Würzburg

Kommentar: Großer Aufruhr um eine kleine Anfrage

Die parlamentarische Arbeit der AfD ist berechenbar - die Reaktionen darauf aber auch. Ein kulturpolitisches Beispiel zeigt, warum der Reflex eher der Reflexion weichen sollte.

Ein AfD-Aufkleber an einer Wand.
In der parlamentarischen Arbeit der AfD spielt die gezielte Provokation eine große Rolle. Foto: Andreas Arnold (esa)

Welche Nationalitäten haben die Beschäftigten der Stuttgarter Staatstheater? Mit dieser „kleinen Anfrage“ hat die AfD die Gemüter erhitzt und erneut bewiesen, dass ihr an Provokation mehr liegt als an einem konstruktiven Beitrag zum gesellschaftlichen und politischen Leben. Dennoch muss man sich fragen, wie man mit derlei durchschaubaren Manövern sinnvoll umgeht.

Zunächst handelt es sich hier um eine kalkulierte Taktlosigkeit: Aus hinlänglich bekannten Gründen reagiert man in Deutschland hochsensibel auf die Erfassung von Bevölkerung nach ethnischen Gesichtspunkten, und das ist gut so. Bereits 2018 hatte die AfD im Bundestag eine Anfrage gestellt, in der sie einen Zusammenhang suggerierte zwischen genetisch bedingten Behinderungen aufgrund von Verwandtenehe und Migrationshintergrund – assoziative Provokation mit System. Die kulturpolitischen Programme der AfD durchzieht eine frappierende Unkenntnis des eigenen kulturellen Erbes, und dementsprechend provinziell erscheint die Anfrage an ein derart internationales Metier: Schwedische Sänger haben sich um italienische Oper verdient gemacht, chinesische Pianisten um deutsche Klaviermusik; unsere Kulturlandschaft ist das Ergebnis jahrhundertelanger Vernetzung. Eine vom globalen Kontext losgelöste europäische oder deutsche Kunst existiert nicht, und heute wird sie zu einem Gutteil von Nichteuropäern gepflegt, am Leben erhalten und – geliebt!

Kulturleben braucht Bildung, keine Pässe

Hier müsste man eigentlich ansetzen: Warum sind es japanische Kinder, die selbstverständlich das Klavierspiel erlernen und koreanische Sänger, die ihr Leben „ureuropäischen“ Kunstformen wie der Oper widmen? Es ist ein Problem, wenn andere offenbar besser wissen als wir, welches bedeutsame Erbe wir für die gesamte Menschheit verwalten dürfen. Wenn Deutschlands einzigartige Kultur erhalten bleiben soll, braucht es ein Bewusstsein in der Bevölkerung für diesen Schatz.

Grundstein dafür ist aber kein von „Passdeutschen“ getragenes Kulturleben, sondern eine Bildungspolitik, die Kunst als Kernanliegen betrachtet. Damit wäre der Spieß umgedreht, denn die Politik muss sich fragen lassen: Wieso ist ihr künstlerische Bildung so wenig wert? Wieso ist die Kunst, deren Vermittlung von so vielen Menschen unterschiedlichster Herkunft als Lebensaufgabe betrachtet wird, in unserer Bevölkerung so wenig relevant?

Zwar schiebt Rainer Balzer, der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Stuttgarter Landtag, die Situation der deutschen Nachwuchskünstler als Grund für die Anfrage nach, aber dies ist offensichtlich ein Feigenblatt: Dieses tatsächlich wichtige Thema kann problemlos sachlich angemessen diskutiert werden; es liegen dazu auch aussagekräftige Angaben vor. Bedenkt man, wie leicht sich die Anfrage konstruktiv ummünzen ließe, erstaunt die unsouveräne Reaktion der Kulturmacher, die sich größtenteils auf einen Empörungsreflex zurückziehen. Wohltuende Ausnahme: Das Mainzer Theater nutzt die Angelegenheit, um nonchalant auf seiner Facebookpräsenz die Vorstellung internationaler Ensemblemitglieder vorzunehmen.

Die Chance zur Selbstkritik verpasst

Generell aber versäumt man es, die Diskussion auf die Sachebene zu verlegen, wo man der AfD keine Fläche für populistische Profilierung böte, aber konkrete politische Arbeit einfordern könnte. Überdies lässt man sich damit auch die Chance zu kritischer Selbstreflektion entgehen: Ja, es ist einfach, sich angesichts einer solchen Vorlage mit der eigenen Weltoffenheit zu brüsten. Doch der Theaterbetrieb ist keinesfalls ein diskriminierungsfreier Raum. Insbesondere asiatische und farbige Künstler können davon mitunter ein Lied singen, im wahrsten Sinne des Wortes. Es täte gut, hier um der eigenen Authentizität willen innezuhalten und zu überprüfen, ob man das, wofür man einstehen will, auch einlöst.