Klimaschutz auf Katholisch

Warum Fromme den Umweltschutz nicht in den Wind schlagen sollten Von Dagmar Dewald

Wolken lichten sich
Die Kirche in der Natur lassen: Ein Spaziergänger geht unter sich lichtenden Wolken vor dem Turm einer Pfarrkirche in Bayern. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Wolken lichten sich
Die Kirche in der Natur lassen: Ein Spaziergänger geht unter sich lichtenden Wolken vor dem Turm einer Pfarrkirche in Ba... Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Es gibt keinen menschengemachten Klimawandel, Klimaschutz ist Pseudoreligion. „Klimareligiöse“ sind irregeleitet, krank und gefährlich. – Solch eine Bezichtigung verstellt den Blick darauf, worum es den Jugendlichen, die freitags für das Klima demonstrieren, im Kern geht: abzukehren von der Zerstörung der Lebensgrundlagen von Natur und Mensch. Denn ob menschengemacht oder nicht: Schwer zu leugnen ist ein galoppierendes Artensterben, der drastische Rückgang von Insekten, das schnelle Schmelzen von Eisschilden und viele weitere alarmierende Anzeichen dafür, dass mit der Erde etwas aus dem Ruder läuft.

Dass der Raubbau an der Natur, so die Abholzung von Urwäldern, nichts damit zu tun hat, mag man zu „beweisen“ versuchen oder nicht. Im Ergebnis ist das gleichgültig. Es kann kein „Weiter so“ geben: Autoindustrie ankurbeln, Flugverkehr steigern, Atomkraftwerke bauen, die Wiesen mit Straßen und Hallen versiegeln, Plastik in die Meere spülen, Tiere mit Antibiotika vollpumpen, die Böden zudüngen, Insekten vergiften. Die Jugendlichen wollen anders, besser leben. Und ich bin froh darüber, denn ich will auch Veränderung, seit Jahrzehnten setze ich mich dafür ein.

Wir sind eine Familie mit vier, teils erwachsenen Kindern und leben ohne Auto. Wir sparen Energie und Wasser, führen unser Leben vor allem am Wohnort, bevorzugen den Einzelhandel, trinken Leitungswasser, kochen mit Zutaten der Jahreszeit, sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, und einmal im Jahr fahren wir mit dem Zug in den Urlaub. Ich bin in einer Umweltpartei und wirke verantwortlich an Bürgerentscheiden zu Umweltfragen mit. Ich bin aber nicht ökoreligiös, sondern Christ. Die Bibel liefert genug Gründe, Umweltschutz zu betreiben und mit anderen dafür zusammenzuarbeiten, auch wenn sie keine Christen sind.

Ökologie bedeutet, als Mensch in Wechselbeziehung zur Umwelt zu leben. Die Unterteilung in Klimaschutz und Umweltschutz halte ich für künstlich. Klimaschutz wird von Umweltparteien und -organisationen getragen. Wer aber den Klimaschutz als abzulehnende „Religion“ abstempelt, der rührt auch kaum einen Finger für den Umweltschutz. Es sind vor allem zwei Grundgedanken, die mich antreiben: die Verantwortung für die Schöpfung und, damit eng verbunden, die Forderung nach Gerechtigkeit. Ökologisch handeln heißt für mich, mitwirken an der gerechten Verteilung von Gütern. Unser Land lebt über die Verhältnisse, auf Kosten anderer und auf Kosten der Zukunft. Das betrifft auch mein eigenes Leben. Durch die Brille der Bibel betrachtet, fühle ich mich täglich ausgespannt zwischen dem hohen Anspruch, von Gott zum Herrscher über die Schöpfung eingesetzt zu sein, und der Zustandsbeschreibung aus dem Gleichnis vom Prasser, wonach ich leichtsinnig und üppig Güter aufzehre, die, von mir unbemerkt, Notleidenden fehlen. Und dies vor dem Horizont, dass Gott mich daran messen wird: Alles, was du Bedürftigen tust, hast du mir getan, was du ihnen nicht tust, was du ihnen gedankenlos vorenthältst, hast du mir nicht getan.

Vielleicht klingt das zu hoch gegriffen und zu grundsätzlich. Aber es ist alltagstauglich. Überdies ist es vernünftig und einsichtig. Die Welt stellt Güter bereit, die für alle gedacht sind. Jeder sollte nicht mehr in Anspruch nehmen, als die Erde hergibt, dass es für alle reicht. Es entspricht schon der Goldenen Regel, sich zu sagen: Du willst nicht, dass man dir durch Verschwendung deine Lebensgrundlage raubt, also raube anderen nicht die Lebensgrundlage durch deine Verschwendung. Denke dabei auch an deine Kinder und Kindeskinder.

Christlich-ökologisch leben heißt, auch zu verzichten

Zugegeben, das läuft auf ein schlichteres Leben hinaus, und das ist durch die Verlockungen und Versprechungen der Konsumwelt nicht immer das Nächstliegende. Ich kann nicht nehmen, was sich mir anbietet und was ich gerade will, ohne nachzudenken und zu prüfen: Ist es gerecht? Das ist unbequem. Ich muss, ja soll und darf nicht alles machen, nur weil es geht, weil es mich lockt und weil es billig ist. Christlich-ökologisch leben heißt, auch zu verzichten und Opfer zu bringen.

