Kein Priester, aber ein Kämpfer wider die Häresien

200 Jahre vor Martin Luther übersetzt ein Unbekannter die Heilige Schrift brillant ins Deutsche. Von Katrin Krips-Schmidt

Eine beispielhafte Seite der Handschrift des Übersetzers. Foto: Stiftsbibliothek Klosterneuburg
Eine beispielhafte Seite der Handschrift des Übersetzers. Foto: Stiftsbibliothek Klosterneuburg

Wer weiß schon, dass sich Jahrhunderte vor Martin Luther ein gebildeter Laie in seinem Gelehrtenstübchen oder seiner Mönchszelle daran machte, die Heilige Schrift aus dem Lateinischen ins Deutsche zu übersetzen? Diese Wissenslücke soll sich in absehbarer Zeit schließen. Mit der Edition der Werke des „Österreichischen Bibelübersetzers“, die schon seit langem ein Desiderat der Wissenschaft darstellt, hat sich eine Forschergruppe an die wichtigste Bibelübersetzung vor Luther gewagt, die um 1330 (oder auch kurz davor) begonnen wurde. Das besonders ambitionierte Akademievorhaben der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hat, unterstützt von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, im Januar 2016 seinen Anfang genommen. Die dafür nötigen Forschungsgelder in Höhe von 4, 5 Millionen Euro hat der Altgermanist Martin Schubert erfolgreich eingeworben. Schubert, der derzeit eine Professur an der Uni Duisburg-Essen vertritt, ist der Leiter und die „Seele“ der Berliner Arbeitsstelle „Deutsche Texte des Mittelalters“, die sich dem ehrgeizigen Projekt gemeinsam mit Fachkollegen in Augsburg und Jena widmet.

Michael Borgolte, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, stellte das Forschungsprojekt gemeinsam mit Schubert und dessen Mitarbeiterinnen in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Berliner Gendarmenmarkt vor. Das Oeuvre gliedert sich in drei Teile: Das Alte Testament wurde bereits von Freimut Löser von der Universität Augsburg ediert. Jena und Berlin befassen sich nun mit der wissenschaftlichen Bearbeitung und Herausgabe der beiden anderen Teile: zunächst mit dem Klosterneuburger Evangelienwerk und sodann mit dem Psalmenkommentar. Das gesamte Vorhaben ist auf eine Dauer von insgesamt zwölf Jahren angelegt. Dem Laien stellt sich die Frage: Weshalb beanspruchen Transkription und kommentierende Analyse von Psalmen und Evangelium so viel Zeit? Wie sich erst in den vergangenen 30 Jahren herausgestellt hat, gehen die vielen existierenden Handschriften auf einen einzigen Autor zurück – eben auf den österreichischen Anonymus. Es gibt eine weitreichende Überlieferung, die sich im südostdeutschsprachigen Raum konzentriert – darin liegt die Annahme begründet, dass der Autor aus diesem Gebiet, aus Österreich, stammt. So fanden sich Manuskripte etwa in den Bibliotheken von Wien, Berlin, Wolfenbüttel, dem Vatikan und sogar im doch etwas abgelegeneren Ljubljana sowie in den österreichischen Klosterbibliotheken. Darüber hinaus liegen die Handschriften in vielen Fassungen vor, die bis ins frühe 16. Jahrhundert hineinreichen. Händisch sind so beim Kopieren verschiedene Versionen entstanden, die zunächst sortiert werden müssen, um herauszufinden, welche Fassung in der gedruckten Ausgabe als „Leithandschrift“ publiziert wird. So müssen sich die Forscher in Jena und Berlin mit den bisher bekannten 92 Handschriften (65 Psalmenkommentare und 27 Evangelienwerke) befassen, die jeweils den beträchtlichen Umfang von etwa 500 Seiten a zwei Spalten aufweisen.

