„Kein Talent soll unentdeckt bleiben“

Zwei ganz verschiedene Dokumentarfilme über Leistungssportler: „Einzelkämpfer“ und „Mein Weg nach Olympia“. Von José García

Der kurzarmige Regisseur Niko von Glasow im Gespräch mit Mitgliedern des Sitzvolleyball-Teams aus Ruanda. Nachdem ihnen durch Bürgerkriegs-Minen die Beine amputiert werden mussten, vertreten sie ihr Land bei den Paralympics. Foto: Senator
Der kurzarmige Regisseur Niko von Glasow im Gespräch mit Mitgliedern des Sitzvolleyball-Teams aus Ruanda. Nachdem ihnen ... Foto: Senator

Im Dokumentarfilm „Einzelkämpfer“, mit dem sie ihr Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DffB) abschloss, gibt Sandra Kaudelka einen kleinen Einblick in ihre eigene Karriere als Wasserspringerin, ehe sie sich auf vier ehemalige DDR-Rekordsportler konzentriert, die sie für ihren Abschlussfilm auswählte: Marita Koch, Olympiasiegerin und bis heute die schnellste 400 m-Läuferin mit 16 Weltrekorden, Kugelstoßer Udo Beyer, Olympiasieger, dreifacher Weltrekordler und Kapitän der DDR-Leichtathletikmannschaft, Brita Baldus, ehemals beste Wasserspringerin der DDR, sowie Ines Geipel, Sprinterin bei Olympischen Spielen, die 1985 aus politischen Gründen ihre Sportkarriere aufgeben musste, weil die Stasi von ihrem Fluchtversuch bei den Olympischen Spielen 1984 erfuhr.

Mit Dokumentaraufnahmen und Interviews rekonstruiert Sandra Kaudelka den Lebenslauf dieser vier Leistungssportler, die heute ganz unterschiedliche Berufe ausüben: Udo Beyer betreibt zusammen mit seiner Tochter ein Reisebüro in Potsdam. Brita Baldus hatte Mühe, trotz zweier Hochschulabschlüsse in ihrer Heimatstadt eine Arbeitsstelle zu finden, und arbeitet nun als Bademeisterin. Dafür fand sie zum Glauben und ließ sich taufen. Ines Geipel ist als Schriftstellerin und Professorin an der renommiertesten Schauspielschule Deutschlands, der Hochschule „Ernst Busch“ tätig. Sie erhielt 2011 wegen ihres Engagements für in der DDR unterdrückte Literatur und für ihre Aufarbeitung des DDR-Zwangsdoping-Systems das Bundesverdienstkreuz.

Mit den Biografien dieser Sportler und ihren ganz unterschiedlichen Erfahrungen beleuchtet Kaudelka die Bedeutung des Sports für die internationale Anerkennung der DDR, aber auch ihre Schattenseiten. Die Kehrseite der Devise „kein Talent soll in der DDR unentdeckt bleiben“ war der unbedingte Auftrag „Medaillen gewinnen“, selbst wenn die Sportler zu Objekten degradiert wurden, mit denen man alles machen konnte. Zu den Kehrseiten gehörte ebenfalls die Verstrickung in die Politik: Udo Beyer und insbesondere Marita Koch wurden zu Aushängeschildern der DDR – Kaudelkas Film zeigt beispielsweise Marita Koch bei ihrer Rede vor dem Delegierten des 11. SED-Parteitages. Eine Verquickung, die Ines Geipel kritisch beleuchtet: „Für diejenigen, die zeitgleich im Gefängnis gesessen haben, waren die DDR-Athleten Oberidioten, die nie nach rechts oder links geschaut haben.“

Das Thema, das heute im Zusammenhang mit dem DDR-Sport sicherlich am meisten interessiert, kommt erst gegen Ende von „Einzelkämpfer“ zur Sprache: Bestreiten Koch und Beyer in die Doping-Maschinerie der DDR eingebunden worden zu sein, so zeigt sich lediglich Ines Geipel wirklich kritisch diesem Zwangsdopingsystem gegenüber. Sie, die nach der Wende von den unglaublichen Zersetzungsmethoden der Stasi an ihrem eigenen Leib erfuhr, trat denn auch 2000 als Nebenklägerin im Doping-Prozess auf.

„Mein Weg nach Olympia“ lautet der doppeldeutige Titel des Dokumentarfilms, den Niko von Glasow im Vorfeld der Paralympics London 2012 drehte. Von Glasow, der sich wegen seiner Contergan-Arme selbst als „kurzarmig“ bezeichnet, findet einen empathischen Zugang zu den von ihm porträtierten Leistungssportlern, den kein nicht-behinderter Regisseur so leicht gefunden hätte. Besonders deutlich wird es etwa, als die Mitglieder der Sitzvolleyball-Mannschaft aus Ruanda die „Kurzarme“ Niko von Glasows bestaunen. Niko von Glasow tritt nicht nur als ein weiterer Mitwirkender vor der Kamera auf. Darüber hinaus überwindet der Regisseur durch seine sehr direkte, teilweise sogar provozierende Art, Fragen zu stellen, jede Distanz zu seinen Protagonisten, wobei er einen sehr persönlichen, ja freundschaftlichen Kontakt zu den von ihn Porträtierten sucht: Der Regisseur lässt sich etwa vom amerikanischen Bogenschützen Matt Stutzman in den Umgang mit verschiedenen Waffen einführen, besucht die Familie von Greg Polychronidis, einem Meister in Rollstuhl-Boccia, der durch eine Muskelatrophie kaum bewegungsfähig ist, und backt zusammen mit der deutschen einbeinigen Schwimmerin Christiane Reppe Pfannkuchen in deren Berliner Wohnung. Auch der ohne linken Unterarm und linkes Bein in Bosnien geborenen Aida Husic Dahlen, die von einer norwegischen Familie adoptiert wurde, kommt er bei ihrem Tischtennis-Training sehr nah. Im Laufe seiner Dokumentation, die sich nicht nur durch die besondere Nähe zu den Sportlern, sondern auch durch ausgesuchte Einstellungen, schöne Bilder und einen hervorragenden Schnitt auszeichnet, revidiert Niko von Glasow seine anfänglichen Vorurteile („Sport ist Mord“) und seine Reserven gegenüber den Paralympischen Spielen, die der Regisseur zunächst für eine Veranstaltung hielt, „die wahrscheinlich doch nur dazu dient, das schlechte Gewissen der Gesellschaft zu beruhigen“.

Obwohl „Mein Weg nach Olympia“ dem Sport im Allgemeinen und den Paralympics 2012 im Besonderen viel Platz einräumt, beschäftigt sich Niko von Glasows Dokumentarfilm eigentlich mit der Frage, wie Menschen mit Behinderung ein normales Leben führen können. Besonders deutlich drückt dies Christiane Reppe aus: „Es gibt Momente, wo ich sage: ,Sch..., ich habe nur ein Bein’. Aber die meiste Zeit bin ich zufrieden.“ Den krönenden Abschluss seines Dokumentarfilmes stellt Niko von Glasows Weg ins antike Olympia-Stadion dar, um dort mit Greg Polychronidis Boccia zu spielen, womit sich die zweite Bedeutung des Filmtitels auflöst.