Kommentar: Die Saat geht auf

Von Stefan Rehder

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„Ach, da kommt der Meister! Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd' ich nicht mehr los“. Wer die Podien besuchte, mit denen die Veranstalter des Mannheimer Katholikentags „Wege zu einer Kultur des Lebens“ bahnen wollten, der konnte gar nicht vermeiden, dass ihm die Verse aus Goethes „Zauberlehrling“ durch den Kopf schossen. Dabei ist es längst kein Geheimnis mehr, dass nicht alle katholisch Getauften auch Anhänger der kirchlichen Lehre sind und weder in Fragen des Glaubens noch der Moral meinen, die Positionen des römischen Lehramtes gutheißen zu können. Und auch dass Generationen von Hochschullehrern, Pfarrern und Religionslehrern seit Jahrzehnten Zeit und Kraft darauf verwenden, die Zahl dieser Katholiken zu steigern, ist keine neue Erkenntnis. Und dennoch hatte die „Abstimmung mit den Füßen“, der man in Mannheim in vielen Sälen begegnen konnte, etwas Beklemmendes.

Selten einmal haben die Besucher von Katholikentagen so deutlich gemacht, dass sie die Gesellschaft nicht christlicher, sondern die Kirche weltlicher machen wollen, wie in Mannheim. Selten einmal haben sie so wenig Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie – sobald Kirche und Staat miteinander in Konflikt geraten – bereit sind, sich auf die Seite des Staates zu schlagen.

Abtreibung, künstliche Befruchtung, Selektion von Menschen mit Behinderungen, Sterbehilfe sind offenbar für viele keine Zumutungen mehr, die eine säkularisierte Gesellschaft an die Christen stellt. Es ist umgekehrt: Als Zumutung wird heute von vielen eine Lehre empfunden, die die Gewissen nicht beruhigen und keinen Persilschein für das ausstellen mag, was in weiten Teilen der Gesellschaft als „normal“ oder auch nur als „verständlich“ empfunden wird. Mochten manche bislang glauben, eine solche Haltung erstrecke sich allein auf die katholische Sexualmoral, so weiß man seit Mannheim, dass dies nicht der Fall ist. Die Mehrzahl der Katholikentagsbesucher wollen nicht nur „Sex vor der Ehe“ und verhüten, sondern mit gutem Gewissen auch abtreiben, im Labor zeugen und zu einem selbstgewählten Zeitpunkt aus dem Leben scheiden können. Dabei überrascht nicht allein die erschreckende Unkenntnis vieler Katholikentagsbesucher über das, was die Kirche lehrt und wie sie es begründet, sondern auch die Leichtfertigkeit, mit der viele glauben, sich darüber hinwegsetzen können.

Andererseits: Wer weiß, wie wenig viele Pfarrer meinen, ihrer Gottesdienstgemeinde noch zumuten zu dürfen, wie wenig Bildung dort vermittelt wird, und wie viel sich auf ein „Sich-gegenseitig-Feiern“ beschränkt, der kommt nicht umhin festzustellen: Man kann nur ernten, was auch einmal gesät wurde.

„Gott ist ein Freund des Lebens“, lautet der Titel der gemeinsamen Erklärung, die die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland 1989 verabschiedet hatten. Wer auf dem diesjährigen Katholikentag in Mannheim die auch von Protestanten besuchten Veranstaltungen unter die Lupe nahm, die dort „Wege zu einer Kultur des Lebens“ bahnen sollten, wird festhalten müssen: Viele getaufte Christen in Deutschland sind das nicht mehr. Sie sind allenfalls noch Freunde ihres eigenen Lebens, eines, das in einer ausufernden Konsumgesellschaft immer schwerer zu vollziehen ist und schneller droht, den Anschluss zu verlieren. Eines, das deshalb nach Ansicht vieler auch von der Kirche nicht zusätzlich kompliziert werden darf. Der Gedanke der Teilhabe – auch das ist eine Lehre, die man aus Mannheim ziehen kann – erstreckt sich für viele ausschließlich auf Irdisches. Man muss den Funktionären des deutschen Katholizismus nicht unterstellen, das gewollt zu haben. Aber man muss ihnen sagen: Es ist ihre Saat, die da gerade aufgeht.