Kirchenmusiker haben weiter große Zukunft

50 Jahre Bischöfliche Kirchenmusikschule in Essen – Ein Gespräch mit Schulleiter Jörg Stephan Vogel. Von Barbara Stühlmeyer

Kann junge Musiker für Kirchenmusik begeistern: Jörg Stephan Vogel. Foto: Stühlmeyer
Kann junge Musiker für Kirchenmusik begeistern: Jörg Stephan Vogel. Foto: Stühlmeyer
Was waren die drei schönsten Erlebnisse in 50 Jahren Kirchenmusikschule Essen und worin bestanden die größten Herausforderungen?

Von den 50 durfte ich immerhin schon 22 in leitender Verantwortung erleben und es fällt mir nicht ganz leicht, mich dabei auf drei bewegende Erlebnisse zu beschränken.

Da war 2003 die Abschlussmesse der Nachtwallfahrt der Jugend im Bistum Essen: Ich hatte eine Tanztheatergruppe um einige Choreografien zu unserer Musik gebeten. Tanzend vor dem Bischof zogen die Tänzerinnen in den Nevigeser Mariendom, und bewegten und begeisterten alle Mitfeiernden.

Und da gab es eine Wiederaufführung von Kantaten von John Stanley, einem Zeitgenossen Georg Friedrich Händels. Mein Freund Alan Wilson, in London lebender Organist und Komponist, hatte bei seinen Forschungen in alten Notenarchiven Werke entdeckt, die Stanley für das Foundling Hospital komponiert hat, jenes Waisenhaus, für das sich auch Georg Friedrich Händel so sehr eingesetzt hatte: eine Kantate sowie Arien und Chorsätze. Diese Texte und ihre wunderbare Vertonung, die den ganz auf sich allein gestellten Kindern damals in ihrem Leid etwas Wärme und Hoffnung schenken sollte, heute neu aufzuführen – das war schon eine sehr berührende Erfahrung und zeigte allen Beteiligten, welch kostbares Medium wir mit Kirchenmusik verantworten: Sie kann auch trösten und heilen!

Und da war natürlich die Begegnung mit Huub Oosterhuis während einer Studientagung unserer Schule in der Amsterdamer Studentenekklesia. Er rezitierte im Pfingstgottesdienst seine großartige Nachdichtung der Pfingstsequenz. So etwas vergisst man nie!

Eine große Herausforderung sehe ich darin, jungen Leuten, die begabt, offen und neugierig zu uns kommen, aber noch nie eine Marienvesper, eine h-moll Messe, ein Brahms-Requiem gehört haben, den Weg auch zu diesen Schätzen zu bahnen. Die Begegnung mit solcher Kunst bedarf ja einer gewissen Ruhe. Man kann niemandem hochdosiert Kunst „eintrichtern“. Vielleicht geht es daher umso mehr darum, dass wir als Pädagogen eine anstiftende und nachahmenswerte Haltung von Offenheit, Neugier und angemessenen Zugangswegen vorleben.

Gab es noch andere Herausforderungen?

Eine weitere Herausforderung liegt sicher darin, unsere Schule als spirituellen Erlebnisraum offen zu halten. Mir gefällt dabei sehr Huub Oosterhuis' Wort „Schulen für Zurückgezogenheit“. Um etwa für sich zu entdecken, wie eine Psalmrezitation atmet, wie ich mich dabei für den Sinngehalt und die Gewichtung der Wörter öffnen muss. Das lässt sich nicht im Hau-Ruck-Verfahren vermitteln. Das ist ein ganz intimer Prozess, auf den man sich einlassen muss. Und der braucht Raum, Ruhe, Kontinuität und Zeit. Zeit, die heutzutage aber kaum jemand hat. Alles muss ja schnell gehen, am besten mehrere Dinge gleichzeitig. Die Gesellschaft steht zudem unter dem Druck, dass Zeit allerorten auf ihren wirtschaftlichen „Marktwert“ geprüft wird. Ich bin dankbar, dass wir seitens der Kirche ein gewisses Maß an stressfreiem Zeiterleben in unserer in der Regel zwei- bis dreijährigen Ausbildung offenhalten können.

Welche Berufungsgeschichten duften Sie miterleben?

Da ist eine junge Frau, die ist eine tolle Pianistin und Lehrerin und meint, etwas Unterricht in Chordirigieren schade ja nicht. Nach drei Jahren hat sie nicht nur eine bemerkenswerte Stimme, sondern ist auch hervorragende Orgelspielerin. In der Zeit bei uns hat sie beides als ihre Talente für sich (und demnächst eine glückliche Gemeinde) entdeckt! Oder die zunächst agnostische Philosophiestudentin, die noch einmal von anderer Seite auf Glaube und Spiritualität blicken möchte, für sich die Gregorianik neu entdeckte und die bis heute andauernde Auseinandersetzung mit Glaube und Spiritualität. Oder der junge Mann mit indischen Wurzeln, der bei uns seine Begabung als ein begnadeter Gospelsänger entdeckte und heute berührende eigene Lieder komponiert!

