Kommentar: Das Gute bleibt spannend

Von Professor Jörg Splett

P. Engelbert Recktenwald verdanken wir eine, nein: die erhellende Arbeit zum berühmten Argument Anselms von Canterbury, der von dem Gedanken ausging, Gott sei der, über den hinaus nichts Größeres = Besseres gedacht werden könne: Die ethische Struktur des Denkens von Anselm von Canterbury (Heidelberg 1998). Gegen die eigentümliche These, das Gute sei langweilig, hat er – am 1. Juli im Feuilleton dieser Zeitung – ins Feld geführt, das Gute sei spannend, weil es sich bewähren müsse. Das trifft zu – und hat Folgerungen bis in die sogenannte „Theodizee“ = Rechtfertigung Gottes.

Der auf Leibniz zurückgehende Name meint die Überlegungen in der bedrängenden Frage nach dem Verhältnis von Gott in seiner Güte und Allmacht zu der Vielfalt an Übeln und Bösem in unserer Welt. Diese Problematik hat solches Gewicht, dass zeitweise die philosophische Gotteslehre als Ganze „Theodizee“ hieß.

Man darf sich fragen, ob wir endlichen Wesen Gott rechtfertigen können. Ob wir es überhaupt in Angriff nehmen dürfen. Hätten wir nicht stattdessen unseren Glauben an ihn zu rechtfertigen? Obendrein gehört zu diesem Glauben die Erwartung, dass Gott selbst sich dann rechtfertigen werde. Jahrhunderte lang hat es im Brevier (Psalm 50,6) geheißen: Gott werde siegen, wenn ihm der Prozess gemacht werde. Dieser Satz findet sich in der griechischen Übersetzung; von dort her auch im lateinischen Text („Vulgata“), sogar in Luthers Deutscher Bibel von 1545 (sie zählt den Ps als 51.). Im Hebräischen ist davon keine Rede – und darum auch nicht in den heutigen Übersetzungen. Hier heißt es: „Du erweist dich gerecht in deinem Urteil.“ Aber verschwunden ist der Satz nicht: Paulus nämlich zitiert ihn im Römerbrief (3, 4). Darum findet er sich bei Luther und gilt auch für Christen, die die Übersetzung der „Septuaginta“ nicht als Offenbarung Gottes anerkennen. Zu diesem Gedanken indes passt ein Wort Jesu beim letzten Abendmahl (Joh 16, 23): „An jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen.“ Zur Verteidigung unserer Hoffnung aber hat uns Petrus verpflichtet (1 Petr. 3, 15)

Das Gute bleibt also spannend. Ist das indes bereits die letzte Antwort? Wenn sie es wäre, hätten wir den Bösewichten dankbar zu sein. Ja, schon Adam und Eva für ihren Fall, weil nach der Haupttradition christlichen Denkens die Menschwerdung der zweiten Person in Gott ohne diesen undankbaren Ungehorsam nicht erfolgt wäre. So sieht es Thomas von Aquin und so drückt es die Liturgie der Kartage wie des Osterfests aus, die die Schuld „glücklich“ nennt. (Dabei sind glücklich nur die, denen verziehen ist – und nicht über ihre Schuld; oder wäre Petrus im Himmel glücklich über seine Verleugnung?)

Demgegenüber hat Johannes Duns Skotus vertreten (und auch bei Karl Barth kann man es lesen), dass der Zielgrund der Schöpfung die Hochzeit von Himmel und Erde in der Menschwerdung des Wortes war und ist, statt dass es sich um eine „Reparaturmaßnahme“ gehandelt hätte. So steht in der Ostkirche nicht das Kreuz, sondern Jesu Lebensbeginn – bei der Verkündigung an Maria – im Zentrum.

Muss man, um eine Mozart-Sonate aufnehmen zu können, vorher eine Stunde ungeschützt am Schleifstein gearbeitet haben? Ist Hunger der „beste Koch“ oder steht es nicht vielmehr so, dass in der Not „der Teufel Fliegen frisst“? Wäre Liebe langweilig ohne Streit mitsamt anschließender Versöhnung? Jenseits der Spannung stünde man in Erfüllung und Glück! Und das deutet P. Recktenwald selbst an. Ich habe ihn also nicht zu korrigieren, finde es aber geboten, seine behutsame Andeutung zu unterstreichen: im Blick auf die Seligkeit bei Gott, die uns erwartet.