Keine Panik auf der Titanic

Was ist Technik überhaupt? Und woher wissen wir, welche Techniken wert sind, entwickelt zu werden? Ein Antwortversuch mit Hans Posers "Technodizee". Von Josef Bordat

Zum aktuellen Technik-Diskurs
Wer über Technik debattieren will, sollte sich warm anziehen. Denn der aktuelle Technik-Diskurs reicht von der Verteufelung von Technologien bis zu ihrer Anbetung. Foto: (40597940)

Technik dient dem Menschen eigentlich zur Erweiterung seiner Handlungsspielräume, kurz: zur Vergrößerung seiner Freiheit. Doch Technik enthält potenzielles Übel: Flugzeugabstürze, Autounfälle oder ein vom Eisberg aufgeschlitztes Kreuzfahrtschiff machen deutlich, welchen Preis wir für den Freiheitszuwachs zahlen. Auch die immer düsteren Langzeitprognosen zu Umweltverschmutzung und Klimawandel zeigen, dass es eine existenzielle Frage ist, inwieweit wir von Technik Gebrauch machen. Technik ist also „Wohl“ und „Übel“ zugleich. Damit weist Technik die gleiche Ambivalenz von „gut“ und „böse“ auf, wie sie menschlichen Handlungen allgemein und auch der Natur eigen ist.

Früher, als noch die Mehrheit der Menschen an Gott glaubte, stellte sich angesichts des Übels der Sünde (malum morale) und des Übels in Gestalt von Naturkatastrophen (malum physicum) die Frage nach der Rechtfertigung eines gütigen, allwissenden und allmächtigen Gottes. Gottfried Wilhelm Leibniz unternimmt in seiner Theodizee (1710) den Versuch, die Freiheit des Menschen und die Güte Gottes angesichts des Übels in Einklang zu bringen. Nach Leibniz schuf Gott die „beste aller möglichen Welten“. Die Unterscheidung möglicher Welten von der im Schöpfungsakt tatsächlich zur Existenz gebrachten Welt, in der wir leben und manchmal eben auch leiden, schafft den metaphysischen Raum für den genialen Gedanken einer Vorhersicht Gottes, die nicht in Determination mündet, sondern Freiheit zulässt, die uns nicht ein Programm abspulen lässt, sondern unsere Entfaltung will – die moralische Verfehlung eingeschlossen; Leibniz fasst diesen Gedanken im Begriff malum metaphysicum zusammen. Damit hat Gott in der Welt nicht alles gut gemacht, sondern „nur“ so gut wie möglich, also gerade so gut, dass der Mensch ein freies Wesen bleibt.

Schon bei Immanuel Kant tritt die Theodizee im Kontext der Kontingenzbewältigung in den Hintergrund. Seiner Ansicht nach ist die menschliche Vernunft zu begrenzt für derartige metaphysische Spekulationen, wie Leibniz sie anstellt. Und statt in die moraltheologische Schuld- und Sühne-Rhetorik der Zeitgenossen einzustimmen, die sich alle mehr oder weniger auf Leibnizens epochalen Entwurf einer christlichen Weltdeutung bezogen (der von seinem Epigonen Christian Wolff in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts popularisiert worden war), nimmt Kant das malum physicum des Erdbebens von Lissabon (1755) zum Anlass, seine Naturphilosophie um frühe Formen geophysikalischer Forschung zu erweitern, um die natürlichen Ursachen des Übels zu ergründen. 1756 – also unmittelbar nach der Katastrophe – veröffentlicht er drei Schriften zur Entstehung von Erdbeben. Seine Erklärung war zwar falsch – Kant ging von unterirdischen Höhlen aus, in denen Feuer loderten und durch Wassereintritt Gase und Dämpfe entstünden, die zu Explosionen führen würden –, aber sie löste mit ihrer naturwissenschaftlichen Begründungsstruktur, die sich auf Experimente und Modelle stützte, den Irrglauben an den „Grimm Gottes“ (Kants Zeitgenosse Gottsched) als Ursache für Naturkatastrophen ab und sorgte dafür, dass diese als erforschbar galten. Insoweit gab Kants Rezeption des Erdbebens von Lissabon den Anstoß für die ernsthafte Erforschung derlei Naturphänomene und markiert damit die Geburtsstunde der Geowissenschaften. Forschung statt Kollektivbuße, Labor statt Beichtstuhl, das ist Kants Angebot einer neuen Form des Umgangs mit dem malum physicum.

