkung sowie der Vielzahl an Abbildungen stellt er dennoch eine wertvolle Monografie dar. Dem herausragenden grafischen Werk gibt er ebenso wie die Ausstellung umfangreichen Raum.

Wie aber kam Vasari nach allem Gesagten zu seinem vernichtenden Urteil? Es bezieht sich auf die späte Schaffensphase. Die Erfahrung der Verheerung Roms durch die kaiserlichen Truppen brachten Sebastiano offenbar aus dem inneren Gleichgewicht. Die Arbeit ging ihm nicht mehr leicht von der Hand, die Werke wurden dunkler, blieben teilweise unvollendet, wie die 1532 begonnene kolossale Mariegeburt in Santa Maria del Popolo in Rom. Der Wirkung tat dies aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Noch Caravaggio, der große Barockkünstler, war von dem konzentrierten herben Stil des 1547 verstorbenen Venezianers so beeindruckt, dass er dessen „Geißelung Christi“ kopierte. Die „zeitlose Kunst“ bietet auch dem heutigen Betrachter jenen Zugang, den sich das Tridentinum erhoffte und einige Porträts faszinieren wie damals in ihrer zeitlosen Schönheit. Angesichts der nun vereinten Werke spricht Kurator Strinati mit Blick auf die Präsentation zu recht von einem kleinen Wunder.