Kommentar: Zölibat der Ethiker

Der Dalai Lama ist offenbar altersmilde geworden. Denn in seinen jüngsten Äußerungen spricht er viel über die Notwendigkeit der liebevollen Erziehung von Kindern. Er spricht sogar von denen, die an einen Schöpfergott glauben und so Trost sowie Linderung der Schmerzen erhalten, wenn ein Kind stirbt.

Am Dienstag ist er 75 Jahre alt geworden. Er, der immer lächelnde und von den Medien zum Gottkönig stilisierte Religionsführer. Aber im Buddhismus gibt es ja weder Gott noch König, nur eine irgendwie spirituelle Gemeinschaft. Und für die befürwortet der Dalai Lama das Zölibat, wie er gegenüber der Tageszeitung „Bild“ erklärt hat: „Sex macht den Menschen gemein mit allen anderen Tieren. Ich bin ein Mensch, der für gewisse moralische Prinzipien steht. Das Zölibat ist etwas, was mich vom gewöhnlichen Tier unterscheidet.“ Als Mensch könne man sich so besser seinem Glauben widmen, meint der Dalai Lama – warum bezeichnet er sich überhaupt als ein Wesen unter „anderen Tieren“?

Aber nicht nur diese Frage gibt Rätsel auf. Auch das Religionsverständnis des Dalai Lama wird immer dunkler. In seinem soeben erschienenen Buch „Der Weisheit des Herzens folgen – Warum Frauen die Zukunft gehört“ (Herder Verlag, 220 Seiten, EUR 14,90) macht er nicht nur kräftig Werbung für den tibetischen Buddhismus, den besonders Frauen suchten und den angeblich auch die westliche Wissenschaft zunehmend bestätige, wenn es um Stressabbau und das Gefühl der Gelassenheit gehe. Endlich nimmt der Dalai Lama seinen Anhängern voll-ends die Illusion, es handle sich im Buddhismus um eine Religion, deren Kern etwas Göttliche enthalte, das man anbeten könne. Vielmehr fordert er Glück für alle: „Das ist es, was eine universelle und nicht konfessionsgebundene Ethik ausmacht: eine verantwortungsvolle, selbstlose Haltung anderen gegenüber.“ Und er sagt es noch genauer: „Die Ethik, von der ich spreche, ist überkonfessionell und nicht religiös motiviert.“ Wir müssten danach streben, ist die Forderung des Dalai Lama, „alle religiösen und kulturellen Eigenarten“ hinter uns zu lassen, um für das 21. Jahrhundert eine „spirituelle Revolution“ zu erreichen. Das klingt nach Weltethos, und man konnte den Verdacht schon länger haben, dass es gesellschaftliche Kräfte gibt, die mit einer unverbindlichen Spiritualität die Religionen ablösen soll. Und warum überhaupt noch Spiritualität, wenn es doch nur um Ethik geht? Gerade heute findet es der Dalai Lama wichtig, dass sich Ethik nicht mehr auf Religion beruft, um„allgemeine Verhaltensregeln“ zu finden. Als gäbe es diese Regeln nicht in den zehn Geboten schon längst.

Genau betrachtet handelt es sich beim Dalai Lama auch gar nicht um eine Ethik im strengen Sinn, die Bedingungen vernünftigen Zusammenlebens klärt, sondern um ein Moralisieren, das im Dienst des Karma steht, also des Prinzips von Ursache und Wirkung im Handeln, die Samen für künftiges Leid sind. Nur wer sich dieses Prinzips bewusst sei und anderen keinen Schaden mehr zufügen will, kommt nach Meinung des Dalai Lama zwangsläufig zur Idee der universellen Ethik. Doch diese Ideen haben als großes Zugeständnis an den westlichen Zeitgeist nicht nur wenig mit dem ursprünglich tibetischen Buddhismus zu tun, sie können auch den gläubigen Christen nicht überzeugen, der den anonymen Zyklus von Ursache und Wirkung nicht als Prinzip der Welt anerkennen kann. Wenn Christen das Zölibat als Lebensform wählen, dann wegen einer einer ganz engen, interpersonalen Liebesbeziehung mit Gott, nicht aber wegen des Bezugs zu universalen ethischen Normen. Für den Buddhisten im Sinne des Dalai Lama bleibt daher auch nur ein Zölibat der Ethiker.