Kein Weihrauch für Caesar

Die "Benedikt-Option" empfiehlt Christen nicht politische Abstinenz, sondern wirbt für einen erweiterten Politikbegriff. Von Tobias Klein

Katholikentag
Schon ein „Körnchen Weihrauch für Cäsar“ kann laut Rod Dreher fatale Folgen haben. Fragwürdige politische Allianzen sind für Christen keine Option.dpa Foto: Foto:

Betrachtet man die Reaktionen auf Rod Drehers „Benedikt-Option“, könnte man den Eindruck haben, die größte Provokation dieses Buches liege nicht in dem, was der Autor über Sex oder über Technologie sagt, sondern vielmehr in dem Satz „Politik wird uns nicht retten“. Gerade hierzulande, wo es – weit mehr als in den Vereinigten Staaten, wo ein gewisses Maß an Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Institutionen Tradition hat – fast schon Normalität zu sein scheint, „der Politik“ zuzutrauen und von ihr zu verlangen, den Bürger nicht nur vor Armut, Ungerechtigkeit und Gewalt, sondern auch vor Krankheit und Naturkatastrophen zu bewahren, trifft diese Aussage einen empfindlichen Nerv.

Bundesgesundheitsminister Spahn will in zehn bis 20 Jahren den Krebs besiegt haben, in weiteren 20 Jahren dann wahrscheinlich den Tod selbst. Eine Warnung vor dem Hang zur Überschätzung dessen, was Politik erreichen kann – vor einer „Idolisierung, ja Vergötzung von Politik“, wie Rod Dreher schreibt – scheint da durchaus angebracht.

Für die heftigen Abwehrreaktionen, die die Thesen der „Benedikt-Option“ gerade auf bürgerlich-konservativer Seite ausgelöst haben, stellt der in der „Tagespost“ vom 7. Februar 2019 erschienene Beitrag „Mitreden und mitgestalten“ von Gudrun und Martin Kugler ein illustratives Beispiel dar. Rod Drehers Aufruf zum „Rückzug aus der Gesellschaft“ sei geradezu eine „self-fulfilling prophecy“, argumentieren die Verfasser: Es wäre ein fataler Fehler, wenn Christen die politische Arena kampflos ihren Gegnern überlassen wollten. „Wenn die Christen tun, was er sagt, hat er in zwanzig Jahren Recht. Dann leben die Christen […] in christlichen Ghettos.“

Auf diesen Einwand ist zunächst zu erwidern, dass er eine Überzeichnung der Aussagen Drehers darstellt. Tatsächlich heißt es in der „Benedikt-Option“ ausdrücklich: „Es geht nicht darum, dass wir aufhören sollten, wählen zu gehen oder uns anderweitig in der konventionellen Politik zu engagieren. Es geht vielmehr darum, dass das allein nicht mehr genügt.“ Drehers Skepsis gegenüber politischen Lösungsansätzen zur gegenwärtigen Krise des Christentums in der westlichen Welt drückt sich zum Teil in einer engagierten Warnung vor der Versuchung aus, „die eigene Seele zu kompromittieren, um den Zugang zur Macht zu bewahren“: Fragwürdige politische Allianzen einzugehen, um die eigenen Anliegen politisch durchzusetzen, bezeichnet der Autor als eine von vielen Arten, „ein Körnchen Weihrauch für Caesar zu opfern“. Wenn Dreher angesichts der Präsidentschaft Donald Trumps an die „Warnung des Psalmisten“ erinnert, nicht „auf Fürsten zu bauen“, dann ist diese Mahnung ebenso gegenüber Europäern angebracht, die etwa von Putin, Orbán, Salvini oder sogar von Sebastian Kurz die Rettung des christlichen Abendlandes erwarten oder erhoffen. „Keine Regierung [...], wie ostentativ pro-christlich sie auch sein mag, ist in der Lage, kulturelle Trends aufzuhalten, die in die Richtung von Desakralisierung und Fragmentierung weisen“, schreibt Rod Dreher. „Die tiefgreifenden kulturellen Kräfte, die den Westen seit Jahrhunderten von Gott entfernt haben, werden nicht durch eine einzige Wahl aufgehalten oder zurückgedrängt werden – oder überhaupt durch Wahlen.“ Gerade aus deutscher Sicht sollte dies unschwer einsichtig sein: In den 70 Jahren des Bestehens der Bundesrepublik ist die Regierung 50 Jahre lang von einer Partei mit explizit christlichem Selbstverständnis angeführt worden, aber den rapiden gesellschaftlichen Relevanzverlust des Christentums hat dies nicht verhindern können.

