Kommentar: AKK, FM und eine verkehrte Welt

An Annegret Kramp-Karrenbauer liegt es nun, jene Hälfte der Partei, die sich einen grundlegenden Neuanfang gewünscht hatte, einzubinden. Von Richard Schütze

Vor Spannung ist die Luft wie geladen; jetzt, in den nächsten 90 Minuten, geht es hier um die Führung der letzten verbliebenen großen Volkspartei in Deutschland, der CDU. Und damit auch über kurz oder lang um die Kanzlerschaft in der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt. Und um die Poolposition in Europa.
Was nun folgt, verwirrt Freund und Feind in den Hamburger Messehallen. Es ist Freitag, der 7. Dezember 2018. Wir erleben Historisches – und eine verkehrte Welt.
Da wirft die Kandidatin allen rhetorischen Ballast über Bord, bindet ihre Sätze nicht mehr umständlich mit einem ihr sonst fast pausenlos von den Lippen gehenden „und“ aneinander, sondern formuliert pointiert und auf den Punkt. Unaufgeregt, aber wie aufgedreht hält sie die Rede ihres Lebens, spricht zu und kommuniziert mit den Delegierten. Geradezu beschwörend ihre laute Stimme, aufrüttelnd im Ton, Beifallsstürme mit applausinduzierenden Formulierungen provozierend: „Es ist doch schön, wenn mit unseren Steuergeldern hier in Deutschland geforscht wird; umso schöner ist es, wenn damit hier auch Geld verdient wird!“
Eine Kaskade von Zielsetzungen leitet sie mit der Konditionierung „wenn wir den Mut haben, dann…“ ein; dass sie dabei zugleich eine Reihe von Versäumnissen auflistet, die ihre Promoterin Angela Merkel seit 13 Jahren als Kanzlerin hätte angehen und in den Griff bekommen können – diesen Widerspruch nehmen die Delegierten nicht wahr. Diese schlimmen Fehler müssten weh tun; doch alle sind wie euphorisiert von dem vulkanösen Ausbruch der zierlichen Kandidatin. Sie redet sich in Rage, ganz im Stil einer die Regentschaft übernehmenden Oppositionsführerin, die grundlegend verbesserte Verhältnisse verheißt.
Auch die Kanzlerin und ihr Wirtschaftsminister Peter Altmaier klatschen begeistert, als Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) eine bessere Infrastruktur, eine schnellere Digitalisierung und das Mobilfunknetz 5G auch im ländlichen Raum, und zwar „an jeder Milchkanne“, sowie einen ÖPNV, der auch noch die entlegensten Dörfer anbindet, einfordert.
Dann tritt der Kandidat schlechthin, der Heilsbringer aus außer-politischen Sphären, schwer beladen mit der Hypothek, einer der beste Redner des Landes zu sein, vor die Delegierten. Mit Entsetzen aber müssen seine Anhänger registrieren, dass ihr Idol Nerven zeigt. Friedrich Merz (FM) ist schon zu Beginn seines Auftritts deutlich angeschlagen; er wirkt gehemmt und in der Halle ist seine Nervosität mit Händen greifbar. Hat ihn dieser nicht vorhersehbar bravouröse Auftritt von AKK abrupt aus der Bahn geworfen? Sucht er verzweifelt eine Antwort, eine Strategie, um die von AKK erzeugte Stimmung auf seine Mühlen zu leiten und den von ihr gesäten Wind als Sturm in seine Segel zu lenken?
Nur selten löst er sich von den Blättern auf dem Rednerpult; mit verunsichertem Blick sucht er immer wieder, doch nur für Momente Kontakt zum Publikum. Statt seinen Worten Gewicht und einzelnen Aussagen Bedeutung zu verleihen, sucht er immer hastiger, mit flacher Stimme und schneller Sprechweise seinen voluminösen Text irgendwie zu Ende zu bringen. Das sei keine Bewerbungsrede mit Leidenschaft und Motivation, sondern ein akademisches Referat, wispert es auf der Journalistentribüne. Der Funke springt nicht über. FM versagt in seiner Paradedisziplin.
Uli Hoeneß hätte Rat gewusst. Nachdem etliche Redner von überragendem Format wie ein Henry Kissinger bei der Verleihung der „Goldenen Victoria“ des Zeitschriftenverlegerverbandes geglänzt hatten, sollte der Bayern-Boss bei der Festveranstaltung „Publishers Night“ in Berlin 2011 eine Laudatio auf den Vorstandschef der Deutschen Post AG, Frank Appel, halten. Hoeneß stürmte auf die Bühne, legte sein Redeskript auf? Pult, löste sich dann aber von beidem und trat direkt vor das Publikum. Wie Hoeneß hätte auch FM seinen vorbereiteten Text beiseitelegen und vollkommen frei fünf Gründe benennen können, warum es einer neuen Strategie bedurfte und er der geeignete Vorsitzende dafür sei. Er hätte wie ein Toptrainer einzelne Gruppen von Delegierten aus NRW, Hessen, Baden-Württemberg und anderen Landesverbänden ansprechen und hinter sich versammeln können. Die Delegiertenherzen wären ihm zugeflogen.
Wie Jens Spahn, der „hidden Champion“ an diesem Tag, hätte er mit dem Publikum flirten und auch mit Humor über sich selbst lachen können. FM tat es nicht. Man sagt, er sei unnahbar und mit Rat und Beistand oft auch kaum zu erreichen.
Eine in weiten Teilen saturierte Partei als Spiegelbild einer Gesellschaft, die gleichwohl mit Sorge und Unbehagen den rasanten Wandel in der Weltwirtschaft und den internationalen Kräfteverhältnissen verspürt, hätte FM als eine Art Wiedergeburt des einst strahlenden Heroen Karl-Theodor zu Guttenberg auf den Schild gehoben. Doch wie KTzG entzauberte sich auch FM selbst. So gab sich die Mehrheit der Delegierten ernüchtert mit inhaltlich eher dürftigen Ausführungen zu den Perspektiven der Republik zufrieden.
An AKK liegt es nun, jene Hälfte der Partei, die sich einen grundlegenden Neuanfang gewünscht hatte, einzubinden. Nach aller Euphorie hier und Enttäuschung da beginnt nach Hamburg die Mühe der Arbeit in den Ebenen. Will AKK reüssieren und nicht schon bei den anstehenden Europawahlen im Mai 2019 und den nachfolgenden Landtagswahlen im Osten kollabieren, muss sie zu Merkel auf Distanz gehen und sich von deren Politik auf Sicht und ohne vorausschauendes Krisenmanagement – siehe Atomausstieg und Energiewende, Migration, Verkehrswesen und Digitalisierung – absetzen. Also selbst das Heft des Handelns er- und auf das Kanzleramt zugreifen. AKK muss sich als KK, als mit klarer Kante agierend, wie FM in seinen besseren Tagen gerieren.

Der Autor ist Rechtsanwalt, Politikberater und Vorsitzender des „Bundes Katholischer Unternehmer“ (BKU) der Diözesangruppe Berlin-Brandenburg im Erzbistum Berlin.