Kommentar: Ist persönlicher Glaube privat?

Von Johannes Seibel

Die an Trainerpossen satte Saison der Fußball-Bundesliga ist um eine reicher: Frank Schaefer, Trainer des abstiegsbedrohten 1. FC Köln, hatte bei seinem Amtsantritt im November dem Lokal-Boulevardblatt „Express“ ein Interview gegeben: Darin sprach er frank und frei davon, dass für ihn der christliche Glaube mehr ist als ein bürgerliches Accessoire an Sonn- und Feiertagen, er und seine Familie vielmehr diesen Glauben Tag für Tag bewusst leben. Heute, einige Monate später, sind die Kölner Fußballer zwar noch nicht gerettet, aber auch nicht mehr akut abstiegsgefährdet. Da wollte der Verein den Vertrag des Trainers verlängern, der wollte aber nicht sofort unterschreiben – und schon spielte auf dem Boulevard der Kölner Sportdirektor Volker Finke die Glaubenskarte aus: Schaefer zögere, den Vertrag zu unterzeichnen, weil ihm die wenig koscheren Machenschaften im Profifußball nicht so schmeckten und er im Grunde diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten ablehne. Das wisse man, so Finke – Achtung, jetzt kommt's – aus dem Interview Schaefers und dessen Ausführungen zum christlichen Glauben. Finke schloss also daraus kurz, dass ein Christ, der öffentlich seinen Glauben bekennt, ein frommes Weichei sein muss, und deshalb nicht weiter die Brocken für die Kölner im Haifischbecken Bundesliga verteidigen möchte. Der so in aller Öffentlichkeit desavouierte Coach musste flugs und konsterniert diese Lesart dementieren. Im Jargon des Boulevard war schnell das Wort von der Kölner Glaubenskrise gefunden.

Nun gibt es ja eine genuin religiöse Glaubenskrise in Deutschland. Und die katholische Kirche möchte mit ihrem Dialogprozess dem begegnen. Sie kann aus der Kölner Bundesliga-Posse lernen. Wenn der Dialog erklärtermaßen auch dem Ziel dient, dass die öffentliche Präsenz des christlichen Glaubens verteidigt werden soll, damit dieser nicht ins Private abgedrängt wird, dann reicht es nicht, diesen Anspruch nur mit Blick auf die gegenwärtige Struktur des Staat-Kirche-Verhältnisses zu sehen. Wenn mit der Öffentlichkeit des Glaubens allein gemeint ist, dass die Kirche soziale Einrichtungen in Kooperation mit den Kommunen unterhält, an staatlichen Universitäten und im Schulwesen präsent ist, im Beamtenrecht berücksichtigt wird oder Kirchensteuer erhält, greift das wesentlich zu kurz. Ein Anspruch auf eine solcherart verstandene strukturelle öffentliche Anerkennung verliert nämlich im wahrsten Sinne des Wortes den Boden, wenn der persönliche Glaube ins Private abgedrängt wird, wofür die Kölner Posse eines unter zahllosen Indizien ist. Wo Christen am Arbeitsplatz, nach Feierabend im Bekanntenkreis, in Vereinen, beim anderweitigen ehrenamtlichen Engagement, in der Kneipe, in der Straßenbahn, in den Medien oder wo auch sonst immer Öffentlichkeit herrscht, sich mit ihren persönlichen, möglicherweise strittigen Ansichten zu allen Fragen ihres Glaubens zurückhalten, weil sie meinen, dass sich das nicht gehört, da weicht unweigerlich die Legitimität des öffentlichen Anspruches der Kirchen auf und wird von anderen gesellschaftlichen Gruppen – nachvollziehbar – in Frage gestellt. Und wo die einzelnen Gläubigen, gleichgültig ob sie der Kirchenpraxis näher oder ferner stehen, von den Hauptamtlichen, den Seelsorgern und Bischöfen durch deren öffentliches Reden über und zeichenhaftes Leben ihres eigenen persönlichen Glaubens kein alltägliches, zur Normalität gehörendes Vorbild in Wort und Tat erfahren, auch da ist der öffentliche Anspruch der Kirche in Gefahr – aller Kirchen.

Im Alltag wird der persönliche Glaube des Einzelnen längst nicht mehr öffentlich akzeptiert. Hier wird persönlich mit privat verwechselt. Das aber wird als eine der wichtigeren Ursachen der Kirchenkrise in Deutschland zu wenig im Dialogprozess thematisiert.