Kirche von links?

In der evangelischen Kirche hat politische Einseitigkeit seit den 1960er Jahren Tradition. Doch auch die katholische Kirche droht mehr und mehr, ein Teil der progressiven Zivilgesellschaft zu werden. Von Felix Dirsch

25 Jahre Mauerfall
Gefährliche Ideologie: Dieses Holzkreuz an der Gedenkstätte Berliner Mauer mahnt an die Opfer des Kommunismus. Foto: Soeren Stache (dpa)

Lange Zeit galt hauptsächlich für die protestantischen Kirchen, was Ernst Jüngers zeitweilige rechte Hand, der Publizist Armin Mohler, einst konstatierte: Die christlichen Konfessionen würden ein beträchtliches Reservoir für künftige linke Bewegungen bereitstellen. Rückblickend gesehen muss man ihm recht geben. Die Kirchen der Reformation besitzen kein verbindliches Lehramt, keine naturrechtlichen Bezüge und sind als partikulare Verbände organisiert. Folglich waren ihre politischen Aussagen heterogener. Einflussreiche eigene Parteien, vergleichbar der Zentrumspartei, gab es nicht. Bis in die 1960er Jahre hinein überwog innerhalb des bundesrepublikanischen Protestantismus die konservative Richtung; dann kam ein größerer Umschwung, ein Linksdrall, der von Helmut Gollwitzer, Dorothee Sölle, Friedrich-W. Marquardt und anderen personifiziert wird. Pazifismus und marxistische Tendenzen nahmen immer mehr Raum ein – im Osten wie im Westen. Vereinzelt gab es schon in der älteren Generation aktive Sozialisten wie den Schweizer Theologen Karl Barth. Gegen diese Linksverschiebung gab es kaum Widerstand. Der offenkundige Wandel evangelischer Kirchentage zu rot-grünen Parteiversammlungen hat also eine längere Vorgeschichte.

Und im Katholizismus? In Südamerika verbündeten sich schon in den 1960er und 1970er Jahren vereinzelt Bischöfe mit linken Gruppierungen. Als gemeinsame Basis diente das Streben nach Gerechtigkeit. Der Erzbischof von San Salvador, Óskar Romero, 1980 ermordet und 2015 seliggesprochen, hatte sich, wie etliche seiner Amtsbrüder, auf die Seite der Verelendeten gestellt. Manche Geistliche dieser Region bekamen damals Lob von der europäischen Linken, da sie gegen Diktatoren opponierten, deren Machtergreifung nicht ohne Hilfe der Vereinigten Staaten denkbar war. Theologische Grundlagenarbeit leisteten nicht zuletzt Befreiungstheologen wie Gustavo Gutiérrez und Leonardo Boff. Sie waren nicht wenig von deutschen Theologen geprägt. Als wichtigster Übervater fungierte der Rahner-Schüler Johann B. Metz, der eine „Theologie der Welt“ vorlegte.

Im Westen war unstrittig, dass Armut und Hunger einen Skandal darstellen. Diskussionen kamen aber auf, wie sie zu beseitigen seien. Man debattierte Ansätze, die marxistisches Denken als Analysemethode heranzogen. In den südamerikanischen Basisgemeinden galt dies öfters als legitim. Dagegen hatte der Vatikan, insbesondere der antikommunistische Papst Johannes Paul II. und Joseph Kardinal Ratzinger, entschiedene Bedenken. Der Papst aus Polen wusste aus eigener Erfahrung, als Seelsorger und Hirte in einem kommunistisch besetzten Land mit teilweise akuter Mangelwirtschaft, dass man Marxismus und Christentum weder ideell noch materiell verbinden sollte.

Ein weiterer heftig umkämpfter Punkt war die Rechtfertigung von Gewalt. Bekanntere Vertreter der Befreiungstheologie wie der suspendierte Priester und zeitweilige Politiker in Nicaragua, Ernesto Cardenal, sendeten diesbezüglich durchaus unterschiedliche Signale aus, die von vielen pazifistischen Linkskatholiken in Europa zu Beginn der 1980er Jahre aber erstaunlich verständnisvoll rezipiert wurden. Ließ man sich von seiner poetischen Sprache blenden? Oder ist Gewalt bei manchen Leuten per se gut, wenn sie von links kommt?

