Keine Umsiedlung, sondern ein Völkermord

Detaillierte Berichte, die im Vatikanarchiv liegen, lassen keinen Zweifel: die Armenier wurden vor 100 Jahren Opfer einer gezielten Vernichtung. Von Michael Hesemann

Eine Gruppe armenischer Flüchtlinge aus dem osmanischen Reich sitzt 1915 in Syrien auf dem Boden. Foto: Library of Congress/dpa
Eine Gruppe armenischer Flüchtlinge aus dem osmanischen Reich sitzt 1915 in Syrien auf dem Boden. Foto: Library of Congress/dpa

Hundert Jahre nach den Ereignissen, die sich im Frühjahr 1915 zusammenbrauten, gibt es noch immer zwei Versionen davon, was damals geschah: Fast alle unabhängigen Historiker stimmen mit der 1997 verabschiedeten Resolution der „Internationalen Vereinigung von Völkermordforschern“ überein, nach der es sich bei den Massakern an den Armeniern und anderen Christen im Osmanischen Reich und den erzwungenen Todesmärschen in die syrische Wüste um einen Völkermord handelte. Doch während 22 Staaten und sogar das Europäische Parlament in seinen Beschlüssen von 1987 und 2001 das Vorgehen der Türken gegen die Armenier offiziell als „Völkermord“ anerkannten, tut sich ausgerechnet Bundeskanzlerin Angela Merkel in dieser Frage schwer. Als 2012 über 156 000 Deutsche im Rahmen des von ihr initiierten „Dialogs über Deutschland“ ein „Gesetz gegen die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern und Aramäern“ forderten, erklärte sie die Frage zur „bilateralen Angelegenheit Armeniens und der Türkei“.

So wird auch bei den angekündigten Gedenkfeiern für 2015 in Berlin konsequent auf die Bezeichnung „Völkermord“ verzichtet. Der Grund ist Ankara. Denn nach türkischer Lesart fand 1915/16 allenfalls eine kriegsnotwendige Umsiedelung der Armenier statt, zu dem revolutionäre Umtriebe und eine Kollaboration mit dem Kriegsgegner Russland den Anlass boten. Obwohl man sich alle Mühe gegeben habe, sie unter den gegebenen Umständen sicher an ihr Ziel zu bringen, seien durch Überfälle räuberischer Kurden, Hunger und Seuchen um die 300 000 von ihnen ums Leben gekommen; ein bedauerlicher Kollateralschaden, für den der türkische Präsident Recep Erdogan im April 2014 den Armeniern sogar sein Beileid aussprach.

In den letzten zwei Jahren war es möglich über 2 000 Seiten bis dahin unveröffentlichter Dokumente zu den Ereignissen von 1915/16, die dort unter dem Titel „Verfolgung der Armenier“ geführt werden, im Geheimarchiv des Vatikans zu lokalisieren und auszuwerten. Diesem bislang unbeachteten Quellenschatz verdanken wir nicht nur zusätzliche Informationen, sondern zudem eine völlig neue Perspektive, die vielleicht Aufschluss über die wahre Natur dieses schrecklichen Geschehens geben kann.

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass eine gewaltsame „Lösung der Armenierfrage“ schon Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs geplant wurde. Der Krieg bot offensichtlich nur den willkommenen und vielleicht lange gesuchten Vorwand für die Durchführung der geplanten Maßnahme. Eine Untersuchung der Ideologie, die hinter dem radikaleren Flügel der ursprünglich eher heterogenen jungtürkischen Bewegung stand, gibt erste Hinweise. Ihre Wurzeln hat die Partei „Einheit und Fortschritt“ (Ittihat ve Terakki, kurz: Ittihat) im Paris des 19. Jahrhunderts, wo einige junge Türken aus wohlhabenden Familien studierten und mit den damaligen Strömungen der europäischen Philosophie in Kontakt kamen. Einerseits waren sie von den Idealen der Französischen Revolution begeistert, andererseits aber auch vom damals aufkommenden Nationalismus.

