Kalte Melancholie

Hamburg zeigt einige Werke des Malers Edward Hopper

Die Malerei Edward Hoppers (1882–1967) zieht heute auf der ganzen Welt Menschen in ihren Bann. Seine Werke sind zum Inbegriff für die Melancholie des modernen Lebens geworden. Hoppers Blick auf das Alltägliche fasziniert den Betrachter durch eine Reduktion auf wenige Andeutungen, durch einen unterkühlten Realismus, der in gewisser Weise zeitlos wirkt. Die Stadt und mit ihr die Insignien der Moderne – Wolkenkratzer, Fabriken, Bahngleise, Autos und Schornsteine – prägen die Künstler der amerikanischen Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Ohne Sehnsucht und Hoffnung

Zum ersten Mal werden in der Hamburger Ausstellung des Whitney Museum of American Art (New York) Hoppers Werke in den Rahmen anderer zeitgenössischer, amerikanischer Künstler und ihrer Zeit gestellt. Für die Ausstellungsmacher durchaus ein Wagnis, denn die Werke Hoppers gelten als populär; die zeitgenössischen Kollegen des amerikanischen Malers dagegen sind hierzulande nahezu unbekannt. Doch der Erfolg gibt den Initiatoren aus New York, Hamburg und Rotterdam recht. Seit dem Ausstellungsbeginn am 9. Mai besuchten bereits über 50 000 Besucher die Ausstellung „Modern Life. Edward Hopper und seine Zeit“. Andreas Hoffmann, der Geschäftsführer des veranstaltenden Bucerius Kunst Forums in Hamburg, rechnet bis zum Ausstellungsende am 30. August mit über 100 000 Besuchern.

Die Schau zeigt zwölf exemplarische Arbeiten Hoppers, die zusammen mit 84 weiteren Meisterwerken aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ausgestellt sind. Darunter Ikonen der amerikanischen Moderne wie Hoppers „Railroad Sunset“, Georgia O'Keeffes „Summer Days“ oder Max Webers „Chinese Restaurant“. Kritiker bemängelten an der Konzeption, dass berühmte Werke Hoppers (wie „Die Tankstelle“ oder „Die Bar an der Ecke“) fehlen würden; es stünde nur „Hopper drauf und wäre kaum Hopper drin“, krittelte ein Feuilletonist. Diese Anwürfe weist Hoffmann zurück, denn gerade darin liege die Stärke dieser Ausstellung. In Amerika seien Künstler wie Guy Pere du Bois (1884–1958), Max Weber (1881–1961) oder Thomas Hart Benton (1889–1975) ebenso berühmt und anerkannt wie Hopper selbst. Der Versicherungswert eines jeden in Hamburg und anschließend in Rotterdam gezeigten Bildes betrage über eine Million Euro, erklärt der Geschäftsführer des Hamburger Kunstforums. Trotz dieser werbenden Worte für die Kollegen bleiben die meisten Ausstellungsbesucher vor den Bildern Hoppers stehen. Diese sind eindeutig die Stars der Ausstellung. Sie entwickeln dadurch einen ganz eigenen Zauber, da sie auf berührende Weise die Melancholie des modernen Menschen darstellen. Die Erfahrung von Einsamkeit und Entfremdung, die der Mensch im industrialisierten Zeitalter der Maschinen macht; die Unfähigkeit, mit anderen in Kontakt zu treten, trifft auf ein Lebensgefühl, das keinen Ausweg aus dem Gefängnis der Moderne zu kennen scheint So auch Hoppers Bild „South Carolina Morning“ (1955), das eine Hollywood-Diva im roten Kleid zeigt. Sie steht am Eingang eines baufälligen Farmhauses, das auf einem modernen Betonsockel ruht. Vor ihr ein kaum erkennbares Weizenfeld. Das Bild wirkt durch seine komponierten Gegensätze.

Aktuelle Fragen der Industrialisierung des frühen 20. Jahrhunderts, der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre setzt Hopper subtil in kühl wirkende Bilder um. Die Kontraste einer nicht verarbeiteten modernen Zeit machen seine Bilder zu Inszenierungen menschlicher Dramen. Über seine Weggefährten John Sloan und Charles Burchfield schrieb Hopper in einer seiner wenigen schriftlichen Äußerungen, die zugleich aber auch die eigenen Bilder charakterisieren könnten: „Der Anblick einer Asphaltstraße in der brennenden Mittagssonne, Autos und Lokomotiven, die auf irgendwelchen gottverlassenen Abstellplätzen herumstehen, der dampfende Sommerregen, der in uns ein Gefühl hoffnungsloser Langeweile auslösen kann, die nackten Betonmauern und die Stahlkonstruktionen der modernen Industrie, hochsommerliche Straßen mit dem Giftgrün frisch gemähter Rasenflächen, verstaubte Fords und vergoldete Kinos – das drückend schwüle, schäbige Leben der amerikanischen Kleinstadt und hinter allem die triste Ödnis unserer Vorstadtlandschaften.“