Was man damals bei aller Spenden- und Solidaritätsbereitschaft geflissentlich übersah: Die Politisierung der Gemeinden Mittel- und Südamerikas, die lange Zeit vorherrschte, verprellte dort nicht wenige Gläubige, die im Einklang mit dem Evangelium ihre spirituellen Bedürfnisse befriedigen wollten. Viele wechselten zu protestantischen Freikirchen. Ein Schwund, der bis heute nachwirkt, wenn man sich die Zahl und konfessionelle Verteilung der Gottesdienstbesucher an den dortigen Breitengraden ansieht.

Wie dagegen sieht es mit der Haltung gegenüber dem Marxismus in Deutschland aus? Heute – mehr als 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, dem Untergang des Kommunismus in Osteuropa? Die marxistischen Ideale der Befreiungstheologen von früher scheinen sich bei manchen Geistlichen mit einer betont progressiven Verkündigung des Evangeliums zu verbinden. Toleranz und Relativismus gegenüber der von Rom einst vehement abgelehnten Befreiungstheologie sind zunehmend stark ausgeprägt – sogar bei Katholiken, die sich selbst als konservativ einstufen.

Gemeinsamkeiten zwischen der katholischen Soziallehre und den Linksparteien sind hierzulande gerade an der Frage der sozialen Gerechtigkeit festzumachen. Die antikapitalistische Sichtweise verdeutlichte zum Marx-Gedenktag der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx. Der frühere Professor für Sozialethik beklagte unlängst „enorme soziale Ungleichheiten und ökologische Schäden, die die kapitalistische Dynamik zu verantworten“ habe. Ähnlich der Perzeption der Linken liegt der Fokus auf der Betrachtung der Verteilmechanismen, weniger auf jener der Herstellung der Güter. Bei Kardinal Marx wird der stark antimarxistische Grundzug der katholischen Soziallehre höchstens am Rand erwähnt. Gleichheit ist positiv besetzt, Ungleichheit negativ. Es ist kaum erfindlich, warum das so ist oder sein muss, erzeugt doch Ungleichheit tendenziell eine größere Dynamik der Wirtschaft, die für die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen unerlässlich ist. Schlicht falsch ist die Behauptung, ohne Karl Marx gäbe es keine katholische Soziallehre. Deren Wurzeln liegen chronologisch lange vor den Schriften des „Vaters des wissenschaftlichen Sozialismus“, wenngleich das erste päpstliche Rundschreiben zur sozialen Frage erst 1891 veröffentlicht wurde. Glaubensfragen spielen bei solchen Annäherungen keine Rolle. Überhaupt ist die Tendenz zum pragmatischen Konsens ein zentrales Merkmal der neueren Sozialenzykliken, weswegen sie auch regelmäßig „totgelobt“ werden.

In den vergangenen Jahren ist der Linksdrall der Kirchen hauptsächlich auf ein anderes Thema zurückzuführen: In nicht wenigen Predigten wird der Geist zitiert, der Grenzen überwindet. Christlicher Universalismus dominiert in bischöflichen Verlautbarungen zur Migrationsproblematik. Umfassende Humanität steht im Vordergrund. Anhaltspunkte liefern das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und diverse Stellen beim Apostel Paulus. Hier trifft man sich inhaltlich mit denjenigen, die ostentativ Toleranz und Weltoffenheit einfordern. Gedanken der Nächstenliebe prädestinieren scheinbar zum Willkommensklatschertum, werden mithin gesinnungsethisch ausgelegt. Die scholastische Soziallehre kennt indessen den Vorrang der Analyse des Seins, also der Wirklichkeitsbetrachtung, vor den ethischen Schlussfolgerungen. Dieses Vorgehen bewahrt vor weltfremder Moralisierung.