Der „Integrale Nationalismus“, wie ihn der Schriftsteller Charles Maurras lehrte, propagierte einen starken Staat durch eine homogene Volksgemeinschaft mit einer einheitlichen Staatsreligion. Aus ihm ging in Europa der Faschismus hervor. Die Schwäche des Osmanischen Reiches, das als „kranker Mann am Bosporus“ verspottet wurde, führten die türkischen Anhänger Maurras auf die Heterogenität des Vielvölkerstaates zurück. Der Abfall der Balkan-Provinzen in den nächsten Jahren, deren christliche Minderheiten, vom Ausland unterstützt, sich in Aufständen befreit hatten, bestätigte sie in ihrer Weltsicht: Die Türkei der Zukunft müsse allein den Türken gehören, die der sunnitische Islam als Staatsreligion zusammenschweißt. Für ethnische und religiöse Minderheiten war in dieser Vision kein Platz.

So meldete auch US-Botschafter Henry Morgenthau am 16. Juli 1915 nach Washington, dass „es scheint, dass hier ein Programm zur Vernichtung einer Rasse unter dem Vorwand, es seien Maßnahmen gegen eine Rebellion, im Gange ist.“ Und der türkische Innenminister Talaat Bey äußerte sich dem deutschen Botschaftsmitarbeiter Johann Mordtmann gegenüber, wie dieser nach Berlin meldete, „ohne Rückhalt über die Absichten der Regierung, die den Weltkrieg dazu benutze, um mit ihren inneren Feinden – den einheimischen Christen aller Konfessionen – gründlich aufzuräumen, ohne durch diplomatische Interventionen des Auslandes gestört zu werden“.

Diese Einschätzung zieht sich auch wie ein roter Faden durch die vatikanischen Dokumente. „,Armenien ohne Armenier‘ – das ist der Plan der osmanischen Regierung“, berichtete der Generalabt des Mechitaristenordens, Monsignore Ghiurekian, Papst Benedikt XV. am 30. Juli 1915. Vom „Werk der Jungtürken, ermutigt durch die Unterstützung der Deutschen“ spricht der armenisch-katholische Erzbischof von Chalcedon, Peter Kojunian, in seinem Schreiben an Papst Benedikt XV. vom 3. September 1915: „Zu den Schrecken des derzeitigen Krieges, die das väterliche Herz Eurer Heiligkeit erschüttern, gehört nicht zuletzt das Massaker an den Armeniern der Türkei, das von der türkischen Regierung angeordnet und zum größten Teil bereits ausgeführt wurde. (…) [Es ist] eine systematische Vernichtung der Armenier in der Türkei.“

Der Superior des Kapuzinerordens in Erzurum, der österreichische Pater Norbert Hofer, schrieb im Oktober 1915 an den Vatikan: „Die Bestrafung der armenischen Nation (für angebliche Aufstände, d. Verf.) ist bloß ein Vorwand der freimaurerischen türkischen Regierung, um alle christlichen Elemente im Land ungestraft vernichten zu können.“ Und sein Landsmann und Ordensbruder, der österreichische Kapuzinermissionar Michael Liebl, brachte in Samsun in Erfahrung: „Nicht die Armenier, die Christen wurden (zum Tode) verurteilt auf einer geheimen Konferenz der Jungtürken vor 5 oder 6 Jahren in Thessaloniki.“

Die detaillierten Augenzeugenberichte, die im Vatikanarchiv liegen, lassen tatsächlich keinen Zweifel daran, dass es den Türken nicht um die möglichst reibungslose Umsiedelung eines Teiles der Bevölkerung aus der Kampfzone, sondern um deren Vernichtung ging. So meldete der Apostolische Delegat in Konstantinopel, Angelo M. Dolci, am 20. August 1915 nach Rom: „Es ist unmöglich, sich eine Vorstellung davon zu machen, was im Landesinnern geschieht. Die gesamte armenische Bevölkerung wird systematisch auf brutalste Weise aus ihren Städten und Dörfern vertrieben und an unbekannte Orte verschleppt. Manchmal erlauben sie diesen Unglücklichen, Alte, Kranke, Kinder und ihre dringendsten Gegenstände mit Karren zu transportieren. Meistens aber müssen alle diese armen Menschen in größeren Gruppen den Weg zu Fuß zurücklegen durch die trockene Landschaft, wo viele von ihnen durch völlige Erschöpfung, Leiden und Entbehrungen aller Art nach ein paar Tagen den Tod finden. Anderen werden unter dem Vorwand, sie zu schützen, bewaffnete Eskorten mitgegeben, doch leider wird diese Begleitung oft zu der größten Gefahr für die Deportierten. Tatsächlich wurden nämlich viele Karawanen, sobald sie in verlassenere Gegenden kamen, von ihren Führern (den Gendarmen) massakriert.“ Nur ungefähr zwanzig Prozent der Deportierten erreichte ihr Ziel, ein Konzentrationslager in der syrischen Wüste. Dort wurde zunächst auf die natürliche Dezimierung durch Hunger und Seuchen gehofft, dann fanden weitere Massaker oder Todesmärsche in die Wüste statt. Maximal drei Prozent der Deportierten überlebten das folgende Jahr (1916).

