„Jerusalem ist unfähig zum Smalltalk“

Pater Nikodemus Schnabel OSB von der Dormitio-Abtei meint: Es gibt keinen idealeren Ort der Gottsuche als Jerusalem. Von Oliver Maksan

Blick auf Jerusalem durch das Fenster der „Dominus flevit“-Kirche auf dem Ölberg. Foto: KNA
Blick auf Jerusalem durch das Fenster der „Dominus flevit“-Kirche auf dem Ölberg. Foto: KNA
Pater Nikodemus, Ihr Kloster liegt am Rande der Jerusalemer Altstadt. Wie erleben Sie dort den aktuellen Konflikt?

Von den gewalttätigen Zusammenstößen etwa auf und um den Tempelberg bekommen wir hier auf dem Zionsberg nichts direkt mit. Weil aber viele Pilger und Touristen derzeit die Altstadt meiden, herrscht bei uns gerade Hochbetrieb. Unsere Kirche, aber auch der Laden und das Cafe sind derzeit stärker besucht als sonst. Aber das wird sich auch ändern. Die Erfahrung lehrt, dass Konflikte sich erst mit Verzögerung auf den Pilgerbetrieb auswirken, dann aber spürbar. Wir haben jetzt schon Stornierungen für September nächsten Jahres.

„Die Christen sind

die stillen, oft vergessenen Opfer. In Europa gibt es wenig Solidarität

mit ihnen“

Halten Sie diese Vorsicht für geboten?

Nein. Man kann getrost ins Heilige Land fahren. Pilger sind kein Ziel. Israel achtet auch darauf, dass man als Ausländer in die Konfliktgebiete etwa auf dem Tempelberg oder in bestimmten Vierteln Ost-Jerusalems gar nicht gehen kann. Und die heiligen Stätten in Galiläa und am See Genesareth sind ohnehin unproblematisch. Insofern kann ich nur ermutigen, weiter ins Heilige Land zu fahren. Gerade die Christen hier leben davon.

Wie nehmen die einheimischen Christen die jetzige Lage wahr?

Die Menschen sind in Sorge. Aber das ist nicht neu. Die arabischen Christen haben Angst um ihre Zukunft. Sie fürchten sich vor dem Radikalismus extremer Teile des Judentums. Sie fragen sich aber auch, wie ihre muslimischen Mitbürger den radikalen Islam sehen. Der jetzige Konflikt wirkt sich auf sie dann natürlich durch einen Einbruch der Pilgerzahlen aus. Und sie können ja nichts dafür. Weder gehen sie mit Messern auf Juden los noch rufen sie „Araber raus“. Die Christen sind damit die stillen, oft vergessenen Opfer. In Europa gibt es wenig Solidarität mit ihnen.

Wie geht denn Ihre Gemeinschaft mit den wiederkehrenden Konflikten im Heiligen Land und hier Jerusalem geistlich um?

Das wichtigste ist, dass unser von Gebet und Arbeit geregelter Tag ohne Unterbrechung weitergeht. Das war auch nach dem Brandanschlag auf unser Priorat in Tabgha nicht anders. Der benediktinische Rhythmus gibt hier Halt. Wir wollen nicht das Chaos ins Kloster holen, sondern eine Oase des Friedens sein. Die Pilger sollen getrösteter von uns weggehen, als sie gekommen sind. Das heißt aber nicht, dass wir nicht an uns heranlassen, was draußen vor sich geht. Im Gegenteil. Wir nehmen den Frieden im Heiligen Land ins Gebet sowohl der Gemeinschaft wie des Einzelnen.

Gibt es denn in Zeiten der Gewalt wie dieser ein interreligiöses Zugehen aufeinander?

Das kommt darauf an. Zwischen Juden und Muslimen hier im Heiligen Land ist es immer schwierig, sich zu treffen. Christen und Juden, Christen und Muslime, das geht gut. Aber Juden und Muslime kommen eigentlich nur zusammen, wenn auch Christen dabei sind. Das ist vielleicht in Jaffa oder Haifa, wo der Konflikt weniger stark ist, noch mal anders. Aber hier in Jerusalem funktioniert es leider nicht. Der Tempelberg und die politischen und religiösen Konflikte stehen dem einfach im Weg.

