Kommentar: Ende der Maskerade

Befürworter eines gesetzlichen Verbots der Präimplantationsdiagnostik (PID) haben seit Donnerstag Grund, sich bei der eilig ins Leben gerufenen „Ethikkommission“ der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) zu bedanken. Denn besser als die „Ethiker“ des Atheisten-Clubs es mit ihrer an den Deutschen Ethikrat adressierten Stellungnahme zur PID nun getan haben, kann man die verlogene Debatte über die Zulassung der PID kaum demaskieren. Statt wie Peter Hintze (CDU) mit Vokabeln wie „menschenfreundlich“ und „ethisch wertvoll“ verbalen Zuckerguss auf die „Zeugung auf Probe“ und die anschließende Selektion im Labor zu gießen, lassen es die neun Kommissionsmitglieder um die Philosophen Dieter Birnbacher, Norbert Hoerster und GBS-Geschäftsführer Michael Schmidt-Salomon auf sechs DIN-A4-Seiten richtig krachen. Da wird die PID schnörkellos als „eine Form von verbrauchender Embryonenforschung“ bezeichnet, die der „Vermeidung unerwünschter Eigenschaften und der Minderung subjektiven Leidens“ diene. Ärzte und Eltern, die durch die PID „lediglich Krankheit vermeiden“ wollten, wird beschieden, „in Wahrheit“ vermieden sie „ein krankes Kind und bringen stattdessen im Idealfall ein anderes, gesundes hervor“.

Dabei streben die GBS-Ethiker keineswegs ein Verbot der PID an. Im Gegenteil. Sie werben vielmehr für „eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik in erweiterten Grenzen“, bei der nicht einmal die Laborzeugung von Designer-Babys – die GBS-Ethiker ziehen hier den Begriff Rettungskinder vor – tabu sein soll. Frank und frei räumen sie ein: Bei den als passende Zell- und Gewebespendern erzeugten Embryonen gehe „es nicht mehr nur darum, ein gesundes Kind zu bekommen, sondern zusätzlich um einen anderen, guten Zweck“, nämlich den, „das Leben eines Geschwisters zu retten“. Damit nicht genug empfehlen die Kinder-Verzwecker auch gleich „eine grundsätzliche Revision des in vielerlei Hinsicht veralteten Embryonenschutzgesetzes“. Anstoß nehmen die GBS-Ethiker zudem daran, dass sich „angesichts der Möglichkeit, die PID in unseren Nachbarländern durchführen zu lassen“, was „wohlhabende Paare seit geraumer Zeit“ täten, die „geplanten Restriktionen“ nur jene beträfe, „die sich eine PID im Ausland nicht leisten können“. Eine solche Regelung sei nicht nur „sozial ungerecht“, sondern auch „rechtspolitisch bedenklich“. Daher empfehlen die Atheisten dem Gesetzgeber, davon abzusehen, ein Gesetz zu beschließen, das den „Rechtsfrieden stören“ und – man traut seinen Augen kaum – „den Glauben an den Rechtsstaat“ untergraben könnte.

Ob derjenige, der noch an den Rechtsstaat glaubt, nach Ansicht der GBS-Ethiker als ähnlich geisteskrank betrachtet werden muss, wie der Gottgläubige nach Ansicht des Biologen und Atheisten-Papstes Richard Dawkins, dem die GBS unlängst den Deschner-Preis verlieh, darüber schweigen sich die Autoren leider ebenso aus, wie darüber, ob die „mündigen Bürgerinnen und Bürger“, die in einem liberalen Gemeinwesen „tun und lassen“ dürfen sollten, was nicht mit „guten Gründen verboten werden“ könne, die PID auch zur Geschlechtswahl einsetzen können sollen. Für Letzteres spricht nicht wenig. So heißt es in der Stellungnahme, nicht nur „grundsätzlich sollten alle Menschen, die den beschwerlichen Weg der künstlichen Befruchtung wählen, die Möglichkeit zu PID haben“. Die einzige Einschränkung, der die GBS-Ethiker Geltung verschaffen wollen, besteht darin, dass Eltern keine kranken Embryonen auswählen können sollen. Begründung: Gesundheit sei „ein hohes Gut, das man Kindern nicht absichtlich vorenthalten dürfe“. Dass man ihnen stattdessen das Weiterleben vorenthalten können soll, ist nicht nur brutal, sondern auch ungemein erhellend.