Journalisten im Kreuzfeuer

Die eskalierende Gewalt in Mexiko fordert immer mehr Opfer. Von Marcela Vélez-Plickert

Mexikos Journalisten im Kreuzfeuer
Trauer um einen Kollegen: Medienschaffende protestieren nach der Ermordung des Pressefotografen Ruben Espinosa am 2. August 2015. Foto: dpa
Mexikos Journalisten im Kreuzfeuer
Trauer um einen Kollegen: Medienschaffende protestieren nach der Ermordung des Pressefotografen Ruben Espinosa am 2. Aug... Foto: dpa

In seiner letzten Zeitungskolumne, veröffentlicht Mitte Januar, schrieb Carlos Domínguez Rodríguez: „Straflosigkeit herrscht seit achtzehn Jahren in unserem Land. Es gibt nicht einmal korrekte Zahlen über die Morde. Und in fast allen Fällen,werden keine Schuldigen identifiziert.“ In seinem Artikel kritisierte der 77 Jahre alte Journalist den beängstigenden Anstieg der Gewalt in Mexiko. Allein in den letzten zwei Wochen des Jahres 2017 wurden elf Politiker getötet, das war der Beginn in die Vorwahlsaison. Zwei Tage nach Veröffentlichung seines Artikels wurde Domínguez selbst ermordet. Mit 21 Messerstichen, sagt die Staatsanwaltschaft, wurde der betagte Journalist in seinem Auto am helllichten Tag in der Stadt Nuevo Laredo, im Bundesstaat Tumaulipas getötet.

Der Mord hat landesweit und international Entsetzen ausgelöst. Die katholische Kirche, die EU, selbst die Vereinten Nationen haben sich zu dem Fall geäußert und eine lückenlose Aufklärung gefordert. Der Mord an Carlos Domínguez Rodríguez soll nicht einfach zum Berg der Akten anderer ungeklärter Fälle wandern, den Domínguez in seiner letzten Kolumne angeprangert hatte. Der Journalist, der sich auf Korruptions- und Kriminalitätsfälle spezialisiert hatte, wusste, dass er Risiken einging. Immer wieder werden Journalisten in Mexiko getötet. 2017 wurden ganze elf ermordet, hat das Komitee zum Schutz von Journalisten gezählt. Mexiko, das zweitgrößte Land Lateinamerikas, das seit Jahren unter den Drogenkriegen leidet, ist damit das gefährlichste Land für Reporter; selbst in Kriegsgebieten wie Syrien oder im Irak kamen nicht so viele um.

Der Erzbischof von Acapulco, Leopoldo González González, hat den Mord an Domínguez im Namen der Bischofskonferenz als „schweren Schaden für die Gesellschaft“ verurteilt, wegen des wichtigen Beitrags, den enthüllende und investigative Journalisten für das Gemeinwohl leisten.

Der Krieg der Drogenkartelle fordert seit Jahren einen hohen Blutzoll. Dazu kommt noch viel allgemeine Kriminalität. 2017 gab es nach offiziellen Zahlen 25 339 Mordfälle in Mexiko – so viel wie noch nie in der Geschichte; dreiviertel davon waren regelrechte Exekutionen.

Der seit elf Jahren andauernde Krieg gegen die Drogenkartelle hat nicht zu einer Eindämmung der Gewalt, sondern eher zur Eskalation geführt. Mit den Drogen werden Milliardenumsätze gemacht; der Stoff wird aus dem Süden in die USA transportiert und dort zu hohen Preisen verkauft. Als Präsident Enrique Pena Nieto 2012 an die Macht kam, kündigte er eine Verschärfung des Antidrogenkriegs an. Sein Plan war, mehr als 120 hochrangige Drogenbosse zu verhaften. Ein großer Fang gelang mit der Verhaftung von Joaquín „El Chapo“ Guzmán, dem Führer des Sinaloa Kartells, einer der größten Drogenschmuggelorganisationen der Welt. Peinlicherweise gelang Guzmán 2015, wie schon Jahre vorher, die Flucht aus dem angeblichen Hochsicherheitsgefängnis; ein halbes Jahr später wurde er wieder eingefangen und dann an die USA ausgeliefert. Doch sein Fall hat die Drogenkriege nicht beendet.

Laut den nationalen Statistiken gibt es schon mehr als 236 000 Opfer der Kämpfe gegen und zwischen den Drogenkartellen. Darunter sind Verbrecher, Zivilisten und Sicherheitskräfte, aber auch Politiker, von denen einige mit den Drogenbossen unter einer Decke stecken. Die Drogengewalt hat alle Teile der Gesellschaft erfasst und vergiftet. Die Zivilbevölkerung wird terrorisiert. Auch Wahlkämpfe werden zuweilen mit Waffen ausgetragen. Am vergangenen Donnerstag etwa zog eine Gruppe bewaffneter Unterstützer von Gloria María Sánchez, der Bürgermeisterin der indigenen Kleinstadt Oxchuc in Chiapas, durch das Zentrum, schoss wild um sich und zündete ein halbes Dutzend Häuser an. Die Paramilitärs wollten die Anhänger des früheren Stadtpräsidenten einschüchtern. Bislang ist die Schießerei ohne strafrechtliche Folgen geblieben.

„Die Straflosigkeit ist so weit verbreitet“, schreibt der mexikanische Journalist Raimundo Riva Palacio. Die Justiz ist ein wichtiger Teil des Problems. „Richter lassen höchste Kriminelle laufen, nicht nur aus Angst, sondern wegen Bestechung“, kritisiert er. Das Land sei im Zustand eines Krieges. „Quantitativ ist die Todesrate so hoch, dass wir in der Kategorie eines Bürgerkrieges sind“, sagt Riva Palacio.

In dieser angespannten Atmosphäre von Gewalt und Rechtlosigkeit werden die Mexikaner am 1. Juli zu den Urnen gerufen. 3 400 politische Ämter werden neu besetzt, darunter das Präsidentenamt, der Senat und die Regionalregierung von Mexiko Stadt. Pena Nieto hört als Präsident auf. Nach Umfragen sieht es bei der Präsidentschaftswahl derzeit nach einem Triumph für den linksgerichteten Politiker Manuel López Obrador aus, einem ehemaligen Regierungschef von Mexiko Stadt. Der Kandidat der Regierungspartei liegt in den Umfragen nur auf dem dritten Platz. López Obrador hat die Möglichkeit einer Amnestie für die Drogenbosse ins Gespräch gebracht, wenn die Drogenkartelle sich im Gegenzug zu einem Friedensschluss bereit erklären.