Kongo auf dem Weg in die Zukunft

Mehrere Autoren beleuchten die Bereiche Politik, Gesellschaft und Kultur. Von Carl-H. Pierk

Mit „moyo!“ grüßen sich Menschen in Teilen des Kongo, was zu Deutsch etwa so viel heißt wie: Dein Herz soll leben! Unter dem Titel „Moyo! – Der Morgen bricht an“ ist Anfang des Monats im Brandes & Apsel Verlag ein Kaleidoskop von Stimmen bekannter und unbekannter kongolesischer Autoren erschienen. Das Buch ist gleichzeitig Einladung, den „unbekannten“ Kongo, also die Demokratische Republik Kongo, kennenzulernen und sich von der Vitalität und Kreativität kongolesischer Künstler und Denker inspirieren zu lassen. Hier schreiben kongolesische Kulturschaffende aus den Bereichen Politik, Literatur, Musik, Kunst und Film über ihr Land. Der Herausgeber Muepu Muamba ist Schriftsteller und Journalist. Er kommt aus der Demokratischen Republik Kongo. Vor Jahrzehnten floh er vor der Mobutu-Diktatur aus seiner Heimat, suchte zunächst vergeblich in mehreren afrikanischen Ländern Zuflucht, bis er schließlich in Frankreich politisches Asyl fand. Heute lebt und arbeitet er im deutschen Exil. Muepu Muamba ist Vorsitzender von Dialog International e.V.

„Moyo!“ ist ein Buch mit vielen Stimmen, oft stehen Wahrheit und Unwahrheit nebeneinander. So ist auch ein Blick im Zeitraffer auf die Geschichte der Demokratischen Republik Kongo nötig, um die vielfältigen Stimmen aus dem Kongo einordnen zu können.

De Demokratische Republik Kongo ist so groß wie Westeuropa oder mehr als sechs Mal so groß wie Deutschland. 1960 errang das Land seine Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Belgien. Unmittelbar nach der Unabhängigkeit brachen die „Kongo-Wirren“ aus, in deren Verlauf Provinzen aus dem Staatsverband ausschieden, der rechtmäßig gewählte Ministerpräsident Patrice Lumumba weggeputscht wurde. Lumumbas Amtszeit als Premier des unabhängig gewordenen Kongo dauert gerade drei Monate und ist vom ersten Tag an von Meutereien, Stammesfehden und Abspaltungen ganzer Landesteile geprägt – meist unter Anleitung und Mitwirkung der alten Kolonialmächte. Beispielhaft ist die Sezession der reichsten Region Katanga unter Moise Tschombé, der von den Belgiern massiv unterstützt wird. Vergeblich ruft Lumumba Amerika und die UNO zu Hilfe. Als er schließlich sowjetische Hilfe für die Niederschlagung der Sezession akzeptiert, ist sein Schicksal besiegelt. Der unabhängige Politiker wird als „kommunistisches Sicherheitsrisiko“ eingestuft und auf die Liquidierungslisten von CIA und belgischem Geheimdienst gesetzt. Von seinem Konkurrenten Kasavubu abgesetzt, wird er von seinem ehemaligen Mitstreiter Mobutu gefangengenommen und an seinen Todfeind Tschombé ausgeliefert: Das Bild des gefesselten und geprügelten afrikanischen Volkshelden geht um die Welt. Was folgt, ist ein Grusel-Szenario: Vor den Augen des Kabinetts von Katanga wird Lumumba nächtlich auf einer Waldlichtung ermordet.

1965 putschte sich Armeechef Joseph Mobutu endgültig an die Macht. Er fordert die Afrikanisierung seines Volkes, alles Westliche wird verpönt, christliche Namen werden gestrichen. Mobuto selber tauft sich um in Mobutu Sese Seko, was soviel heißt wie „der von Sieg zu Sieg eilt“. Aus Kongo wird Zaire, aus Léopoldville Kinshasa. Er wurde nach drei Jahrzehnten Herrschaft 1997 seinerseits durch einen Putsch seines Rivalen Laurent-Désiré Kabila aus dem Amt gejagt. Das Land erhielt wieder seinen alten Namen „Demokratische Republik Kongo“. (Nicht zu verwechseln mit der westlich angrenzenden, wesentlich kleineren Republik Kongo mit ihrer Hauptstadt Brazzaville.) Kabila wurde 2001 ermordet, er war der Vater des heutigen Übergangspräsidenten Joseph Kabila.

