Jüdisches Leben besser kennenlernen

Bau an historischer Stätte: Das Museum zur Geschichte der polnischen Juden soll zum 70. Jahrestag des Ghettoaufstands eröffnet werden. Von Stefan Meetschen

München, Frankfurt, Berlin – Jüdische Museen sind in Deutschland zu Besuchermagneten geworden. Fast 70 Jahre nach dem Holocaust möchten viele Menschen mehr wissen über jüdische Bräuche und Geschichte, Religion und Kultur. Dies trifft auch für Polen zu: Das Krakauer Festival für jüdische Kultur erfreut sich seit zwei Jahrzehnten wachsender Beliebtheit; gerade in der jungen Generation wächst das Interesse für die versunkene Welt der polnischen Juden.

Auch in der Hauptstadt passiert etwas. In Warschau wurde vor fünf Jahren mit dem Bau des Museums der Geschichte der polnischen Juden in Warschau begonnen – im Stadtteil Muranow auf den Ruinen des jüdischen Ghettos. Direkt gegenüber dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos, wo Willy Brandt einst auf die Knie sank. Inzwischen sind die Bauarbeiten fast abgeschlossen. In dem imposanten Gebäude finden bereits Veranstaltungen statt: Lesungen, Konferenzen, Workshops, Aufführungen und Ausstellungen. Die offizielle Eröffnung ist für den 19. April 2013 geplant, den 70. Jahrestag des jüdischen Ghettoaufstands.

Dabei geht die Initiative für dieses Museum auf den Direktor des Jüdischen Museums in Washington, Shaike Weinberg, zurück. Der 1919 in Warschau geborene Weinberg, der im Jahr 2000 verstarb, wollte damit der 1 000-jährigen Geschichte des Judentums in Polen ein Denkmal setzen. Immerhin war Polen vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs Sitz der größten jüdischen Gemeinde weltweit. Ein Zentrum der jüdischen Diaspora. Von den mehr als drei Millionen Juden überlebten aber nur 280 000 den Holocaust. Heute zählen die wiedererstandenen jüdischen Gemeinden in Polen weniger als zehntausend aktive Mitglieder, die jedoch in gutem Kontakt zur katholischen Kirche stehen.

Besonders am „Tag des Judentums“, der in Polen (wie auch in anderen europäischen Ländern) am 17. Januar begangen wird und einen festen Platz im liturgischen Kalender der Kirche gefunden hat. „Ein wichtiger Tag des Innehaltens und des Dialogs“, wie Nitzan Reizner, Pressesprecherin des Museums, gegenüber der Tagespost betont. An diesem Tag können sich Christen in besonderer Weise ihrer Weggemeinschaft mit dem Judentum bewusst werden und zugleich des an jüdischen Menschen und ihrem Glauben begangenen Unrechts in der Geschichte erinnern.

Ein Thema, das auch in Polen manchmal Kontroversen auslöst. So unbestritten es ist, dass es die Nazis waren, welche ab Herbst 1940 in Warschau mehr als 500 000 Menschen in ein Ghetto zusammenpferchten, von denen 300 000 später von ihnen im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurden, so sehr diskutiert man bisweilen, ob die polnische Untergrundarmee AK nicht mehr für die eingeschlossenen Juden hätte tun können. Gerade beim jüdischen Ghettoaufstand. Immer wieder wird kritisiert, die Mehrheit der Warschauer habe die Notlage der Juden damals gleichgültig hingenommen oder sogar befördert, um auf diese Weise deren Eigentum übernehmen zu können.

Es sind jedoch auch Tausende von Fällen belegt, in denen katholische Polen Juden auf der Flucht vor den Nazis halfen. Unter extremer Gefährdung ihres eigenen Lebens und des Lebens ihrer Angehörigen und Nachbarn. Insgesamt wurden seit dem Ende des Krieges rund 6 000 Polen mit dem israelischen Orden „Der Gerechte unter den Völkern“ für ihren Einsatz für die verfolgten Juden ausgezeichnet. So etwa der bekannte katholische Publizist und Historiker W³adys³aw Bartoszewski, der neben der Warschauer Bürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz und dem Auschwitz-Überlebenden Marian Turski zum Rat des Museums der Geschichte der polnischen Juden gehört.

Natürlich ist das Museum, das von Agnieszka Rudziñska-Rytel seit 2011 geleitet wird und 70 Beschäftigte hat, nicht nur aufgrund des in Amerika wirkenden Ideengebers ein internationales Projekt. Jahrelang haben Forscher auf der ganzen Welt Bilder, Dokumente und Objekte gesucht, die von der jüdischen Kultur Polens Zeugnis geben. Diese ungefähr 6 000 Objekte kann man bald virtuell in neun Galerien des Museums bestaunen. Wie auch eine nachkonstruierte Synagoge und ein Schtetl, eine typisch ostjüdische Siedlung, vom Museum beherbergt werden. An der Finanzierung des Museums beteiligen sich außer privaten Spendern, dem polnischen Staat und der Stadt Warschau auch deutsche Stiftungen und die Europäische Union. Die Bundesregierung hat mit fünf Millionen Euro den Bau des Museums in Warschau unterstützt. Ein Zeichen der Verantwortung für eine tragische Vergangenheit. Eine Hilfe, um Erbe und Erinnerung in Bahnen der Versöhnung zu leiten und zu vertiefen. Denn: Wie polnische Juden starben, das weiß man bereits, wie sie lebten und leben, das gilt es neu zu entdecken.