Jugendliche empfinden hohen Leistungsdruck

Die neue Sinus-Jugendstudie stellt Kirchen, Pädagogen und Jugendhelfer vor große Herausforderungen. Von Max-Peter Heyne

Der soziokulturelle Wandel in unserer Gesellschaft, namentlich die Zersplitterung der Schichten und Milieus, beschleunigt sich weiter und zu spüren bekommen ihn vor allem jene, die in diesen Wandel hineinwachsen: die Jugendlichen.

Immer deutlicher unterscheiden sich die Lebenswelten und damit auch die Einstellungen gegenüber politischen, Berufs-, Familien- und nicht zuletzt auch Glaubensfragen der Jugendlichen zwischen 15 bis 17 Jahren. Während die gebildeteren, kreativen, aus bürgerlichen Kreisen stammenden jungen Menschen sich in einer Welt der nahezu unübersichtlichen Vielfalt an Freizeitgestaltung und Berufswahl quasi wie Fische im Wasser fühlen, erleben die aus der unteren Mittelschicht und der Unterschicht, im Soziologen-Jargon Prekariat genannt, die Anforderungen der postmodernen Leistungsgesellschaft als intellektuelle und materielle Überforderung, der sie zunehmend ohnmächtiger gegenüberstehen. Von „keinen ganz neuen, aber teils Besorgnis erregenden Erkenntnissen“ sprach Dirk Tänzler, Bundesvorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Mehr denn je gelte: „DIE deutsche Jugend gibt es nicht.“

Denn auch in den oberen Gesellschaftsschichten gibt es außer der bürgerlichen Herkunft und einer relativ guten materiellen Grundausstattung kaum noch Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Milieus, denen die Jugendlichen entstammen. Wo also ist der rote Faden? Die schlichte Antwort der neuesten Sinus-Studie einer Umfrage unter mehr als 70 Jugendlichen: Es gibt ihn nicht mehr. Diese Erkenntnis stellt diejenigen, die die Studie nach einer Pause von mehreren Jahren wieder einmal in Auftrag gegeben haben, darunter die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), den Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), das Bischöfliche Hilfswerk Misereor und die Bischöfliche Medienstiftung der Diözese Rottenburg/Stuttgart, vor gewaltige Probleme. Denn wie soll die per Selbstdefinition und Leitfunktion angepeilte Integration von Jugendlichen erreicht werden, wenn sich die Anknüpfungspunkte quasi in den Zellen kleinteiliger Milieus verlieren? Es gelte, „die eigenen Arbeitsroutinen immer wieder kritisch zu hinterfragen“ und sich nicht nur „auf avancierte Modelle zu stützen“, die mit der Lebensrealität von Jugendlichen nichts zu tun haben, mahnte Thorsten Schilling, der Fachbereichsleiter Online bei der bpb. Eine Vielfalt an Lebenswirklichkeiten sei „ja durchaus positiv“, aber eben „keine Idylle, sondern ein spannungsreicher Zustand“, so Schilling.

Aufgrund der Äußerungen der befragten Jugendlichen, was in ihrem Leben wertvoll und erstrebenswert ist, ihrer grundsätzlichen Lebenseinstellung, ihren ästhetischen Präferenzen, ihrem Bezugsumfeld und klassischer soziodemografischer Merkmale wie Bildungsgrad und soziale Verhältnisse, haben die Autoren und Auswerter der Studie vom deutsch-schweizerischen Sinus-Institut für Markt- und Sozialforschung insgesamt sieben unterschiedliche Jugend-Lebenswelten herausgearbeitet: Die Profile werden mit konservativ-bürgerlich, adaptiv-pragmatisch (liberal), sozialökologisch (verantwortungsbewusst), materialistisch-hedonistisch (konsumorientiert), experimentalistisch-hedonistisch (flexibel, anti-bürgerlich), expeditiv (lifestyle- und leistungsorientiert) und prekär bezeichnet. Während Konservativ-Bürgerliche und Materialisten ebenso wie Jugendliche aus dem Prekariat Traditionen, Sicherheit und Orientierung schätzen, aber durch materielle und Bildungsgräben voneinander getrennt sind, eint Konservative, Pragmatiker, Sozialökologen und Expeditive zwar der formelle Bildungsgrad und die soziale Herkunft, aber dafür driften ihre Vorstellungen von Politik, Glauben und Lebensführung weit ausein-ander.

