Keine Angst vor der Angst

Sie ist zu einem prägenden Faktor unserer Zeit geworden. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen – die Angst. Sie ist zwar kein guter Ratgeber, aber mit ihr lassen sich gute Geschäfte machen. Mit steigender Unsicherheit nehmen die Existenzängste zu. Dabei wäre eine Rückbesinnung auf den Glauben ein Ausweg. Von Burkhardt Gorissen

Zur Überwindung der Kultur der Angst muss man keine extremen Mutproben bestehen, wie der Hochseilartist Nik Wallenda. Foto: IN
Zur Überwindung der Kultur der Angst muss man keine extremen Mutproben bestehen, wie der Hochseilartist Nik Wallenda. Foto: IN

Ein lichtblauer Himmel spannt sich über New York. Der Wetterbericht sagt einen warmen Spätsommertag voraus. Durch die Betonschluchten hasten Menschen zur Arbeit, in der 33. Straße kommt es zu einem Stau, das ist normal um diese Zeit. Alles läuft wie immer. „Business as usual“, wie die Amerikaner sagen. Von der Wallstreet gibt es keine besonderen Signale. Die Jazz-Bars spucken die letzten, noch von der Nacht übrig gebliebenen Besucher in den beginnenden Tag. Von oben sieht die Stadt aus wie ein pulsierender Ameisenhaufen. An diesem Dienstag, dem 9. September, startet der American-Airlines-Flug 11 um 8:15 Uhr in Boston. Wenig später informiert eine Stewardess die Bodenkontrolle über die Entführung. Um 8:56 Uhr schlägt das Flugzeug im Nordturm des World-Trade-Centers ein. Sieben Minuten später rast ein weiteres Flugzeug, der United-Airlines-Flug 175, in den Südturm, ebenfalls um 8:15 Uhr in Boston gestartet. Seit diesem Dienstag ist nichts mehr wie zuvor. Nine-Eleven ist seither ein Synonym für die Angst der Moderne. Von diesem Tag an denkt die Welt in Katastrophen.

Eine Kultur der Angst entsteht nicht aus sich selbst heraus. Alle beschönigenden Erklärungsversuche helfen nicht weiter. Seit dem Sündenfall ist sie Teil der Welt. Ohne göttliche Gnade wäre sie schlichtweg unerträglich, doch durch sie wird die angstbringende Unheilsgeschichte „von Adam her“ zur Heilsgeschichte „auf Christus hin“. Wer glaubt, kennt keine Angst. Durch die Jahrhunderte bezeugten die Kirchenväter und Kirchenlehrer, Heilige ebenso wie „einfache“ Gläubige diese Gnade. Alles Erkenntnisstreben war genau justiert und auf Gott ausgerichtet. Mit Beginn der Neuzeit entwickelten sich neue Wissenschaften und Künste, mit der schrittweise erfolgenden Verweltlichung geriet der Mensch immer mehr in den Mittelpunkt, aus dem Erkenntnistreben wurde Gottesleugnung. Die süße Frucht des Erkennens hinterließ hingegen nicht selten einen schalen Nachgeschmack, was einen immensen Angstzuwachs bedeutete, insbesondere durch die rasant zunehmende Technisierung. Mit dem Hereinbrechen der Moderne verstärkte sich der emanzipatorische Drang nach völliger Freiheit und damit das Einsamkeitsgefühl des Menschen. Die Vergötterung des Diesseits nahm jedoch nicht die Angst. Im Gegenteil. In der Folge wurden in verschiedenen Säkularisierungsschüben sämtliche göttliche Gnadenbezeugungen verneint oder spöttisch zu Kuriositäten herabgewürdigt.

Nach der philosophischen Verstümmelung des Christentums setzte dessen versuchte Zerstörung durch mehr oder minder politisch harsche Maßnahmen ein. Die Massenmorde an Geistlichen in der Französischen und Russischen Revolution setzen sich fort bis zur Christenverfolgung unserer Tage. Dies alles geschah und geschieht unter der Prämisse, dass alles was möglich ist, gemacht werden muss. Wer Atome spaltet, spaltet das Bewusstsein, wie die traurigen Schicksale der Piloten von Nagasaki und Hiroshima beweisen. Wer Autos am Fließband baut, stellt bald auch Menschen auf diese Art her, wie die letzthin veröffentlichten Forschungsergebnisse beweisen. Die Mär von der Verantwortung ist in einer vom Machbarkeitswahn besessenen Welt obsolet. Der moderne Mensch, getrieben wie Büchners „Woyzeck“ und in seiner Verunsicherung ein faustischer „Zauberlehrling“, ist in seiner Geworfenheit nicht in der Lage, seiner Macht Herr zu werden – und damit seiner Angst. Beides sind Resultate seines Systems. Es wächst, wie Erich Fried feststellt, die „Angst vor der Angst“.

