Kommentar: Schrecklich schöne Pieta

Von Stefan Meetschen

Die Menschen lieben das Gute, Wahre und Schöne. Im Leben und in der Kunst. Wer nach Paris reist und den Louvre besucht, möchte die „Mona Lisa“ sehen, „Amor und Psyche“, die „Venus von Milo“. Wer der National Gallery in London einen Besuch abstattet, bringt Zeit mit für Leonardo da Vincis „Felsgrottenmadonna“, den „Stuhl mit Pfeife“ von Vincent van Gogh, Raphaels „Madonna mit den Nelken“. Wer nach Rom reist, will nicht nur den Vatikan sehen, er möchte auch die „Pieta“ von Michelangelo im Petersdom bestaunen. Eines der bedeutendsten Werke der abendländischen Bildhauerei, das bekannteste Werkbeispiel eines früher außerordentlich beliebten Sujets: Die Mutter Gottes weint über ihren toten Sohn, dessen Leichnam ausgestreckt auf ihrem Schoss liegt.

Wenn man den Filmexperten Recht gibt, hat nun auch Venedig seine Pieta. Bei den dortigen 69. Filmfestspielen ist das Drama „Pieta“ des südkoreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden. Kim erzählt in diesem Film die Geschichte eines brutalen Geldeintreibers, der einer fremden Frau begegnet, die sich als seine Mutter entpuppt. Eine Schockerfahrung, die den brutalen Mann immer verletzlicher werden lässt. Sein bislang allein auf dem Materialismus basierendes Leben gerät aus den Fugen, öffnet sich für eine neue Dimension. Das Unsichtbare, die Liebe. Ein Weg der Läuterung beginnt. Eine Metanoia jenseits des Kapitalismus.

Der Regisseur weiß, wovon er erzählt. Als Kind wurde er von seinem Vater misshandelt, die Schule schmiss er früh, die Arbeit bei der Marine und in einer Fabrik entsprach auch nicht seinen persönlichen Idealvorstellungen. Schon mehr die Tätigkeit an einem Priesterseminar, wo Kim Ki-Duk eine Zeit lang mit Sehbehinderten arbeitete.

Sehen, das hat natürlich etwas mit Kino zu tun, auch wenn man bei einem guten Film nicht alles zeigen, nicht alles sehen muss. „Ich sehe etwas, das ich nicht verstehe, und mache einen Film darüber, um es zu begreifen“, hat der 51-jährige Regisseur, der die vergangenen Jahre zurückgezogen in einer einsamen Waldhütte verbracht hat, einmal gesagt. Ein guter Ansatz. Vielleicht sogar die Haltung einer neuen Generation von Film-Regisseuren. Denn neben Kim Ki-Duks katholisch-buddhistisch inspiriertem „Pieta“-Film waren bei dem diesjährigen Festival von Venedig viele andere religiös angehauchte Filme im Programm. Unter anderem eine ausgesprochen kritische Auseinandersetzung mit der Scientology-Sekte in „The Master“ von US-Regisseur Paul Thomas Anderson. Der neomarxistische Schriftsteller Dietmar Darth ulkt bereits: „Thematisch fand man sich am Lido 2012 häufig auf einer Art Tempel-, Moscheen-, Synagogen- und Kirchentag.“

Nun ist gerade Kim Ki-Duk bekannt dafür, dass die Gewaltdarstellung in seinen Filmen explizit ist; auch in dem Film „Pieta“ geht der Regisseur zuweilen an die Grenze der ästhetischen Geschmacksorientierung. Aber: Hat Michelangelo das nicht auch getan? Ist es nicht eine viel größere ästhetische Gewalttat, ein Kunstwerk wie die vatikanische „Pieta“ lediglich als kunstvoll geformten Salongegenstand zu betrachten? In Vergessenheit des brutalen Hintergrundes dieses Sujets, der Kreuzigung? Bereits bei Mel Gibsons „Passion“ ist über diesen Aspekt von Religion und Gewalt in der Kunst diskutiert und heftig gestritten worden. Schon damals konnte man den Eindruck gewinnen, dass nur eine zivilgesellschaftlich domestizierte Religion ein Recht hat, den öffentlichen Kino- und Kirchenraum zu besetzen. Der Wahrheit des Christentums wird man damit nicht gerecht. Die Kreuzigung schockiert, ebenso die „Pieta“. Die von Michelangelo und die von Kim Ki-Duk. Damit allen religiös Sehbehinderten die wahre Schönheit aufleuchte.