Die Sinus-Studie griff bei ihrer Stichproben-Quotierung auf Erfahrungen und Ergebnisse früherer Umfragen zurück und bestätigte deren Tendenzen. Allerdings drifteten die verschiedenen Lebensstil-Gruppen zu früheren Zeitpunkten weder vertikal (Bildung, soziale Stellung) noch horizontal (Lebenseinstellung, Werte) so deutlich auseinander. Dies hängt zum Teil auch damit zusammen, dass dieses Mal nicht nur katholische Jugendliche, sondern 14 bis 17-Jährige unterschiedlichster Religionszugehörigkeit und auch sich als areligiös bezeichnende Jugendliche befragt wurden. Ernüchterndes Ergebnis: Viele auch hedonistisch und pragmatisch-karriereorientierte Jugendliche formulieren zwar ihren Wunsch nach Werten und Leitbildern, suchen diese aber oft außerhalb eines etablierten bürgerlichen Bezugssystems auf individueller Basis und lehnen die katholische Kirche etwa als „zu selbstgefällig“ oder „unmodern“ ab.

Unter christlichen Aspekten die Gesellschaft erklären

Auch der vor zwei Jahren noch feststellbare „Papst-Bonus“ durch den Beginn des Pontifikats Benedikt XVI. habe sich aufgebraucht, sagte Marc Calmbach vom Sinus-Institut. Vor allem innerhalb der gebildeten, auf Flexibilität und Individualismus gepolten Lebenswelt-Gruppen und generell bei Jugendlichen in Ostdeutschland sei der Grad der Ablehnung der Institution Kirche hoch, besagt die Studie. Da nur knapp zwanzig der insgesamt siebzig befragten Jugendlichen noch einmal gesondert interviewt wurden, seien die kategorisierten Äußerungen „zwar nicht im statistischen, aber psychologischen Sinne“ relevant. Tänzler ergänzte, die gesammelten Aussagen machten deutlich, dass die meisten Heranwachsenden einen „starken Erwartungs- und Leistungsdruck verspüren, sich in die Gesellschaft möglichst effizient, aber gleichzeitig flexibel integrieren zu müssen“ – ein zielorientiertes Lebensprogramm, an dem nicht wenige scheitern. Tänzler sieht die Gefahr „einer Verzweckung von Ausbildung und Lebensführung“, deren materialistische Ausrichtung „eine egoistische und fatalistische Sicht auf die Gesellschaft“ verstärken kann.

Thomas Antkowiak, Geschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor, betonte, dass seine Einrichtung, die „aus der Kirche heraus, aber nicht für die Kirche selbst“ agiere, kirchenskeptischen Jugendlichen durchaus Ansatzpunkte dafür bieten könne, Glauben und Religion über bestimmte gesellschaftliche Themen wie Armutsbekämpfung oder Umweltschutz wiederzuentdecken: „Die Bereitschaft bestimmter Gruppen von Jugendlichen, sich zu engagieren und mit Fragen globaler Gerechtigkeit und dem christlichen Menschenbild auseinanderzusetzen, bietet noch ungenutzte Potenziale“, sagte Antkowiak. Konzepte, die Misereor als Hilfe zur Selbsthilfe in südlichen Ländern erfolgreich angewandt habe, könnten auch dazu beitragen, „nach innen zu wirken“. Insbesondere den in prekären Verhältnissen lebenden Jugendlichen müsse vermittelt werden, dass ehrenamtliche Tätigkeiten und Freiwilligendienste durchaus eine das Selbstbewusstsein stärkende Funktion haben können, sagte Antkowiak.

Die Vertreter der anderen katholischen Einrichtungen und die Geschäftsführerin der DKJS, Heike Kahl, plädierten ebenfalls für mehr zielgruppenspezifische und an „konkreten Lebensfragen“ orientierte Ansätze bei sozialen Programmen. Damit diese an den Jugendlichen nicht vorbeigingen, dürfen die Modelle „nicht nur aus der Mittelschicht heraus gedacht werden“, sagte Krahl. Tänzler spricht von einer besonderen Herausforderung, bei jungen Menschen die Person Jesus Christus und die Evangelien „wach zu halten“. Dass man die katholische Jugendsozialarbeit neu justieren muss, indem Themen wie Gerechtigkeit unter christlichen Aspekten an die Jugendlichen herangebracht werden, ist ein Balanceakt mit ungewissem Ausgang, wie die katholischen Jugendbetreuer einräumten.