Wie schon im vergangenen Jahr steht der Tempelberg im Mittelpunkt des Konflikts. Geht es hier wirklich um Religion oder wird Religion da instrumentalisiert?

Es gibt zwei Extreme. Die einen sagen: Das alles hat mit Religion nichts zu tun. Sie wird politisch missbraucht. Die anderen sagen: Religion ist per se gewalttätig, weil gerade die monotheistischen Offenbarungsreligionen einen Wahrheitsanspruch aufstellen und damit quasi notwendig intolerant sind. Beide Antworten finde ich unbefriedigend. Als Mönch und Christ will ich beispielsweise niemandem etwas Böses. Und auch atheistische Regime in Geschichte und Gegenwart sind nicht gerade besonders tolerant gewesen. Denken Sie nur an Nordkorea. Aber auch die andere, religionsfreundliche Antwort finde ich nicht treffend. Nehmen Sie die jüdischen Brandstifter von Tabgha. Die sahen ihre Tat sehr wohl als religiöse an. Und auch in den Videos von IS wird der Koran ständig zitiert. Man kann also nicht sagen, das alles hätte überhaupt nichts mit Religion zu tun. Meine These ist die: Es handelt sich um einen Hooliganismus der Religion. Es kann jede treffen.

Was meinen Sie damit?

Es ist wie im Fußball. Die echten Fans sind wegen des Fußballs da. Den Hooligans geht es um Randale. Sie fiebern nicht in erster Linie mit dem Team. Ins Religiöse übersetzt ist es der Unterschied zwischen denen, die Gott noch suchen und denen, die meinen, ihn gefunden zu haben und ihn benutzen. Letzteren geht es in erster Linie nicht um den lebendigen Gott, sondern um Identitätssuche in einer sich wandelnden Welt. Damit spreche ich ihnen die Verbindung zum Religiösen nicht ab. Aber Gott hat eine Funktion und wird nicht um seiner selbst willen gesucht. Auf den hiesigen Konflikt übertragen heißt das auch, das Gott und Nation sich vermischen – und zwar sowohl auf Seiten radikaler Moslems wie Juden. Bei den echten Gottsuchern sehe ich dieses Konfliktpotenzial nicht. Ich lade jeden ein, einmal um fünf in der Früh durch Jerusalem zu gehen, wenn die frommen Beter unterwegs sind. Die Moslems eilen zu ihren Moscheen auf den Tempelberg, die Juden zur Klagemauer, die Christen in die Grabeskirche. Das ist wunderschön und hat nichts Aggressives. Diese Menschen haben die demütige Gelassenheit, dass Gott den Frieden schenkt.

Das Heilige Land ist also nicht nur Problem, sondern auch Schönheit und Inspiration.

Genau, das dürfen wir nie vergessen. Das gilt besonders für Jerusalem. Die Stadt ist anders als zum Beispiel Rom keine gefällige Schönheit. Sie ist verwinkelt und vernarbt. 4 000 Jahre Geschichte ohne Make-up. Sie ist aber auch ein Sehnsuchtsort für Beter aus aller Welt. Für mich als katholischer Mönch ist in Jerusalem besonders die Erfahrung des in vielen Konfessionen bestehenden Mönchtums, das aller Kirchenspaltung vorausgeht, wichtig. Es gibt keinen idealeren Ort der Gottsuche als Jerusalem.

Warum?

Weil es hier anders als im säkularisierten Westen viele Gottsucher in unterschiedlichen Religionen und Traditionen gibt. Die Frage ist nicht: Warum glaubst du an Gott, sondern: Warum glaubt du auf diese Weise? Das fordert heraus. Juden fragen mich: Du glaubst doch an die Bibel. Dort ist das erste Gebot „Seid fruchtbar und mehret euch“. Wie kannst du tief gläubig sein und durch den Zölibat gegen das erste Gebot der Bibel verstoßen? Da muss man sprachfähig bleiben. Jerusalem ist jedenfalls eine Stadt, die unfähig ist zum Smalltalk. Hier wird nicht über das Wetter, sondern über Gott gesprochen.