Pater Norbert Hofer, der aus Österreich stammende Superior der Kapuziner in Erzurum, zitiert in einem Bericht einen österreichischen Priester namens Dunkl, der in Aleppo erlebte, in welchem Zustand die Armenierinnen waren, die es immerhin bis an den Rand der syrischen Wüste geschafft hatten: „Normalerweise kommen nur die Frauen bis Aleppo; denn die Männer sterben schon vorher entweder an ihren Leiden oder werden massakriert. Im Hof eines ,Khans‘ (Karawanserei) in der Nähe von Aleppo sah er (P. Dunkl, d. Verf.) auf der nackten Erde sitzend, inmitten ihrer eigenen Ausscheidungen, mehrere Hunderte Frauen, darunter viele Mütter mit ihren bereits toten oder noch lebenden Kindern an der Brust. Sie alle waren in einem apathischen Zustand oder kurz davor zu sterben. Eine protestantische Diakonisse – die übrigens versuchte, mit allen Mitteln die Leiden der unglücklichen Frauen zu lindern – erzählte, dass sie täglich etwa zwanzig Leichen von dem oben genannten Hof wegschaffen musste. Eine katholische Nonne, die kurz zuvor in Aleppo eingetroffen war, erzählte, dass sie mit sechs weiteren Schwestern aus Tokat ausgewiesen wurde. Sie alle wurden entkleidet und mussten so, ganz nackt, die Reise von mehr als einer Woche bis Aleppo unternehmen. Fünf der Begleiterinnen sind auf dem Weg verstorben, waren ihrer Erschöpfung und der Torturen, die sie ertragen mussten, zum Opfer gefallen. Eine wurde in der Nähe der Stadt (Aleppo) verrückt und ertränkte sich in einem Fluss. Der Erzählerin gelang es, sich der Kleidung einer auf der Straße liegenden Leiche zu bemächtigen, sich anzukleiden und in die Stadt zu fliehen, wo sie von anderen Nonnen, die vorher angekommen waren, aufgenommen wurde.“

Noch schrecklicher waren die Zustände in den überfüllten Konzentrationslagern selbst. Über sie berichtete Pater Dunkl: „Diese Konzentrationslager machen sich schon von weitem durch den unerträglichen Gestank der verwesten Leichen und der Abfälle bemerkbar. Ich zählte an die Hunderttausende, die (…) hierher deportiert wurden und dort beaufsichtigt werden.“ Die Gesamtzahl der Opfer wird in den vatikanischen Dokumenten auf über eine Million geschätzt. Ein Bericht des armenisch-katholischen Patriarchats, der im Februar 1916 verfasst wurde, erwähnt bereits „beinahe 1 000 000“ Opfer, wohlbemerkt noch vor den Massakern in der syrischen Wüste, während der Kapuzinerpater Michael Liebl am 30. September 1917 konstatierte: „Von den 2, 3 Millionen in der Türkei wohnenden Armeniern sind eine und eine halbe Million von den Türken ausgerottet worden.“ Von 1, 5 Millionen Toten geht heute auch die seriöse Armenozid-Forschung aus.

Als am 24. April 1915 in Konstantinopel 870 armenische Intellektuelle und Würdenträger verhaftet und in das Landesinnere deportiert wurden, hielt Monsignore Dolci das noch für eine politische Maßnahme. Erst als die Berichte aus dem Landesinnern eintrafen, als er erfuhr, dass nicht nur Frauen, Kinder und Alte gleichermaßen von den Maßnahmen betroffen waren, wurde er aktiv. Zunächst bat er um Gnade für die katholischen Armenier, von denen er wusste, dass auf sie der türkische Vorwurf einer Kollaboration mit den Russen nicht zutreffen konnte; nichts verband sie mit der orthodoxen Großmacht, wegen ihrer Loyalität zum osmanischen Staat und ihrer Abneigung gegen alle nationalistischen Bestrebungen hatten sie sich längst bei den orthodoxen Armeniern unbeliebt gemacht. Doch Dolcis erste Eingabe an den osmanischen Großwesir Anfang Juli 1915 blieb unbeantwortet.