Ein Beitrag des Kölner Erzbischofs Rainer M. Woelki, der in diesen Wochen durch seine Klarheit bei der Verteidigung des katholischen Eucharistie-Verständnisses sehr positiv auffällt, in dem von Stefan Orth und Volker Resing herausgegebenen Sammelband „AfD, Pegida und Co. Angriff auf die Religion?“ richtet sich explizit gegen den Rechtspopulismus. Kirchenpolitisch konservativ, kommt für den Kardinal asylpolitisch nur die Option zugunsten linker Perspektiven infrage. Dem (nicht näher definierten) Rechtspopulismus wird vorgeworfen, Menschenrechte und Menschenwürde abzulehnen. In anderen Zusammenhängen wandte sich der Kardinal vehement gegen Obergrenzen. Die Aufnahme von „Flüchtlingen“ müsse unabhängig von institutionellen Kapazitäten der einzelnen Staaten gelten. Die sozial- und rechtsstaatliche Intaktheit des jeweiligen Gemeinwesens ist ihm dagegen keinerlei Überlegung wert. Dass die mit der Migration einhergehende schleichende Islamisierung die Entchristlichung (parallel zur andauernden Säkularisierung) vorantreibt, wird nicht reflektiert.

Im Unterschied dazu ist wohltuend, was der (bekanntlich umstrittene) Staatsrechtslehrer Carl Schmitt schon 1933 geschrieben hat: „Übrigens ist, soviel ich weiß, in dem tausendjährigen Kampf zwischen Christentum und Islam niemals ein Christ auf den Gedanken gekommen, man müsse Europa, statt es zu verteidigen, aus Liebe zu den Sarazenen oder den Türken dem Islam ausliefern. (…) Jene Bibelstelle (…) besagt vor allem nicht, dass man die politischen Feinde seines Volkes für politische Freunde halten und gegen sein eigenes Volk unterstützen soll.“

Besonders auffällig ist die Linksdrift von Teilen des Laienkatholizismus im Rahmen „breiter Bündnisse“. Nicht wenige von Pax-Christi-Veranstaltungen werden in Zusammenarbeit mit der Linkspartei oder dem Deutschen Gewerkschaftsbund durchgeführt. Es gibt kaum eine Schule in katholischer Trägerschaft, die bereit ist, eine Teilnahme an den tendenziösen Veranstaltungen „Quer stellen gegen Rechts“ abzulehnen, obwohl bekannt ist, dass Linksextremisten häufig die entsprechenden Kundgebungen für ihre Zwecke instrumentalisieren. Ein Lehrer an einer kirchlichen Schule in Hessen bekräftigte unlängst, dass die gleichen „Gläubigen“, die gern Seit‘ an Seit‘ mit glaubensindifferenten Organisationen marschieren, mit Gebetszügen für verfolgte Christen zumeist nichts anfangen können. Erst recht scheren sie sich nicht um den Schutz des ungeborenen Lebens. Ein maßgeblicher Grund für die Zusammenarbeit mit linken Populisten liegt cum grano salis im Verlust an integralem Glauben. Das dadurch bewirkte Vakuum wird durch hypermoralistische Aktivitäten kompensiert. Der Philosoph Alexander Grau hat diesen Konnex kürzlich aufgezeigt.

Annäherungen an das seit Jahren von links unterwanderte Politik- und Medien-Establishment sind auch in den ablehnenden Reaktionen einiger Bischöfe auf den Beschluss der bayerischen Staatsregierung zu erkennen, das Kreuz in Behörden aufzuhängen. Andere Bischöfe widersprachen dieser Kritik eindeutig. Jeder weiß, dass Symbole grundsätzlich einen Interpretationsüberschuss mit sich bringen. Konkret: Das Kreuz ist sowohl Erlösungszeichen als auch Verkörperung bestimmter kultureller Identitäten. Während im Glaubenskontext eher auf die zuerst genannte Deutung zurückzugreifen ist, sind für den am Gemeinwohl orientierten Politiker bestimmte Werteimplikationen des Kruzifixes relevant.

Wie also zukünftig umgehen mit Laien, Priestern und Hirten, deren persönliche Frömmigkeit und öffentliches Glaubenszeugnis zum Teil von einem gedanklichen Linksdrift verdunkelt wird? Ein differenzierter Blick ist nötig. Und ein klarer Widerspruch auf Grundlage des Evangeliums und der katholischen Lehre. Die Kirche darf keine Organisation werden, deren Vertreter und Verbände politisch einseitig geprägt sind und Versatzstücke einer irdisch-materialistischen Erlösungs-Ideologie predigen.

Das Kreuz muss in der Mitte, im Zentrum bleiben. Fern von politischen Extremen und Umklammerungsversuchen.