Kontinuität des christlichen Lebens sichern

Die Kirche glaubt so, wie sie betet: Marc Stegherr beobachtet eine Renaissance der katholischen Tradition. Von Katrin Krips-Schmidt

Die Eucharistie: Quelle und Höhepunkte der lebendigen Kirche – Kirchenkrise beruhe „weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie“, schrieb Benedikt XVI. bereits 1997. Foto: KNA
Die Eucharistie: Quelle und Höhepunkte der lebendigen Kirche – Kirchenkrise beruhe „weitgehend auf dem Zerfall der Litur... Foto: KNA

„Reform“ – seit jeher ruft dieses Wort ganz unterschiedliche Assoziationen hervor. Für die einen ist sie Anpassung an die Zeit, „Verheutigung“ oder auch „Vertäglichung“, wie wir das vom heiligen Papst Johannes XXIII. erwünschte „Aggiornamento“ im Deutschen nur ungelenk auszudrücken vermögen. Die anderen wollen dem Wortsinn nach tatsächlich „re-formieren“, die einstige Gestalt wieder zurückgeben. „Ecclesia semper reformanda“ – der Auftrag der Kirche, sich ständig zu erneuern, bedeutet zudem, dass sie nie zum Stillstand kommt. Das Zweite Vatikanische Konzil zielte auf eine Erneuerung des Glaubenslebens ab, und in diesem Kontext erhoffte man sich auch einen liturgischen Aufbruch. Der indes, wie man weiß, nie stattfand. Stattdessen führte man ein neues Messbuch ein.

Rund vierzig Jahre später zieht Marc Stegherr Bilanz. Mit dem Slawisten, der an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität sowie an der Babes-Bolyai-Universität in Klausenburg/Cluj in Rumänien lehrt, hat sich ein Kenner der Materie an ein 600-Seiten-Werk gewagt, der sich nicht nur mit der Tradition der abendländischen Kirche auskennt, sondern sich auch in Forschung und Lehre mit den Kirchen des Ostens auseinandergesetzt hat.

Mit seiner umfangreichen Studie „Die Renaissance der katholischen Tradition: Die überlieferte Messe, die Gemeinschaften der Tradition und die Reform der Reform Benedikts XVI.“ zeigt Stegherr in einer nicht streng systematischen Bearbeitung, dass im Gegensatz zu einer Anpassung an heutige Zeitumstände und moderne Riten eine Rückbesinnung auf zeitlose Werte und traditionelle Formen kirchlichen Feierns eher in der Lage ist, die Kontinuität des christlichen Lebens zu gewährleisten. Der Verfasser hat zwar nicht die progressiven Katholiken und die Medien, dafür jedoch die Realität auf seiner Seite: Während die einen meinen, zur Rettung der katholischen Kirche noch immer die Abschaffung des Zölibats und eine grundlegende Änderung der kirchlichen Sexualmoral fordern zu müssen, steigt weltweit die Zahl derjenigen an, die sich in katholischen Gemeinschaften sammeln, in denen überlieferte Frömmigkeitsformen gepflegt und der klassische römische Ritus gefeiert wird. Denn schließlich gilt und erweist sich immer wieder von neuem, was das uralte Prinzip besagt: Lex orandi, lex credendi – das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens, die Kirche glaubt so, wie sie betet.