Akut wurde die Situation, als Ende August die Deportation der 7 000 armenischen Katholiken von Angora (Ankara), der größten mit Rom unierten Gemeinde des Landes, drohte. Die ersten 1 500 Männer wurden am 27. August verhaftet und auf den Weg in die Verbannung geschickt. Gemeinsam mit dem deutschen und dem österreichischen Botschafter wurde Monsignore Dolci bei Innenminister Talaat Bey, dem Verantwortlichen für die Maßnahmen, vorstellig. Im Beisein der Diplomaten telegrafierte dieser den Befehl, die Katholiken zu verschonen, an den zuständigen Provinzgouverneur. Der Apostolische Delegat konnten nicht ahnen, dass Talaat die „Begnadigung“ tags darauf widerrief. Eine Woche später folgte die Deportation der Frauen und Kinder, denen jetzt einzig das „Privileg“ zuteil wurde, einen Teil der Strecke gegen teures Geld in Viehwaggons der Bagdadbahn zurücklegen zu dürfen; sie kehrten nie mehr in ihre Heimat zurück.

Am 10. September richtete Papst Benedikt XV. ein persönliches Handschreiben an das osmanische Staatsoberhaupt, Sultan Mehmet V.: „Uns wurde berichtet, dass die Bevölkerungen ganzer Dörfer und Städte gezwungen wurde, ihre Häuser zu verlassen, um unter großen Schmerzen und unsagbarem Leid in fernen Sammelorten angesiedelt zu werden, wo sie neben psychischen Schikanen auch die furchtbarsten Entbehrungen, die schwerste Not und sogar die Qualen des Hungers ertragen müssen“, stellte der Papst fest und bat den Sultan um Gnade für die vielen Unschuldigen, gleich welcher Konfession.

Der päpstliche Appell wurde veröffentlich, gleichzeitig die Kaiser Österreichs und Deutschlands um ihre Unterstützung gebeten. Doch es dauerte ganze sechs Wochen und bedurfte erst einer Intervention des deutschen Botschafters, bis der Apostolische Delegat überhaupt vom Sultan empfangen wurde, um das päpstliche Handschreiben zu übergeben. Weitere vier Wochen später traf die Antwort ein: Es sei leider „unmöglich, zwischen dem friedfertigen und dem aufständischen Element zu unterscheiden“, behauptete Mehmet V.

Langsam begriff auch Dolci, dass er getäuscht worden war. Das Versprechen der Türken, bis Weihnachten zumindest die armenischen Katholiken zurückkehren zu lassen, erwies sich als haltlos. Für Benedikt XV. bestand längst kein Zweifel mehr, dass „das unglückliche Volk der Armenier fast vollständig der Vernichtung zugeführt wird“ – so wörtlich in einer Allokution vor dem Konsistorium am 6. Dezember 1915. Bis zum Ende des Jahres, so musste Dolci feststellen, war bereits die „unbeschreibliche Zahl“ von rund einer Million orthodoxer Armenier, darunter 48 Bischöfe und 4 500 Priester, ermordet worden. Die Katholiken verloren 5 Bischöfe, 140 Priester, 42 Ordensleute und 85 000 Gläubige – ganze 87 Prozent ihrer Gemeinde.

Das Morden ging ungehindert weiter. Am 18. Juni 1916 traf im Vatikan ein weiterer Bericht des armenisch-katholischen Patriarchen ein, der das Scheitern der Diplomatie aktenkundig machte: „Das Projekt zur Vernichtung des armenischen Volkes in der Türkei ist noch immer in vollem Gange. (…) Die exilierten Armenier (…) werden nach wie vor in die Wüste getrieben und dort aller lebensnotwendiger Mittel beraubt. Sie gehen kläglich an Hunger, Seuchen und dem extremen Klima zugrunde. (…) Es ist sicher, dass die osmanische Regierung beschlossen hat, das Christentum aus der Türkei zu beseitigen, bevor der Weltkrieg zu Ende geht. Und das alles geschieht im Angesicht der christlichen Welt.“

Michael Hesemann ist Historiker und recherchiert seit 2008 im Vatikanischen Geheimarchiv. In der kommenden Woche erscheint sein Buch „Völkermord an den Armeniern“.