Doch wenn ich das verwirkliche, geht mir letztlich nichts ab. Es bringt Zufriedenheit, auch Freude und ermöglicht Freiheit. Viele Zwänge entfallen. Es wird von einem nicht erwartet, immer erreichbar oder ständig überall zu sein. Man hat Bewegung an der frischen Luft, die Gesundheitswerte stimmen. Man hat Muße, ist weniger zerrissen und hat Zeit, sich der Familie und dem Nächsten zu widmen. Man spart Geld und kann am Ersparten auch andere teilhaben lassen.

Anders das Leben, das immer mehr verbrauchen muss, bequem und spontan. Ständig mit dem Auto unterwegs sein, etliche Flugreisen im Jahr, Erdbeeren im Winter, alles auf Knopfdruck bestellen, sich von Geräten immer mehr abnehmen lassen. Aber mit dem Auto steht man ständig im Stau, als Tourist in der Schlange, die Mülltonnen sind voll von Weggeworfenem, Handel und Leben vor Ort gehen ein, die Fremdsteuerung nimmt zu, es lauern Wohlstandskrankheiten, nie reicht das Geld. Leere, Freudlosigkeit und Unzufriedenheit schauen aus den Gesichtern von so vielen in unseren westlichen Ländern des Überflusses.

„Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst. Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt.“ (Ps 8,5–7) Mensch, denk an deine Würde. Herrschen heißt nicht Ausbeutung, sondern Verantwortung und Pflege des Anvertrauten. Und der Christ in der Nachfolge Jesu weiß, dass herrschen dienen ist. Darauf ist das persönliche Leben auszurichten, und dafür heißt es öffentlich einstehen. Für mich bedeutet das auch, politisch zu werden.

In die Politik gegangen bin ich vorrangig wegen der Familie, dem Lebens- und dem Umweltschutz, in genau dieser Reihenfolge. Umweltschutz darf nicht den Menschen ausklammern, sondern muss beim Menschen anfangen. Ich bin für Umweltschutz aus Lebensschutz. Diese Sicht entspricht der Sicht der Päpste. Schon Benedikt hat von einer Ökologie des Menschen gesprochen, und Franziskus hat dies in seiner Enzyklika „Laudato si“ zugrunde gelegt.

Man kann sich daran stoßen, dass Umweltbewegte oft gegen den Lebensschutz sind. Aber Lebensschützer sollten deshalb nicht trotzig gegen den Umweltschutz sein. Ja, es gibt in der Umweltbewegung Einseitigkeiten und Übertreibungen, umstrittene Ziele, falsche Gewichtungen und Unverhältnismäßigkeiten – bis dahin, den Erhalt der Erde über alles zu stellen. Leider reden selbst Kirchenleute beim Umweltschutz von „Weltrettung“. Nicht der Umweltschutz, allein Christus rettet die Welt. Fromme sollten die richtige Rangfolge kennen und öffentlich bezeugen – nicht aber den Umweltschutz in den Wind schlagen oder gar demonstrativ missachten oder andere, die es nicht besser wissen, als auf Irdisches zu hoffen, selbstgefällig verachten.

Um das Rechte muss man ringen, und nicht alles muss jeder mittragen. Doch nur wer mitmacht, kann mitgestalten. In der Politik, vor allem in Bürgerinitiativen arbeite ich mit Andersdenkenden zusammen. Das ist sehr heilsam. Nicht nur Christen mühen sich mit Blick auf andere und auf die Zukunft um ein gutes Leben. Unter diesen „anderen“ sind einige, die überzeugender, bescheidener leben als ich. Vielleicht rufen sie, um es mit dem Evangelium zu sagen, nicht „Herr, Herr“, aber tun dafür den Willen des Vaters (Mt 7,21). Umgekehrt gebe ich bewusst Zeugnis für mein Christsein, für mein Katholischsein.

Einen großen Vorteil habe ich gegenüber meinen Mitstreitern, die bislang nicht an Gott glauben. Nämlich ein Mittel gegen das Gefühl von Vergeblichkeit. Zwar ist sie täglich fühlbar, etwa wenn ich mich den Berg mit dem Rad heraufquäle, während an mir dicke Autos mit immer mehr Auspuffen vorbeiziehen. Angesichts ausgehender Ölvorräte werden die stinkenden Blechkisten nicht etwa weniger, sondern wachsen zu benzinhungrigen Panzern an. Auf vielen Gebieten scheint die Verschwendung eher zuzunehmen. Bedrückend. Aber gegen das Gefühl der Sinnlosigkeit wirkt der Gedanke der Stellvertretung. Ich lebe anders, auch wenn es sich als bedeutungslos ausnimmt, weil ich es als richtig erkannt habe, und aus diesem Unscheinbaren kann Gott mehr machen, nämlich sein Reich.

Schön, dass Jugendliche maßlose Lebensweisen in Frage stellen und sich ums Gemeinwohl kümmern. In unser jüngst gegründetes, breit aufgestelltes Bürgerbündnis, das für die Verkehrswende in unserer Stadt eintritt, bringen sich etliche junge Leute ein, und auch viele ältere. Ich freue mich, mit ihnen zusammenzuarbeiten, damit das Leben in unserem Gemeinwesen auch in Zukunft schön und lebenswert ist.