Nach der „Entzauberung der Welt“ (Weber) und dem Ende des religiösen Deutungsmusters im modernen Diskurs stellt sich für die meisten Menschen das Problem anders dar. Es ist durch Wissenschaft und Technik nicht gelöst, da es nach wie vor Naturkatastrophen gibt und zudem neue technische Katastrophen auftreten – der Untergang der „Titanic“ (1912) ist hier paradigmatisch. In gewisser Weise hat sich das Problem im 20. Jahrhundert sogar noch zugespitzt: Erst die Atomtechnologie lässt die ultimative Katastrophe einer Auslöschung der Menschheit real erscheinen, erst die Umwelt- und Klimawandeldebatte geht aufs planetarische Ganze. In einer Welt der vollständigen Technisierung wird nun aber nicht mehr der Schöpfer-Gott vor Gericht gestellt und zu rechtfertigen versucht, sondern der Mensch als „Schöpfer der Technik“ (auch hier ist die „Titanic“ Sinnbild menschlicher Machbarkeitshybris – Stichwort: „unsinkbar“) beziehungsweise die Technik selbst.

Der Berliner Philosoph Hans Poser hat dafür den Begriff Technodizee geprägt. In Analogie zu Leibnizens Argumentation in der Theodizee entwickelt Poser den Gedanken, dass das Übel unserer Zeit das malum technologicum sei, das heißt die Möglichkeit der Einschränkung menschlicher Freiheit durch die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und die ständig virulente Gefahr von Katastrophen als Ergebnis von Technik. Kurz: Die Technik, die wir schufen, um freier zu werden, schränkt uns zunehmend ein. Die Argumentation bei Leibniz läuft über drei Ebenen: 1. die der Möglichkeit, also: Gott wählt aus den Möglichkeiten die beste aus, 2. die der Verantwortung Gottes für die erschaffene Welt und 3. die der Wertung, das heißt es muss klar sein, was „gut“ und was „böse“ bedeutet. Und diese Ebenen, so Hans Poser, finden sich auch im Technikdiskurs wieder.

Zunächst geht es um den „Ermöglichungsgrund einer besseren Welt“ (Poser). Es gibt drei Varianten des Technikgeneseverständnisses, die jeweils einen anderen modalen Status haben. Zum einen kann der Ingenieur als derjenige angesehen werden, der an die Stelle des Schöpfergottes tritt, der aus einem Ideenreich die beste Möglichkeit für eine Maschine oder ähnliches identifiziert, auswählt und konstruiert, so wie Gott aus den möglichen Welten die beste identifiziert und erschaffen hat. Zum anderen kann man sich vorstellen, dass Technikentwicklung quasi automatisch abläuft, unabhängig vom Menschen. Dieses Nichtsteuerbarkeitspostulat wird von einer technikkritischen Richtung vertreten. Die dritte Variante geht davon aus, dass Technik von allen Menschen geschaffen wird. Zum einen liege die Technikgenese nicht in den Händen eines Einzelnen (des „Schöpfer-Ingenieurs“), zum anderen entstehe und entwickele sich Technik aber auch nicht „einfach so“. Vielmehr verlange die Gesellschaft nach technischen Lösungen, und Menschen aus dieser Gesellschaft befriedigten diese Bedürfnisse zum Wohle aller. Das mögliche Übel, das Technik mit sich bringt, wird hierbei nicht als Hemmnis betrachtet, welches die Reduktion von Technik nahelegt, sondern als Aufforderung zu mehr und besserer Technik.