Dabei haben uns die falschen Propheten der Neuzeit versprochen, wenn erst einmal alle religiösen Praktiken verschwunden sind, könne der Mensch sich ohne Angst vor der Sünde endlich frei entfalten. Problem nur, seither hat sich die Kriminalitätsrate vervielfacht, sexuelle Perversionen und Übergriffe nehmen drastisch zu und der moralische Verfall der Gesellschaft lässt erahnen, dass Sodom und Gomorra keine biblische Einmaligkeit gewesen sein muss. Wir versteigen uns in Erklärungsmodelle. Doch diese nahezu sämtlich hysterisch anmutenden Versuche scheitern bereits im Ansatz. Schließlich beruhen Darwins oder Freuds Denksysteme nicht auf unantastbare Wahrheitsgrundlagen, und ihre postmodernen Epigonen tun kaum etwas anderes, als die Unheilsgeschichte der Christophobie fortzuschreiben. In solchen gebrochenen Perspektiven gedeiht kleingeistige Sophistik, die jedoch, entgegen gegenteiliger Bekundungen, nicht zur Angstbeseitigung, sondern zur Angstmaximierung beiträgt.

Die Unruhe der revolutionären Seele hat trotz aller beifallsfähiger Kriterien nie Versöhnung und Gleichgewicht gefunden. Doch man wird die gefährliche Unverträglichkeit menschlicher Allmachtsfantasien nicht überbrücken können, indem man auf eine keimfreie Sprache und politische Korrektheit verweist. Beliebigkeit reicht eben nicht, um die Brüchigkeit des materialistischen Weltbildes zu verdecken. Allein die Französische Revolutionsparole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist von des Gedankens Schwäche angekränkelt. Da nicht alle Menschen gleich sind, können sie nicht gleich frei sein. Der Trick, diesen Missstand durch Brüderlichkeit zu kompensieren, hat bereits früh zur Guillotine geführt.

Schon heute ist es gelungen, dem modernen Menschen eine Kultur der Angst aufzuprägen. Er verspürt ein tiefes Misstrauen gegen religiöse Gefühle und eiert durch das Labyrinth weltgeschichtlicher Lösungsangebote. Mögen die beklagenswerten Abirrungen des stupiden Rationalismus vernachlässigenswert sein, durchaus finden sich bereits in der Kant’schen „Kritik der reinen Vernunft“ Warntafeln, die ebenso die Künder des Arbeiterparadieses aufgestellt haben. „Ein Gespenst geht um in Europa“, so begründen Marx und Engels das „Kommunistische Manifest“, und damit das Spukzeitalter, in dem wir heute noch leben. Aus diesem brodelndem Urschlamm des Materialismus wachsen Angstneurosen, die sich, von Freud liebevoll begärtnert, zu einer Pandemie ausbreiteten. Der Materialismus besitzt eben keine eigene Kraft, sondern ist reine Formungstätigkeit. Er will dem Menschen ein geschlossenes Weltbild bieten, will Werteordnungen aufstellen und dem Verhalten im Leben eine rein auf die irdischen Genüsse ausgerichtete Richtung geben. Selbst die Psychoanalyse will man als Offerte passieren lassen, tradierte Zeichen umzuinterpretieren. Doch jeglicher kathartische Moment fehlt, zumal der Mensch gegen das eigene Gewissen in dionysischem Daseinstaumel das Leben ablebt und keine Entladestation für seine Sünden mehr hat. Die Beichte, ein scheinbar vergessenes Sakrament. Die Wüste wächst. Eine Massenpsychose ist entstanden. Das schürt noch mehr Angst. Sie ist ein ständiger unsichtbarer Begleiter.

Beim Tanz auf dem Vulkan hat sich in der Moderne eine regelrechte Tanzwut entwickelt. Provokationen bestimmen das Geschehen. Der Pädagogik der Gottesgerechtigkeit wurde eine unmoralische Konfusion gegenübergestellt, die den Glauben zunehmend überwuchert. Indes, säkulare Heilsversprechen taugen kaum. Die aktuelle Philosophie ist in Teilen nicht mehr als ein Horrorgenre, dass immer neue Hirngespinste gebiert. Was bleibt, sind paranoide Reflexe: Gott muss tot sein, damit die nackte Angst vor der eigenen Fehlbarkeit nicht wächst. Ganz nach dem infantilen Grundsatz, wenn ich mir die Augen zuhalte, sehe ich nichts und werde nicht gesehen. Der Narzissmus unserer Zeit ist genau diesem Manko geschuldet. Ein Rationalitätsproblem für die Ethik.

Doch schon fällt uns Dawkins ins Wort. Der Atheist mit dem rosigen Gesicht nölt: „Das Leiden hat in der Natur jedes Jahr ein Ausmaß, das alle erträglichen Vorstellungen übersteigt“. Dawkins Thesen sind ein Ausdruck des Seelenzerfalls dieser ganzen verlorenen Generation. Aus ihnen spricht die Angst des Rationalisten vor seinem eigenen Irrtum. Indem er seine Denkblockade „Gotteswahn“ nennt, opfert Dawkins die Religion auf dem Altar des Fortschritts – und ebenfalls sein Seelenheil. Bisweilen steigert sich der Atheistenwahn ins Widerwärtige. Doch die Drohkapazitäten sind längst nicht ausgeschöpft. Die Angst, so scheint es, hat mit jeder weiteren Verwüstung unserer Seelenlandschaft gesiegt. Konzerne setzen Angst inzwischen für Marketingzwecke ein. Ebenso ist für die Politik Angsterzeugung ein probates Werkzeug. Mit Angstmache werden Produkte verkauft, von antibakterieller Seife bis zu Alarmanlagen. Je mehr Lebensversicherungen es gibt, desto mehr steigt die Angst.

