Berlin

Kommentar: Aus Horror wird Folklore

Der Zynismus, der hinter der neuen Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“ steht, entspringt einer Psychologie, die keinen Respekt vor dem Leben wie vor dem Tod hat.

Zentrum für Politische Schönheit vor Reichstagsgebäude
Berlin: Eine Säule, in die Asche von Auschwitzopfern eingegossen worden sein soll, steht vor dem Reichstag. Das Objekt ist Teil eines Kunstwerkes der Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit. Foto: Christophe Gateau (dpa)

„Tötet Roger Köppel!“ – auf dieses Niveau muss man gefasst sein, wenn Philipp Ruch auftaucht. Mit dem Mordaufruf am Chefredakteur der „Weltwoche“ warb Ruch 2015 auf einem Theaterplakat. Für den Gründervater des „Zentrums für politische Schönheit“ (ZPS) ist klar: Kunst darf nicht, sondern muss verstören. Im Zweifelsfall geht sie dafür über Leichen. Beim Mini-Mahnmal auf Björn Höckes Nachbargrundstück blieb es bei der symbolischen Tat. Anders sah es aus, als das ZPS Migrantenleichen an der EU-Außengrenzen exhumieren und nach Berlin bringen ließ. Die Polizei verhinderte eine Demonstration mit Toten.

Ohne Ästhetik pervertiert die Kunst

Auf Kunstfreiheit beruft sich das ZPS auch bei der neuen Aktion. Mit einem Bohrkern aus Asche und Knochenresten aus NS-Vernichtungslagern hat sich das ZPS endgültig demaskiert. Der Fall bestätigt nicht nur den alten Vorwurf, dass Kunst ohne Ästhetik pervertiert. Er führt den fundamentalistischen Eifer ideologischer Desperados vor Augen. Die Störung der Totenruhe ist nur ein kleiner Preis, schließlich wollen die Aktivisten vor der AfD warnen. In Wirklichkeit würdigen sie die Überreste brutal ermordeter Juden zu frei verfügbarer politischer Masse herab. Um die moralische Deutungshoheit in Deutschland zu gewinnen, bedarf es des Missbrauchs von Holocaustopfern.

Eine verdammungswürdige Unverschämtheit

Aus Horror wird Folklore. Helfershelfer findet das ZPS bei der Berliner Verwaltung, die das „Kunstwerk“ erlaubt hat – und das bis Samstag. Ruch und sein Team beriefen sich 2017 auf die Geschwister Scholl. Aber der Zynismus, der hinter der neuen Aktion steht, entspringt einer Psychologie, die keinen Respekt vor dem Leben wie vor dem Tod hat. In ihrer moralischen Korruption sind die „Aktionskünstler“ den Verfolgern der Weißen Rose näher als den Widerständlern. Das ist keine Chuzpe, wie sie heute als charmante Dreistigkeit verstanden wird, sondern in ihrem alten, hebräischen Sinn: eine verdammungswürdige Unverschämtheit.

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