Kein Grund zur Unmoral

Warum der Philosophen Adam Smith zum Lehrmeister von Ökonomen wurde. Von Barbara Stühlmeyer

Statue von Adam Smith vor der St. Giles Kirche in Edinburgh. Foto: IN
Statue von Adam Smith vor der St. Giles Kirche in Edinburgh. Foto: IN

Adam Smith ist in Schottland aufgewachsen, in einer Gegend, deren karge Schönheit innere Tiefe, aber keinen äußeren Wohlstand verspricht. Das diesseitige Glück war ein Kernthema für den Philosophen Adam Smith, und die Wege zu ihm aufzuzeigen, hielt er für eine der Hauptaufgaben seines Faches. Der Schlüssel zu einem gelungenen Leben lag für Smith in dem, was bereits die antiken Denker postuliert hatten, in einem moralischen Leben. Dass dieser Denkansatz im 18. Jahrhundert wieder innovativ war, hängt damit zusammen, dass die Ethik weniger als Teil der Philosophie, als vielmehr als Hilfsfach der Theologie galt. Ein moralisches Leben zu führen, war für Theologen ein Garant für das Eingehen in das ewige Leben. Ob man dabei auf Erden glücklich war, erschien ohne Belang. Smith aber war der Auffassung, dass diese Engführung dem Fach Ethik und seinen berechtigten Forderungen nicht gut tue. Damit befand er sich im Einklang mit Thomas von Aquin. Smith war überzeugt, dass es in der Natur des Menschen liege, sich sittlich und moralisch gut zu verhalten.

Sein Schlüsselwort war das englische sympathy, das man am besten mit Empathie wiedergeben kann. Denn sympathy bedeutet nicht, dass einem jemand sympathisch ist, sondern meint vielmehr die Fähigkeit, mitzufühlen, wenn andere Freude oder Schmerz fühlen. Nachdem innerhalb der Philosophie seit Kant der nonverbalen, emotionalen Ebene der Kommunikation wenig Beachtung geschenkt worden war, rückte Adam Smith sie in seinen Überlegungen zu einer fundierten Ethik in den Vordergrund. Er war allerdings nicht der einzige, der im 18. Jahrhundert so dachte. Ein weiterer bedeutender, ebenfalls schottischer Philosoph, David Hume, baute seinen „Traktat über die menschliche Natur“ ebenfalls auf dem Grundgedanken der sympathy auf, einem Phänomen, das er mit dem schönen musikalischen Vergleich zweier Saiten erklärte, von denen eine angeschlagen wird und die andere, durch die Schwingung der Nachbarsaite bewegt, ebenfalls in leise mitklingt. Smith erklärte jedoch, ausgehend vom Begriff der sympathy nicht nur die zu moralischem Handeln motivierende Empathiefähigkeit, sondern auch den einer vernunft- und der menschlichen Natur gemäßen Moral. Denn auch moralische Werte, denen man anhängt, lösen ein inneres Echo, eben jene sympathy aus, die auch zu deren Befolgung antreibt. Dass ein Philosoph sein System im 18., aufklärungsorientierten und die Naturwissenschaften in den Fokus stellenden Jahrhundert auf Emotionen aufbaut, ist bemerkenswert, aber Smith tut dies, wie Gerhard Streminger in seiner ausgezeichneten und sehr lesenswerten Biografie des schottischen Denkers schlüssig darlegt, konsistent. Nicht nur körperliche und seelische Emotionen bilden laut Smith die Antriebskräfte des Handelns, sondern auch unsoziale, soziale und selbstbezogene. Deren Wertung ist dabei keineswegs einpolig. Denn zu den unsozialen Affekten zählt auch das Vergeltungsgefühl, das sich, wie Smith erläutert, auch gegen den Menschen selbst richten kann, indem es, sofern er unmoralisch handelt, Gewissenbisse in ihm auslöst, die ihm klar machen, dass es an der Zeit ist, umzukehren. Aber Smith ist kein blauäugiger Idealist. Er weiß sehr wohl, dass allgemeine Regeln und die angenommene innere Verpflichtung, diese zu befolgen, nicht ausreichen, um in einer Gesellschaft für Ordnung zu sorgen. Denn unsoziale Affekte wie der Vergeltungswille müssen in staatlich geordnete Bahnen gelenkt werden. Dabei muss der Staat sich immer wieder die Frage gefallen lassen, ob sein Recht mit dem Naturrecht in Übereinstimmung ist und gegebenenfalls Korrekturen anbringen. Hier sieht Smith die Kirchen in der Pflicht, sofern sie nicht durch sektiererischen Eifer oder parteiisches Handeln verdorben sind. Das Beispiel für Religion, das Smith für eine solche Fehlentwicklung bringt, ist bestürzend aktuell. Er entnimmt es Voltaires Tragödie „Mahomet“, in der zwei junge, unschuldige und tugendhafte Menschen, durch eine falsche Religion verführt, einen Mord begehen.

Auf dieser Grundlage wird klar, dass Smiths Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ keineswegs ein Freibrief zur Verwirklichung eines freien kapitalistischen Marktes ist. Der Philosoph entwickelt hier in fünf Büchern vielmehr die moralisch basierten Grundlagen für eine vernünftig funktionierende Ökonomie und wurde so tatsächlich zum Lehrmeister für Generationen künftiger Ökonomen. Die bemerkenswerte Vernünftigkeit seines Werkes hat ihre Wurzeln in Smiths ausgezeichneter Beobachtungsgabe. Er beschreibt vieles ausgehend von den Prozessen von Handel und Wandel, die er in seinem Heimatdorf beobachtet hat, und denkt sie von hieraus im europäischen Maßstab weiter. Der Wert der Arbeit gehört zu jenen Dingen, die Smith besonders gut erklärt, und es ist beschämend, wie wenig gerade er in unserer Zeit geachtet wird, in der wir ohne schlechtes Gewissen zahllose Dinge kaufen, die in weit entfernten Ländern unter menschenunwürdigen Bedingungen und für viel zu geringen Lohn hergestellt werden. Dieses Handeln wiederum beruht auf dem Monopol der Kaufleute und zu seiner Zeit des Adels, gegen das Adam Smith sich ausdrücklich ausspricht. Staatlicher Arbeiterschutz ist für Smith unverzichtbar, denn sonst ist Ausbeutung vorprogrammiert. Auch Kartellbildung sieht der Philosoph äußert kritisch und zeigt so eindrucksvoll, dass die menschliche Natur im 18. Jahrhundert keine andere war als zu unserer Zeit.

Stremingers Biografie verbindet eine ausgezeichnete, weil verständlich geschriebene Einführung in Adam Smiths Philosophie mit einer empathischen Schilderung des Lebensweges des sympathischen schottischen Denkers. Wer reflektieren möchte, was Smith wirklich gedacht und geschrieben hat und ob die Auswüchse neoliberaler Ökonomie wirklich auf ihn zurückgehen, was sie nicht tun, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen.

Gerhard Streminger: Adam Smith. Wohlstand und Moral. Eine Biografie. C.H. Beck Verlag 2017, 254 Seiten, ISBN978-3-406-70659-2, EUR 24,95