Gleichzeitig wächst der Unterschied zwischen Arm und Reich so dramatisch an, dass sich ein großer Teil der Mittelschicht nicht mehr sicher sein kann, ob er seine wirtschaftliche Position halten kann. Die Zahl der Beschäftigten mit psychischen Problemen steigt nicht nur in Deutschland kontinuierlich. Stresssymptome wie Reizbarkeit und Nervosität nehmen zu. Eine Atmosphäre der allgemeinen Unsicherheit grassiert. Arbeitslosigkeit als Angstschraube. Die Gewerkschaften kümmern sich kaum noch um den sozialen Bodensatz der Gesellschaft, sondern verstehen sich als Lohnforderungsverein für diejenigen, die nicht in den Zwängen von Ein-Euro-Jobs stecken. Während die ökonomische Absicherung aller das Leitmotiv der sozialen Marktwirtschaft war, grenzt der Turbokapitalismus sozial Schwächere aus. Nichts mehr ist sicher, alles steht auf schwankendem Grund.

Längst brodelt es unter der Decke unseres Wohlstands und immer öfter kommt es zu kleineren Eruptionen, seien es die Proteste der Griechen gegen die Bankdiktatur, die der Türken für die Meinungsfreiheit, die der Wutbürger gegen unsinnige Technikprojekte. Auch die Unzufriedenheit in den Vorstädten wächst ebenso wie der Protest. Entwickelt sich die westliche Welt von einer materialistischen zu einer dystopischen Gesellschaft? Wenn Papst Franziskus seine erste Auslandsreise nach Lampedusa antritt, legt er damit einen Finger in die offene Wunde unserer Wohlstandsgesellschaft: Vor unserer Tür stehen Menschen die hungern und kaum mehr als das letzte Hemd besitzen, nicht zuletzt deshalb, weil die reichen Staaten ihre Länder ausgeplündert haben oder noch ausplündern. Es darf nicht vergessen werden, dass die katholische Kirche das Organon für die tiefste Begründung der Menschenrechte ist, die im übrigen ohne die Zehn Gebote gar nicht gesehen werden können. Im System des Materialismus liegt kein Heil. Dessen kulturelle DNS ist so angelegt, dass sich jeder selbst der nächste ist.

Vor dem Hintergrund wachsender Unsicherheiten werden neue Ängste geschürt. Für die Medienwelt ist Angst grundlegendes Geschäftsmodell. Nachrichtensendungen kündigen sich mit sogenannten Cliffhangern an: Neue Katastrophe! Gleich in der Sendung! Der Kannibale sorgt für mehr Quote als der einfache Totschläger. Das Wettergeschehen muss als Drama verpackt werden, jedes Jahr ein neues Jahrhundertunwetter. Schließlich entstehen Sensationen erst, wenn man Schreckensmeldungen zu Horrorszenarien aufbauscht. Gewaltvideos gehören nicht nur zur Popkultur, sondern werden durch diese popularisiert. In Film und Literatur, auf Rockbühnen und Fernsehschirmen, regiert das Skalpell, wenn die künstlerische Gestaltungskraft nicht mehr ausreicht. Hier berühren sich Zynismus und Perversion. In dieser Grundmelodie schwingt die Hysterie, die das postmoderne Daseinsgefühl bestimmt. Deswegen hat die Angst noch nie so gut funktioniert wie heute.

Seit dem 11. September wurde alles, was mit einer möglichen Terrorgefahr zusammenhängt, ein Quotenhit. Der Terror hat das Sicherheitsgefühl der Menschen erschüttert. Das Lebensgefühl ist von panischen Zügen durchsetzt, was die Haltung, die Genüsse des Diesseits auszukosten, nur noch befeuert. Weder die Politik noch die Medien diskutieren hingegen die Tatsache, dass sich Menschen gegen den Tod überhaupt nicht schützen können. Keine Macht der Welt kann das. Nur Gott. „...dass Gott gekreuzigt wird, dass man ihn kann verwunden! dass er die Schmach verträgt, die man ihm angetan! dass er solche Angst aussteht! und dass er sterben kann! Verwundere dich nicht, die Liebe hat’s erfunden!“, schreibt Angelus Silesius. Von solcher Erkenntnis, die ein genialer Barockdichter noch fassen konnte, sind die meisten postmodernen Denker um ein ganzes Universum entfernt – das Universum des Glaubens. Bisweilen hilft die Erkenntnis, dass der Unterschied zwischen Gottesfurcht und Todesangst darin besteht, dass Gottesfurcht die Angst nimmt. Wer seine Angst nicht füttern will, betet. In diesem Wissen lässt sich die Zukunft gestalten. Erst wenn wir eine mitfühlende Gesellschaft errichten, kommen die Gewaltausbrüche zum Stillstand.