Welche Rolle spielt Kirchenmusik in einem Gebiet mit zahllosen kulturellen Angeboten und welche Konzepte entwickeln Sie in diesem säkularisierten Umfeld?

Natürlich sind wir eine kleinere Bildungseinrichtung mit speziellem Auftrag. Daraus aber haben wir abgeleitet, möglichst jene Dinge anzubieten, die eben nicht von anderen angeboten werden und die nach unserer Überzeugung ein „must-have“ sind, wenn wir auch künftig gute Kirchenmusik haben wollen und wir andere einladen, sich mit unseren Themen und Schätzen auseinanderzusetzen. Wir entwickeln dafür spezielle, auch niederschwellige Formate und verstehen uns als Forum der Kommunikation und Begegnung rund um das Thema Kirchenmusik. Wir wollen Gelegenheit zum unkonventionellem und unvoreingenommenen Kennenlernen und Erleben von Kirchenmusik schaffen.

Was empfinden Jugendliche und junge Kirchenmusiker als heilig?

Da fragen Sie eigentlich den falschen, denn ich bin ja nicht mehr so ganz taufrisch… Aber wir hören natürlich genau hin, was unseren jungen Leuten wichtig ist, welche Texte und Musikstile sie mögen. Und natürlich, was ihnen dabei besonders nahegeht, ihnen womöglich ja „heilig“ ist. Da gibt es zum Beispiel Musik aus der „U-Musik“-Abteilung“, etwa den Hit „Hör auf die Stimme“ von „EFF“. Fürwahr keine Kirchenmusik im engen Sinne, aber doch ein Lied, das essenzielle Fragen junger Leute auf den Punkt bringt, die zumindest auch religiöse Fragen sind.

Kann man sicher sein, dass geistliche Musik die Jugendlichen erreicht?

Ich vermute, dass es generell Musik, Texte, Rituale sind, die einen unabhängig vom Lebensalter in entscheidenden Momenten des Lebens begleitet, getröstet, ermutigt, Kraft gespendet haben. Und dass wir seitens der Kirchen auch entsprechende Vielfalt und Qualität anbieten sollten. Ich nehme wahr, dass die stilistische Breite dessen, was für junge Leuten heute vielleicht „heilig“ – sagen wir vielleicht besser: existenziell erlebt und emotional hoch bedeutsam – ist, sich enorm verbreitert hat. Natürlich „fahren“ junge Leute auch auf Bach, Mozart, Monteverdi ab, wenn sie das nur im richtigen Moment und Zusammenhang entdecken. Aber eben auch auf vieles andere, neuere. Warum denn auch nicht? Vielleicht eine Konsequenz der Befreiung von allem Etabliertem und Vorgegebenem der 68er. Da sind wir ja auch in Kirche – Gott sei Dank und auch ermutigt nicht zuletzt durch das Vatikanum II – zeitgemäß unterwegs. Und der gesellschaftliche Kontext ist ganz anders als vor 20, 30 Jahren: Es gibt etwa ein gemeinsames Erleben beim ekstatischen Tanzen in der Discothek, da ist das gemeinsame Feiern der Mannschaft samt Fußballhymnus und gemeinsamer Anrufung der Spielerstars im Fußballstadion, da ist das gemeinsame „Abheben“ beim Rockkonzert, die Gefühle, das Erleben, die fast „religiöse“ Ekstase, das Erleben einer Gemeinschaft. All das gibt es noch. Aber aktuell immer weniger in der Kirche. Das ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit an die Kirchen. Darauf reagieren wir aber unter anderem mit guten Ideen hinsichtlich kirchlicher Jugendarbeit, wir haben etwa hier im Bistum Essen jugendpastorale Zentren, wo auch die Frage nach Form, Texten und Musik gottesdienstlicher Feiern eine große Rolle spielt. Dabei spielt auch die Entdeckung und Förderung anderer Traditionen (Gospel, Worship) eine große Rolle.

Welche Rolle spielt die Persönlichkeitsbildung in ihrem pädagogischen Konzept?