Rod Dreher verweist selbst auf den emeritierten Papst

Die „Benedikt-Option“, so meint Dreher daher, erfordere „eine radikal neue Art, Politik zu betreiben“ – und ein erweitertes Verständnis dessen, was Politik im „fundamentalsten philosophischen Sinne“ sei, nämlich „der Prozess, durch den wir uns darüber verständigen, wie wir miteinander leben wollen“. In diesem Sinne könnten gläubige Christen nicht allein durch „Wahlkampf, Wahlen, Aktivismus, Gesetzgebungsprozesse […] – all die Elemente des Staatswesens einer Demokratie“ politisch wirksam werden, sondern weit mehr durch „gegenkulturelle“ Initiativen in ihrem jeweiligen persönlichen Umfeld. Wie Dreher sich diesen „praxisorientierten Lokalismus“ konkret vorstellt, fassen Gudrun und Martin Kugler durchaus zutreffend zusammen: „Bauen wir unsere eigenen Subkulturen auf. Kehren wir zurück auf die lokale Ebene. Mit unseren eigenen Kirchengemeinschaften. Gründen wir unsere eigenen Schulen. Werden wir Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr. Legen wir Gärten an. Kehren wir zurück zur körperlichen Arbeit. Wichtig ist, dass wir den Glauben an unsere Kinder weitergeben.“ Ein gewisser spöttischer Unterton ist hier allerdings kaum zu verkennen; und noch deutlicher wird dieser, wenn die Kuglers das in der „Benedikt-Option“ geschilderte Beispiel eines ehemaligen Abgeordneten des Repräsentantenhauses von Kansas, der sich aus der aktiven Politik zurückgezogen hat, um sich „mehr seinem Gebetskreis zu widmen und einen Kurs über Augustinus' ,De Civitate Dei‘ halten“ zu können, mit einem ungläubigen „Wie bitte?“ kommentieren. Dass Dreher „die Pionierarbeit von Ostblock-Dissidenten [...], die während des Kalten Krieges dem Kommunismus trotzten“, als vorbildlich hervorhebt, veranlasst die Eheleute Kugler zu dem Einwand: „Dieser Vergleich trifft nicht zu, denn so weit ist es jedenfalls (noch) nicht gekommen.“ Das allerdings behauptet Dreher auch gar nicht; im Gegenteil betont er explizit, die osteuropäischen Dissidenten seien „einem Ausmaß an Unterdrückung und Verfolgung“ ausgesetzt gewesen, das „weit über alles“ hinausgehe, was den Christen in der heutigen westlichen Welt „aller Wahrscheinlichkeit nach in naher Zukunft bevorstehen könnte“. Die Beispiele, die er dafür anführt, wie Dissidenten in den Diktaturen des Ostblocks sogar aus einer Position äußerster politischer Machtlosigkeit heraus Einfluss auf die Gesellschaft nehmen konnten, sollen den Lesern der „Benedikt-Option“ als Anregung dienen, aber nicht eins zu eins auf die Gegenwart übertragen werden.

Der von den Kuglers an Rod Dreher gerichtete Ratschlag, er hätte „mehr (Papst) Benedikt lesen sollen“, wirkt wenig überzeugend, wenn man bedenkt, dass der Autor der „Benedikt-Option“ wiederholt auf den emeritierten Papst verweist und ihn in seiner Danksagung als „den zweiten Benedikt der Benedikt-Option“ würdigt. Tatsächlich liegt es nahe, die Idee der „Entweltlichung“ des Christentums, die der Theologe Joseph Ratzinger bereits 1958 in einem viel beachteten Essay in der Zeitschrift „Hochland“ („Die Kirche und die neuen Heiden“) entwickelte und als Papst noch 2011 in seiner Freiburger Konzerthausrede weiter ausführte, als einen Kerngedanken der „Benedikt-Option“ zu betrachten. 1958 schrieb Ratzinger, es werde „der Kirche auf die Dauer nicht erspart bleiben, Stück um Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen“; dies sei ein „Prozess, der mit oder ohne Zutun der Kirche vor sich gehen wird, auf den sie sich also einstellen muss“. In offenbarem Gegensatz zur Einschätzung Gudrun und Martin Kuglers, wenn Christen sich „in ein Ghetto“ zurückzögen, könnten sie „nicht Salz der Erde“ sein, heißt es in dem „Hochland“-Aufsatz, die „missionarische Kraft“ des Christentums könne durch „äußere Verluste nur wachsen“: Nur wenn die Kirche aufhöre, „eine billige Selbstverständlichkeit zu sein“, werde sie „das Ohr der neuen Heiden mit ihrer Botschaft wieder zu erreichen vermögen“. Freilich betont Joseph Ratzinger im selben Text, es wäre „ganz verkehrt, [...] eine Abkapselung des gläubigen Christen gegenüber seinen nichtgläubigen Mitmenschen“ zu fordern; dass die Gläubigen sich „auch im privaten Leben miteinander verbunden fühlen und wissen, dass sie in Notsituationen aufeinander zählen können, eben wirklich eine Familiengemeinschaft sind“, dürfe „keine sektiererische Abschließung zur Folge haben, sondern der Christ soll gerade auch ein fröhlicher Mensch unter Menschen sein können, ein Mitmensch, wo er nicht Mitchrist sein kann“. Das allerdings sieht Rod Dreher ganz genauso: Es gehe „nicht etwa darum, einen geschützten Raum für Christen aufzubauen“, vielmehr sollten „die christlichen Dissidenten der Gegenwart“ danach streben, „nicht nur für sie selbst eine bessere Zukunft zu erbauen, sondern auch für alle anderen um sie herum“.

Gudrun und Martin Kugler verweisen auf den „Marsch durch die Institutionen“, mit dem „die Linke ihren Siegeszug angetreten“ habe; dabei entgeht ihnen offenbar, dass der „Benedikt-Option“ in gewissem Sinne ebenfalls das Konzept eines „Langen Marsches“ zugrunde liegt. „Dieses Gemeinschaftskonzept geht vom Herzen des Einzelnen aus und verbreitet sich von dort aus in die Familie, die Kirchengemeinde, die Nachbarschaft und darüber hinaus“, schreibt Rod Dreher. Dieser Ansatz ist nicht auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet, sondern geht von der Erwartung eines neuen „dunklen Zeitalters“ aus, „das Jahrhunderte andauern könnte“. Dennoch ist es durchaus keine pessimistische Vision. „Der Verlust politischer Macht“, so meint Dreher, sei „womöglich genau das, was die Seele der Kirche rettet“ – denn dadurch „bekommen wir die Hände frei, um für das Königreich Gottes in unseren eigenen kleinen Auen zu arbeiten“. Oder wie die Hl. Mutter Teresa es formulierte: „Wenn du die Welt verändern willst, geh heim und liebe deine Familie.“