Seit der Veröffentlichung des Motu proprio „Summorum pontificum“ 2007 durch Papst Benedikt XVI., das vom Autor als „Glockenschlag“, als Paradigmenwechsel, bezeichnet wird, nahmen die Gottesdienstorte in aller Welt schlagartig zu, an denen die Gläubigen die heilige Messe im überlieferten Ritus feiern konnten. Im Widerspruch zu dem gängigen Bild handelt es sich bei den Besuchern vorwiegend nicht um Personen vorgerückten Alters. Im Gegenteil – es ist insbesondere (auch) die Jugend, die die Tradition für sich entdeckt. Stegherr, Jahrgang 1968, kann selbst noch zu dieser Jugend gerechnet werden, hat er doch die „vorkonziliare“ Ära nicht bewusst miterlebt. Pure Nostalgie nach einer selbst erlebten Epoche und veräußerlichter Ästhetizismus – auch der wird den Befürwortern der traditionellen Messe ja gerne unterstellt – kann ihm also nicht zum Vorwurf gemacht werden. Mit einem besonderen Maß an Akribie zeichnet er die theologisch-kirchenpolitischen Veränderungen im Hinblick auf die Liturgiereform der siebziger Jahre nach, die eine „traditionalistische Revolte“ nach sich zog. Der Leser findet eine detaillierte Beschreibung der Vorgänge um die Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wie in einer Art „Bildersturm“ nicht selten die Inneneinrichtungen von Kirchen buchstäblich vernichtet, Hochaltäre zersägt, Beichtstühle zertrümmert wurden und Heiligenfiguren auf dem Speicher landeten. In einem weiteren Kapitel schildert der Autor die Entstehungsgeschichte der sogenannten „Gemeinschaften der Tradition“, die mittlerweile in vielfältigen Formen existieren, wie etwa als Priesterbruderschaft St. Petrus, als Institut Christus König und Hoherpriester oder in monastischen Kommunitäten wie in der Abtei Mariawald.

Besondere Aufmerksamkeit wird freilich dem Motu proprio Summorum pontificum geschenkt, jenem Dokument, durch das Papst Benedikt XVI. die heilige Messe in der sogenannten „forma extraordinata“ für die gesamte Kirche freigegeben hat. Für den Heiligen Vater war dies mitnichten eine ausschließlich liturgische Angelegenheit. Benedikt hatte schon 1997 geschrieben, dass die Kirchenkrise „weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie“ beruhe. Damit war die Freigabe laut Stegherr, „kein Zugeständnis an kleine reaktionäre Gruppierungen, sondern ein Akt der Revolution gegen eine Säkularisierung, die bis in die liturgische Herzkammer der Kirche vorgedrungen ist und sie von ihrer Tradition, von ihrer Geschichte abzutrennen droht, sie zu einem Objekt zeitbedingter Begehrlichkeiten und Stimmungen macht“.

Was seit dem Konklave von 2013 und der Wahl von Kardinal Bergoglio zum Papst kaum jemand für möglich gehalten hätte, nämlich eine Einigung mit der Priesterbruderschaft St. Pius X., taucht dieser Tage zumindest wieder schemenhaft am Horizont auf. Mit einem Anfang September veröffentlichten Brief von Papst Franziskus zur Vorbereitung auf das Jahr der Barmherzigkeit scheint Bewegung in eine seit dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. festgefahrene Situation zu kommen: „Ich vertraue darauf, dass in naher Zukunft Lösungen gefunden werden können, um die volle Einheit mit den Priestern und Oberen der Bruderschaft wiederzugewinnen“, lautet die hoffnungsvolle Botschaft von Franziskus. In einem ganzen Kapitel, das sich mit der „schwierigen Aussöhnung mit der Bruderschaft“ befasst, lässt Stegherr die einzelnen Stationen dieser diffizilen Aufgabe Revue passieren.

Stegherr kombiniert in seinem empfehlenswerten Buch auf lehr- und unterhaltsame Weise Fakten mit gut belegten Zitaten, Bonmots und Anekdoten in Hülle und Fülle. Professor Andreas Wollbold hat ein lesenswertes Vorwort beigesteuert. Leider fehlt ein Stichwortverzeichnis, was bei der Vielzahl der im Text auftauchenden Namen durchaus sinnvoll gewesen wäre.

Marc Stegherr: Die Renaissance der katholischen Tradition: Die überlieferte Messe, die Gemeinschaften der Tradition und die Reform der Reform Benedikts XVI. Patrimonium-Verlag, Aachen 2015, 604 Seiten, EUR 29,80