Als das tatsächliche Motiv für die Einmischung von Nachbarstaaten und Warlords im Kongo gelten die reichen Bodenschätze wie Gold, Diamanten, Kupfer, Kobalt und das seltene Erz Coltan, das unter anderem bei der Herstellung von Handys verwendet wird. Der Putsch Kabilas stabilisierte das Land nicht. Im August 1998 begann wieder ein Bürgerkrieg, an dem sich auch Einheiten aus verschiedenen Nachbarländern beteiligten. Seit 1998 starben nach Schätzungen des International Rescue Committee im „ersten Weltkrieg Afrikas“ 3,8 Millionen Menschen. Vor der Unabhängigkeit 1960 war es nicht besser: Bereits in den Jahren des Kongo-Freistaats (1885 bis 1908), als das Land Privatbesitz des belgischen König Léopold II. war, hatten durch brutale Ausbeutung, Überarbeitung und Krankheiten etwa drei Millionen Kongolesen ihr Leben verloren. Fünf Millionen Menschen sollen von den Küsten des Kongo und des heutigen Angola während der Kolonialherrschaft vom 16. bis zum 19. Jahrhundert in die Sklaverei verschleppt worden sein.

Von besonderem Interesse ist in diesem Buch das Kapitel über die Kirche in der Demokratischen Republik Kongo, speziell zu Zeiten Mobutus. Da heißt es: „In Mobutus Versprechen der Bildung einer starken Nation sah vor allem der charismatische Joseph-Albert Kardinal Malula die Möglichkeit einer Verwirklichung seiner persönlichen Vision einer starken kongolesischen beziehungsweise afrikanischen Kirche. Die Liebeserklärung an Mobutu schlug jedoch schnell in Kritik um. Gründe dafür waren die zunehmende Konzentratin der Macht in Mobutus Händen und der unkontrollierbare Einfluss des Einparteiensystems, die Repressionen gegenüber den Studenten 1969 und 1971 und gegenüber den im Kongo gebliebenen oder den zurückgekehrten Anhängern Lumumbas, die Mobutu öffentlich ermorden ließ.“ Außerdem, schreibt der als Theologe ausgebildete Boniface Mabanza Bambu weiter, „ließen zwei weitere Faktoren die Auseinandersetzung zwischen Mobutu und Katholischer Kirche eskalieren. Zusammenhängend mit seinem wachsenden Personenkult verbot Mobutu Kruzifixe und christliche Symbole in katholischen Einrichtungen und ließ diese durch Bilder von sich ersetzen. Als Mobutus Anhänger begannen, für ihn göttliche Attribute und für ihre Partei den Status einer Religion zu beanspruchen, war für die katholische Kirche eine klare Grenze überschritten.“ Mobutu reagierte mit dem Verbot christlicher und europäisch klingender Namen, verstaatlichte kirchliche Schulen und Universitäten und schaffte kirchliche Feiertage ab. Schließlich wurde Kardinal Malula 1972 verbannt. Erst nach harten Verhandlungen zwischen dem Vatikan und Mobutus Regime konnte er zurückkehren. Auch wenn einige Bischöfe nicht auf Distanz zu Mobutu gingen, die Nationale Bischofskonferenz blieb ihm gegenüber äußerst kritisch.

Um den Kongo zu verstehen, darf man sich nicht mit der Betrachtung der letzten Jahre begnügen, man muss auf seine Geschichte zurückblicken und einen Ausblick in die Zukunft wagen. Die DR Kongo hat große Chancen, sich friedlich fortzuentwickeln: Neben immensen Bodenschätzen herrscht ein gutes Klima für die Landwirtschaft. Viele Kleinunternehmer tragen zur wirtschaftlichen Entwicklung bei, die Wirtschaft lässt sich mit weiteren Mikrokrediten leicht ankurbeln. Vor allem muss man Hoffnung auf die „Friedenskräfte“ setzen, wie Kä Kana, Theologe und Essayist, schreibt: „Trotz der Gewitter, Turbulenzen, Stürme und historischer Umwälzungen in unserem Land und unserer Region sind diese Kräfte unsere wahre Hoffnung. Man muss in sie investieren und somit in die Erziehung, in die brennende Suche der neuen Generationen. Das ist unser Weg in die Zukunft.“

Muepu Muamba (Hrsg.): Moyo! Der Morgen bricht an. Stimmen aus dem Kongo. Brandes & Apsel Verlag,

297 Seiten, ISBN 978-3-86099-631-7,

EUR 29,90