Mit den Texten der Kirche war der Übersetzer vertraut

Wer der sprachgewandte Urheber des Werkes war, der den Text aus der lateinischen Vulgata übrigens in ein ausgesprochen brillantes Deutsch brachte, dessen philologische Qualität sich aus altgermanistischer Sicht hinter der Bibel Martin Luthers nicht zu verstecken braucht, weiß man nicht. Vielleicht war es ein Mönch? Jedenfalls zeugen seine ausführlichen Schrifterläuterungen davon, dass er sich sehr gut mit den Texten der Kirche, beispielsweise mit den Schriften der Patristik und den Legenden der Heiligen auskannte. Sicher war er kein Priester. Denn in Verteidigungsschriften und Traktaten legt er gegenüber orthodoxen Gegnern sein Anliegen resolut dar, die Heilige Schrift für das Volk zu übersetzen und exegetisch auszulegen, obwohl er, wie er schreibt, nicht zum Predigen ordiniert sei. Andererseits kämpft er auch an anderer Front, wenn er in seinen – in den Bibeltext vielfach eingestreuten – Kommentaren gründlich gegen die falschen Lehren der Häretiker seiner Zeit zu Felde zieht: „Es sprichet der weissag: Aus der gerten wirdet ain plume gen, das ist, von sand Ma[12rb]rien wirdet Ihesus Christus geporn. Secht, das ist wider die ketzer, die da sprechent, das vnser herr von sand Marien menschleich leib nicht emphangen hab, er hab hymlischen leib von hymel pracht, das ist ain offne vnd grozze lüg, wann yn der weissag mit seinr rede schendet, da der betzeuget, das er von vnser fraw..n sold geporn werden vnd auch geschach.“ (So spricht der Prophet: Aus dem Spross wird eine Blume treiben, das bedeutet: Aus der heiligen Maria wird Jesus Christus geboren. Seht, das richtet sich gegen die Ketzer, die da sagen, dass unser Herr von der heiligen Maria nicht den menschlichen Leib empfangen habe, sondern er habe einen himmlischen Leib vom Himmel gebracht. Das ist eine offene und große Lüge, denn der Prophet macht den Ketzer zuschanden, weil er bezeugt, dass Christus von unserer lieben Frau geboren werden sollte, und so geschah es auch.) Oder wenn er an anderer Stelle noch direkter auf die Person des Ketzers abzielt: „Vnser herre sprach: Jch hab ew gewalt gegeben auf natern, das sind pos lewt oder die teufel, die yrn posen samen des aiters vnd valschen ratt ze aller zeit seend, da mit sy den menschen von guten werken ziehent. Pey den scorpen, die mit den zungen lekent, das ist, mit susser red, als die ketzer tund, vnd dann hekent sie mit dem zagel, das ist, an dem end wirdet yr leib vnd sele verlorn, die sich an yr trugleich smaicken kern. Spricht kunig Salomon: Der ketzer lesste zeit ist pitter als das wermut vnd wechs als das swert mit zwain sneiden, das sele vnd leib verwundet yn den tod. Die mugen ew nicht geschaden, sprach vnser herre, das ist, ir trüg vnd valsche ler mogen ew nichtangesigen.“ (Unser Herr sprach: Ich habe euch Macht gegeben über Schlangen, das sind böse Menschen oder die Teufel, die ihren bösen Samen des Eiters und falschen Rat zu aller Zeit geben, mit dem sie den Menschen von guten Werken ablenken. Die Skorpione, die mit den Zungen lecken, das bedeutet: mit süßen Reden, wie es die Ketzer machen, und dann schlagen sie mit dem Stachel zu, das bedeutet, am Ende wird ihr Leib und ihre Seele verloren sein, die sich an ihr betrügerisches Schmeicheln kehren. So spricht König Salomon: Der Ketzer letzte Zeit ist bitter wie das Wermutkraut und schärfer als das Schwert mit zwei Schneiden, das Seele und Leib verwundet bis zum Tod. Doch die können euch nicht schaden, sprach unser Herr, das bedeutet: Ihr Betrug und ihre falsche Lehre können euch nicht besiegen.)

Welche Freiheit sich der Übersetzer gegenüber den Evangelien nimmt, sieht man beispielsweise an seiner Deutung des Osterereignisses. Mit Berufung auf den heiligen Germanus besteht er darauf, dass nicht Maria Magdalena die erste gewesen sei, die dem Auferstandenen begegnete, sondern, „dass unser herre Ihesus Cristus seinr muter, der rainen magd Marien des ersten erschienen sey“ – wie es ihrer Würde entsprochen habe. Mit Germanus argumentiert er hier gegen den biblischen Auferstehungsbericht, indem er seine abweichende Erläuterung eröffnet: „Wie aber die heyligen evangelisten nicht schreybent“. Wichtig ist ihm darzulegen, auch andere Texte als die Evangelien zuzulassen. Immer wieder hebt er darauf ab, dass auch sie – wie die Texte der Kirchenväter und der Heiligen – „wahr“ sein müssen.

Vor dem Erscheinen der edierten Druckausgabe samt Übersetzungshilfen sowie eines Glossars geht die digitale Version online, die einen Rückgriff auf die unterschiedlichen Fassungen gestattet. So können auf dem Bildschirm komplette Transkriptionen von verschiedenen Handschriften wiedergegeben werden. Zudem ist die Erschließung und die Nutzbarkeit gegenüber der gedruckten Ausgabe eine ganz andere. Dadurch wird zudem eine interdisziplinäre Arbeit ermöglicht, was etwa für Theologen, Sprachhistoriker und Kulturhistoriker von großer Bedeutung ist.