Vielleicht die entscheidende. Wir begleiten junge Leute zwei, drei Jahre in einer bedeutenden Phase ihrer Entwicklung oder nicht mehr ganz so junge Leute, die sich etwa einen jahrelang gehegten Traum einer musikalischen Ausbildung erfüllen wollen. Natürlich ist der gemeinsame Nenner die musikalische Ausbildung und die Vermittlung entsprechender Kompetenzen. Das Entscheidende bei allem aber ist, dass ein Mensch, der sich lernend auf den Weg macht, sich ernst genommen fühlt. Dass er auf Augenhöhe und um der Sache willen mit seinem Gegenüber kommunizieren kann, Vertrauen und ungeteiltes Interesse an seinem Lernen erlebt, und darüber sein Selbstwertgefühl entwickelt, sich damit im Idealfall seiner und seines Wegs und seiner Talente, ja auch seiner Berufung gewiss und sicher wird, sich mit Sinnfragen, Religion und Spiritualität auseinandersetzt. Das alles geht nur in einer Kultur von Respekt, Wertschätzung und Achtsamkeit, einer Haltung, die den anderen auch so lassen kann, wie er ist – so, wie Gott ihn gemeint hat. Dafür stehen wir in unserem Team.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kirchenmusik in Deutschland?

Keineswegs düster. Meine Prognose: Qualität und Vielfalt. Wir werdensicher nicht in jedem Stadtteil das „ganze Programm“ haben, doch dürften Orte mit besonderem künstlerischem Profil, sei es vom Kirchenraum, vom Instrument her bestimmt, als „Leuchttürme“ weithin wahrgenommen werden. Ich sehe zudem eine große Chance in der Entwicklung des klassischen Kantorenberufs hin zum „Kulturmanager“ eines Stadtteils oder einer Region, der umfassend mit anderen Kulturträgern und unendlich vielen künstlerisch interessierten Leuten vernetzt und bekannt ist. Ein tolles und dynamisches, wirklich neues Berufsbild! Natürlich brauchen wir dafür Menschen, die das auch mögen, sich nicht hinter ihrer Riesenorgel verschanzen oder andauernd den Mitgliederschwund des einst leistungsfähigen Kirchenchors beklagen, die auch in der stilistischen Weite eine Herausforderung und Chance und nicht latente Bedrohung sehen. Dieses Berufsbild muss als ein als hoch interessantes, variables künstlerisches Tätigkeitsfeld auch neu kommuniziert und beworben werden. In dessen Wertschätzung hätten vielleicht beide großen Kirchen in den letzten Jahren mehr tun sollen; umso wichtiger ist, dass das jetzt geschieht. Denn die Studierendenzahlen an den verbliebenden Hochschulen gehen seit Jahren bedenklich nach unten.

Welche Musik spricht Sie persönlich besonders an und warum?

Meine erste Schallplatte – im knalltürkisfarbigen Cover – waren die Concerti op. 2 für Tasteninstrument und Orchester von John Stanley. Neben Andreas Silbermanns Marmoutier-Orgel, auf denen einige der großen Bachschen Orgelwerke zu hören waren, standen bald aber auch Platten von EKSEPTION im Regal. Diese niederländische Rockgruppe um Rick van der Linden hatte eine ganze Reihe von Klassikhits auf wirklich pfiffige Weise bearbeitet, und auch tolle eigene Kompositionen, wie „Beggar Julias Time-Trip“. Ganz konfliktfrei standen sich da Pfeifenorgel und E-Piano, Oboe und Saxophon, Cembalo und Jazztrompete gegenüber. Eine stilistische Weite, die mir damals schon sehr gefiel und mich dann doch bis heute begleitet und zu meiner Freude nicht nur in der Kirchenmusik vielerorts zum „Programm“ avanciert ist.

Es ist vor allem barocke und frühbarocke Musik, die mich anspricht. Vor allem Händel und dabei vielleicht besonders seine frischen und farbenfrohen Orgelkonzerte, die mich seit Kindesbeinen beglücken und bis heute beim Orgelspielen zu Trillereskapaden anstiften. Für mich musikalischer Ausdruck eines christlichen Grundvertrauens und der daraus hervorsprudelnden unängstlichen, zuversichtlichen und frohen Lebensgewissheit. Wie schön, so hier und jetzt sein zu dürfen!

Und über allem natürlich Giovanni Gabrieli, der berühmte Kapellmeister und europaweit berühmte Musiklehrer am Markusdom in Venedig. Nicht von ungefähr habe ich mein Lieblingsstück „In ecclesiis benedicite Domino“ für die Vesper mit unserem Bischof ausgesucht: „Salva nos, Vivifica nos…!“ Was gibt es Schöneres, als zum 50. Geburtstag einer Schule darum zu bitten, dass Gottes Geist unser Wirken lebendig und kreativ erhalte!