Kommentar: Trotz Chaos das Gute bewahren

Es herrscht Ausnahmezustand: Plünderungen herumziehender Horden Gewaltbereiter, Feuer auf den Straßen, Abwesenheit von Polizei und Ordnung, Tote, das Ende jeglicher elektronischer Kommunikation. Das war in den vergangenen Tagen der Zustand in Ägypten, und man mag sich damit beruhigen, dass er vorübergeht. Ähnliche Ereignisse gab es auch schon in westlichen Vorstädten, in Paris etwa. Und es ist nicht verwunderlich, dass die Gestalt des Chaos selbst der Stoff von Filmen ist. Einer von ihnen ist der im vergangenen Jahr erschienene „The book of Eli“ (DT vom 16.2.2010).

Es wäre sicher die geeignete Interpretation der Geschehnisse in Ägypten, diese nicht nur als einen rein politischen Vorgang des Kampfs der Bürger um mehr Freiheit zu sehen, sondern auch als Metapher für Untergang, Chaos und Neubeginn. Der Film „The Book of Eli“ von den Hughes-Brüdern bedient sich dieser Metaphern in der Epoche nach einer Katastrophe, in der es nichts anderes mehr gibt als die ägyptischen Zustände dieser Tage. Der Film versucht, die fundamentalen Fragen zu stellen, wie die Menschheit weiterleben könnte, wer die Gemeinden wieder aufbaut, wie die Zivilisation zurückgerufen und bewahrt werden kann. Denn im Zustand des Chaos sind die Menschen wie betäubt, sie reagieren nicht mehr richtig, sie sehen, aber können nicht mehr erkennen. Es ist die Stunde, in der ein Souverän die Macht ergreifen kann, es fragt sich nur, wer dieser ist. Politische Ausnahmezustände eröffnen immer einen Blick in den Abgrund, der schnell wachsen kann. Es kommt in diesen Augenblicken darauf an, ob es jemanden gibt, der noch den Wert des Guten kennt und ihn durchsetzen kann.

Im Film ist dieser Gute der von Denzel Washington gespielte Eli, der als einziger auf der Welt das Buch besitzt, das nach der großen Katastrophe auf Anlass der Regierung vernichtet wurde: die Heilige Schrift. Dieses Buch versucht er für die Menschheit zu retten. Der Film handelt vom Wert der Heiligen Schrift und davon, wie dieser Wert bekämpft wird. „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft“, heißt mahnend das Motto des Films von George Orwell, das an den Widersacher Elis gerichtet ist. Die Zerstörung der Bibel hat die Menschen leer gemacht, sie haben vergessen, zu teilen und mehr für andere da zu sein, als für sich selbst. Diese Tugenden haben nur noch in der Hauptfigur Eli überlebt, weil er durch eine Stimme den Auftrag erhalten hat, das Wissen um das Gute schlechthin zu retten. Neben Wasser, Nahrung und Unterkunft braucht es vor allem auch starke Überzeugungen.

Wenn die Dynamik der Gewalt beginnt, eskaliert sie – das meistens so. Der Glaube ist hierbei die Hilfe, die Realität richtig zu deuten und einen Weg zum Guten zu finden. Das Leben in diesen scheinbar ausweglosen Situationen stellt den Einzelnen vor moralische Entscheidungen und es ist kein Zufall, dass Eli im Film ein Einzelgänger ist. Die Wissenden werden immer weniger. Aber sie sind die Hoffnung für einen Neuanfang aus den tiefsten Schätzen der Kultur, der auch Ägypten zu wünschen ist.