Diese Gefühls- oder Perspektivlage prägt die Bilder Hoppers und seiner Zeitgenossen. Motive der Sehnsucht oder Hoffnung, überhaupt religiöse Themen, fehlen daher fast ganz in den Bildern der Ausstellung. Auch das Bild von John Steuart Curry (1928) „Baptism in Kansas“ bildet hier keine Ausnahme. Die altertümlich wirkende, freikirchliche Taufzeremonie (in einem großen Wasserbottich) steht in einem auffälligen Kontrast zu den Errungenschaften der neuen Technik. Die meisten Gäste der Tauffeier sind bereits mit ihren Autos angereist.

Die Künstler der amerikanischen Moderne, die anfangs als „Ashcan-School“ (Ascheimer-Schule) verspottet wurden, mussten ihren Lebensunterhalt zu Beginn ihrer Laufbahn oft als Illustratoren von Zeitschriften verdienen. Sie erwarben daher ein spezielles Können, das sich auch in ihren gemalten Bildern auffällig niederschlägt. Sie malen Momentaufnahmen des modernen Lebens, halten Szenen des Alltags bei Gerichtsverhandlungen, Volksfesten oder in Tanzsalons fest. Die Bilder sind wie Photographien – ein Jahrmarkt, die Siegesfeier am Ende des Ersten Weltkrieges, Akrobaten unter einem Zirkuszelt – und wirken als gemalte Bilder doch ungleich intensiver als Photographien.

Nach dem Erfolg der MoMA-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (2004) gelingt dem Whitney Museum mit dieser Wanderausstellung, die nur zwei Stationen in Europa haben wird, der berühmte „Sprung über den großen Teich“. Die Geschichte dieses Museums beginnt mit Gertrude Vanderbilt Whitney als wichtigster Mäzenin und Anwältin der amerikanischen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts. Die Tochter des Gilded-Age-Industriellen Cornelius Vanderbilt II., den die Erbschaft eines Eisenbahnimperiums zum reichsten Mann Amerikas gemacht hatte, empfand die Restriktionen der High Society als erdrückend. Unzufrieden mit dem vorbestimmten gesellschaftlichen Leben und ihrer stürmischen Ehe mit dem Bankier Harry Payne Whitney, fasste sie 1907 den kühnen Entschluss, Bildhauerin zu werden.

Zur gleichen Zeit platzte die von Robert Henri angeführte und schon erwähnte Ashcan-School in die New Yorker Kunstszene herein. Whitney erwarb von der ersten Ausstellung dieser Maler, die auch unter dem Namen „The Eight“ bekannt wurden, vier von sieben Bildern. Einer dieser Maler, John Sloan, bemerkte dazu, dass es „zur damaligen Zeit fast so revolutionär war, solche unmodischen Bilder zu kaufen, wie sie zu malen.

Liegend auf einem Divan

Gertrude Vanderbilt Whitney ließ es sich auch nicht nehmen, sich 1916 von Robert Henri malen zu lassen. Ihr großflächiges Bild, das auch in Hamburg gezeigt wird, empfand man als so skandalös, dass ihr Ehemann sich weigerte, es in seinem traditionsgeprägten Zuhause aufzuhängen. Er wollte verhindern, dass seine Freunde seine Frau „in Hosen“ sahen, wie er sich ausdrückte. Die Pose des Bildes – Frau liegend auf einem Divan – gilt in der Malerei als ein typisches Akt-Motiv, in der Venus oder Kurtisanen dargestellt werden. Henri gestaltet dieses Motiv neu, indem er Whitney in einer zwanglosen Haltung, einem seidenen Hausanzug und einem Kurzhaarschnitt zeigt. So wird Whitney zum Inbegriff der „modernen“ Frau. Ein Zuhause fand dieses Bild schließlich über Jahrzehnte in dem Atelier Whitneys in Greenwich Village, wo sie an ihren Skulpturen arbeitete. In den 1910er und 1920er Jahren wurde dieses Atelier zum Treffpunkt und Ausstellungsort für Künstler, vor allem für die Maler des neuen Realismus, die das sich wandelnde Gesicht des amerikanischen Alltags dokumentierten. Später gab Whitney mit dem Whitney Studio Club und schließlich mit dem Whitney Museum of Art, das 1931 in der 8. Straße von Manhattan eröffnet wurde, den Bildern des „Modern Life“ einen institutionellen Rahmen. Heute zählt dieses Museum zu den bedeutendsten von Nordamerika.