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Gender in Großbritannien – Denkverbote behindern Forschungsfreiheit. Von Barbara Stühlmeyer

Wer Gesetze verabschiedet, tut gut daran, die Folgen zu bedenken. Dies gilt insbesondere dann, wenn die persönliche Freiheit Einzelner betroffen ist. Es macht also Sinn, nicht nur auf politischer, sondern auch auf akademischer Ebene die absehbaren Konsequenzen einer weitreichenden Entscheidung gründlich zu untersuchen.

In Großbritannien aber ist dies zurzeit nicht mehr so einfach möglich. Vor allem dann, wenn es um das Thema Gender geht. Denn es ist mittlerweile emotional so aufgeladen, dass sachliche Debatten schlicht nicht mehr stattfinden. Ein praktisches Beispiel: Rosa Freedman ist Juristin und Professorin an der Universität von Reading. Sie hat ein Forschungsprojekt initiiert, dass untersuchen soll, was geschieht, wenn die Regelungen des „Gender recognitions act“ aus dem Jahr 2004 gelockert werden. Außerdem plante sie eine öffentliche Debatte auf dem Campus zum Thema, bei dem eine Feministin sprechen sollte, die von einigen Studentenvereinigungen inzwischen zur Persona non grata erklärt wurde, weil sie die geplante Gesetzesnovelle für übereilt und ihre Folgen für Frauen für gefährlich hält. Was dahintersteckt ist folgendes: Der „Gender recognition act“ ist ein 2005 in Kraft getretenes Gesetz, das Menschen, die davon überzeugt sind, im falschen Körper zu stecken, ermöglicht, ein Zertifikat zu erhalten, das ihnen zusichert, dass sie von nun an ein Mann beziehungsweise eine Frau sind. Voraussetzung dafür ist, dass sie zwei Jahre wie ein Mann oder wie eine Frau gelebt haben und die Bescheinigung einer Geschlechtsidentitätsstörung durch einen Psychologen. Diese Regelung soll nun dergestalt verändert werden, dass eine schlichte Erklärung des oder der Betroffenen für den Wechsel ausreichen soll. Aber die neue Freiheit, die von Transgenderaktivisten ausdrücklich begrüßt wird, ruft auch Ängste hervor. Zum Beispiel bei Frauen, die Gewalt durch Männer erlebt haben und nun beim Frauenarzt kein Recht mehr darauf haben, von einer als Frau geborenen Ärztin behandelt zu werden. Oder bei Frauen, die im Gefängnis sitzen und plötzlich eine Zellengenossin zugewiesen bekommen, die über männliche Geschlechtsmerkmale verfügt und in ihrem früheren Leben bereits mehrfach wegen Vergewaltigung inhaftiert war.

Die Frauenbewegung hat lange Jahre dafür gekämpft, dass die Rechte von Frauen besser geschützt und Räume geschaffen werden, in denen Frauen sich sicher fühlen können. Genau diese Räume aber werden durch die geplanten neuen Regelungen weit geöffnet. Welche Räume dies im Einzelnen sind, und ob es gesetzliche Möglichkeiten gibt, mit den neuen Gegebenheiten so umzugehen, dass alle, Transfrauen und biologische Frauen, sie ungehindert und ohne Sorgen nutzen können, ist eine der Fragen, mit denen Rosa Freedman sich beschäftigt. Eine der Reaktionen, die sie daraufhin von einem Studierenden erhielt lautete, sie wäre eine transphobe Nazi, die vergewaltigt werden müsse. Als Freedman darauf antwortete, dass das Überleben einer Vergewaltigung einer der Gründe dafür sei, dass sie die Rechte von Frauen auf getrenntgeschlechtliche Räume schützen wolle, hörte der Student dies schon nicht mehr.

Was Freedman erlebt, ist leider kein bedauerlicher Einzelfall, sondern inzwischen Alltag an britischen Universitäten. Jeder, der sich dort mit dem Thema Transgender und Frauenrechte auseinandersetzt, sieht sich teils extrem hasserfüllten Reaktionen ausgesetzt. Das ist schlimm für alle Betroffenen. Denn niemand kann im Ernst damit rechnen, dass das Pendel nicht irgendwann in die Gegenrichtung ausschlagen wird. Menschen mit Geschlechtsidentitätsstörungen werden dann die ersten sein, die verletzende und beleidigende Reaktionen erleben werden. Insofern tun diejenigen, die ihre Rechte für die einzig relevanten halten und glauben, dass die Rechte anderer ohne Bedeutung sind, niemandem einen Dienst, am wenigsten denjenigen, für die sie sich so lautstark einsetzen. Denn es ist nicht transphob, sondern schlicht realistisch, davon auszugehen, dass Pädophile und Vergewaltiger es für eine gute Idee halten, sich als Frau auszugeben, um leichteren Zugang zu ihren Opfern und deren vormals geschützten Räumen zu erhalten. Eins ist jedenfalls derzeit sicher: Wer in der britischen Wissenschaftsszene in Sachen Gender nicht auf Kurs ist, dessen Forschungs- und Redefreiheit ist nicht mehr gewährleistet. Die Durchführung der Symposien, Vorlesungen und Seminare der betroffenen Professorinnen und Professoren wird nach Möglichkeit verhindert. Sie werden aus Gremien ausgeschlossen, sie werden mit Beschwerden überhäuft und mit Klagen bedroht. All dies geschieht nicht, weil sie jemanden respektlos oder feindselig behandeln, sondern einfach deshalb, weil sie die Frage stellen, ob eine geplante Gesetzesnovelle Gefahren für weite Teile der Gesellschaft, in diesem Fall alle Frauen, bringt. Eine Entwicklung, die umzukehren im Interesse aller sein sollte.