Ferner muss sich Gott in Leibnizens Theodizee für die von ihm geschaffene Welt angesichts des in ihr spürbaren Übels vor der menschlichen Vernunft verantworten. Dieses Verständnis von Verantwortung, übertragen auf die Technodizee, führt zu der Formel, dass sich der Mensch vor dem Menschen für die Schaffung und den Gebrauch von Technik verantworten muss. Unterstellt, dass Technik weder die einsame Schöpfung eines Ingenieurs und auch nicht ein sich verselbstständigender Prozess ist, sondern gesellschaftlich generiert wird, geht es in der Technodizee also mehr um die Mitverantwortung aller Akteure, also auch der Konsumenten, die bestimmte Technik wollen, als um die Generalverantwortung eines einzelnen Ingenieurs.

Noch einmal zurück auf die „Titanic“, die auch im Hinblick auf die Frage der Verantwortung ein gutes Beispiel gibt. Wer trug die Verantwortung für ihren Untergang, für die Katastrophe, die dem technologischen Zeitalter der Moderne die Unschuld nahm? Der Konstrukteur, der die Rettungseinrichtungen falsch dimensionierte (es gab nur Platz für die Hälfte der Passagiere und Besatzung), die Eigentümer, die mit einem Geschwindigkeitsrekord werben wollten (das Schiff war nach heutigen Erkenntnissen viel zu schnell durch das gefährliche Gewässer vor Neufundland gefahren) oder gar die Kunden, die ebenfalls schnell ans Ziel kommen wollten? Alle Seiten hatten wohl irgendwie einen gewissen Anteil an dem, was in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 passierte und etwa 1 500 Menschen das Leben kostete.

Die Frage nach der Bedeutung von „gut“ und „böse“ ist in der Theodizee Leibnizens klar. Es herrscht das Prinzip des Besten, das Gott veranlasst, ein Maximum an Ordnung in die Realität zu setzen, was ein Maximum an Harmonie und Vollkommenheit in der Welt bedeutet. Was aber ist das Prinzip des Besten in der Technik? Hier gibt es aufgrund der unterschiedlichen Interessen der am gesellschaftlichen Geneseprozess beteiligten Akteure auch unterschiedliche Gütevorstellungen: Dem Ingenieur geht es um Funktionalität, dem Aktionär um Wirtschaftlichkeit, dem Gewerkschafter um Sozialverträglichkeit, dem Kunden um möglichst günstige und langwährende Freude bei der Anwendung.

Ferner stellt sich das Problem der Abschätzung von Folgen: Das Prinzip des Besten in der Technodizee ist an den Wissensstand des endlichen Wesens Mensch gebunden, hat also nicht die unendliche praevisio Gottes im Rücken, die Leibniz in der Theodizee unterstellt. Darin liegt eine besondere Brisanz, denn es sind ja gerade jene Folgen, mit denen keiner rechnet, die so verheerend sind, weil nichts an Schutzmaßnahmen ergriffen wird, einfach deshalb, weil das Problembewusstsein fehlt. Man denke etwa an die Mineralfaser Asbest oder an den Kühlstoff FCKW, die in den 1960er Jahren in erster Linie als eines wahrgenommen wurden: als preiswert.

Was bedeutet dies nun für den Technikdiskurs? Die Strukturanalogie von Theodizee und Technodizee legt im Ergebnis nahe, nach bestem Wissen und Gewissen eine Bewertung von Technik jenseits der eindimensionalen ökonomischen Verwertungslogik vorzunehmen und nach einer Antwort auf die Frage nach „gut“ und „böse“ für den Menschen zu suchen. Nur eine solche Technik ist gerechtfertigt, bei der die sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Folgen berücksichtigt sind. Die Strukturanalogie gebietet ferner, die für die Technikgenese Zuständigen – und das sind wir alle – stärker in die Verantwortung zu nehmen, mit dem Ziel, künftiges Technik-Übel zu verhindern.