Kommentar: Renaissance der Reinheit

Der Begriff der Reinheit besitzt im Westen keinen guten theologischen Ruf mehr, obwohl er in der Religionsgeschichte eine gründende Rolle spielt. Wer mit dem Wort Reinheit im deutschsprachigen Raum in eine theologische Debatte einsteigt, hat verloren. Bestenfalls wird er als naiv belächelt, durchschnittlich der Wagenburgmentalität verdächtigt, schlimmstenfalls als fundamentalistischer Zündler denunziert. Ähnliche Andeutungen werden gegenüber Papst Benedikt XVI., der in seiner Verkündigung das biblische Konzept der Reinheit nicht scheut, akademisch so verpackt, dass sie nicht weniger einem diskurstheoretischen Ausschluss gleichkommen: Die Theologie des Heiligen Vaters sei Platonismus der „reinen Ideen“ und insofern theologisch-philosophisch überholt.

Merkwürdig. Wo der Begriff der Reinheit in der Kirche schamvoll hinter die Kulissen geschoben wird, zerren ihn von dort glaubensferne Bürger, Denker und Künstler auf die Bühne zurück. Aktuelle Beispiele illustrieren das: Reinheit als Kategorie, mit deren Hilfe über Sexualität gesprochen wird, getraut sich kein deutschsprachiger Pfarrer, Bischof, Laie oder Professor der Moraltheologie mehr in den Mund zu nehmen – aus Angst, er könne sich lächerlich machen. Gleichzeitig beschäftigt ein Kinofilm mit Titel „Shame“ (zu Deutsch: Scham, Schande) von Steve McQueen querbeet die deutschen Feuilletons. Sie quält die Frage, was es bedeutet, wenn die Hauptfigur des Films ein ständig sexbereiter Mann ist, dessen Gier nie gestillt werden kann, dessen gesamtes Denken in New Yorks Glitzerwelt um Befriedigung der Triebe kreist, aber innerlich völlig abgestumpft ist. Da scheuen sich Glaubensferne keineswegs zu fragen, ob sich in diesem Film nicht eine Sehnsucht nach Reinheit maskiert – was keineswegs verächtlich tönt.

Oder der aktuelle Streit zwischen dem „Spiegel“-Autor Georg Diez und dem Schriftsteller Christian Kracht um dessen Roman „Imperium“ – in dem Kracht vorgeworfen wird, rechtsextremes Gedankengut auf subtile Weise zu transportieren. Plötzlich wird im aufgeregten Pro & Contra auch um die Funktion von Gesinnungen und Haltungen im „Simulationsraum der Literatur“ (Ralf Klausnitzer) gestritten und wie rein sie sich im fiktionalen Erzählen spiegeln lassen (dürfen) oder nicht. Die Kunst als ein Labor „reiner Ideen“ – zu so etwas ist die Theologie, die keine Grundlagenforschung mehr betreibt, sondern pastorale Anwendungswissenschaft ist, längst nicht mehr in der Lage, weil sie „reine Ideen“ ihres Selbstverständnisses nicht kennen will.

Die säkulare Renaissance der Reinheit ist auch im Alltagsleben handgreiflich. Essen, Umwelt, Gesundheit: Es geht mehr und mehr darum, die Lebensmittel und deren Produktion, die Natur, den menschlichen Körper und die menschliche Seele von schädlichen, schmutzigen, künstlichen Einflüssen im weitesten, wörtlichen Sinn zu reinigen. Fleisch gerät zusehends gar unter Generalverdacht, das Übel an sich zu sein. Das reine Lebensmittel, der perfekte und gesunde Körper, die reine Natur: Es gäbe derart viele kulturelle Anschlussmöglichkeiten für Theologen, das Konzept der Reinheit ins Gespräch zu bringen – sie verstreichen.

Am Beispiel der kirchlich-theologischen Ignoranz gegenüber einem Begriff wie der der Reinheit lässt sich zeigen: Wer über Gebrochenheit und Zweifel als herausragendste Insignien heutiger Biografien reden will und deren Anerkennung als einzigen Weg der Kirche zurück zu den Menschen der (Post)Moderne empfiehlt, übersieht, dass Gebrochenes, Zweifel und Schuld allein im Spiegel des Ungebrochenen, der Gewissheit und Unschuld den Menschen wirklich im Innersten berührt. Wer Begriffe wie den der Reinheit theologisch entsorgt, betrügt den Menschen um die Hälfte seiner Erlösungs- und Freiheitsmöglichkeiten.