Jedem das Licht ausblasen, der eine Kerze trägt

„Da setzen die Glocken ein...“ – Traditionelle Bräuche am Ende der Faschingsfeiern in Rom. Von Ulrich Nersinger

Das Ausblasen der „moccoli“, der kleinen Wachskerzen, am Ende des Faschings. Foto: MdR
Das Ausblasen der „moccoli“, der kleinen Wachskerzen, am Ende des Faschings. Foto: MdR

In heimischen Gefilden und in heutiger Zeit ist der Übergang vom Faschingstreiben zur Fastenzeit ein unspektakulärer. Sieht man von der Liturgie des Aschermittwochs und dem Erteilen des Aschenkreuzes ab, erfolgt er mehr oder weniger abrupt. Ganz anders endete der Karneval in vergangenen Zeiten und jenseits der Alpen. Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durfte Klemens August Eickholt, ein junger Westfale, am Abend des Faschingsdienstags in Rom ein seltsames Schauspiel beobachten:

„Da setzen die Glocken ein und läuten das ,Ave Maria‘. Ein Augenblick lautloser Stille. Dan erschallt aus tausend Kehlen der Ruf: ,Moccoli! Moccoli!‘ Die Schatten des Abends senken sich nieder, die Dunkelheit beginnt. Sieh, da flammt es auf über den Korso, Tausende von kleinen Wachskerzen, ,moccoli‘ genannt, sind angezündet. Nun beginnt von der Piazza del Popolo aus ein Wettlauf. Jeder ist bestrebt sein ,moccolo‘ brennend bis zum Palazzo di Venezia zu bringen, dabei ,Moccoli! Moccoli!‘ summend. Man meint, einen Bienenschwarm zu hören. Doch gar mancher muss das Rennen aufgeben. Hier macht ein Luftzug, dort ein neidischer Nachbar dem Leben des ,moccolo‘ ein Ende. Im Getümmel fällt einer, und über ihn eine Reihe ,Moccoli‘-Träger. Mit erloschenen ,moccoli‘ richten sie sich seufzend auf, dabei den Verursacher ihres Falles mit einigen kernigen Verwünschungen bedenkend. Tausend Scherzworte, fröhliche ,Ritornelli‘, begeisterte Jauchzer durchzittern die Lüfte. Nirgends eine Ungeheurigkeit, ein kundlich frisch-fröhliches Treiben überall. Ein tiefer Glockenton erschallt, die große Glocke des Kapitols kündet des Festes Ende. Still und friedlich zieht die Menge zu den heimischen Penaten. Das war römischer Karneval der guten alten Zeit.“

Johann Wolfgang von Goethe zeigte sich beim Aufenthalt in der Ewigen Stadt darüber begeistert, wie der Karneval seinen Abschluss mit dem gegenseitigen Ausblasen der „moccoletti“ fand. Fasziniert beobachtete er, wie überall in Rom der traditionelle Warnruf: „Sia ammazzato chi non porta moccolo – Tot geschlagen werde, der keine Kerze trägt!“ erscholl – „Ohne Unterschied, ob man Bekannte oder Unbekannte vor sich habe, sucht man nun immer das nächste Licht auszublasen oder das seinige wieder anzuzünden und bei dieser Gelegenheit das Licht des Anzündenden auszulöschen. Und je stärker das Gebrüll ,ammazzato‘ von allen Enden widerhallt, desto mehr vergisst man, dass man in Rom ist, wo diese Verwünschung, um einer Kleinigkeit willen, in kurzem an einem und dem andern erfüllt werden kann. Die Bedeutung des Ausdrucks verliert sich nach und nach gänzlich. Und wie wir in andern Sprachen oft Flüche und unanständige Worte zum Zeichen der Bewunderung und Freude gebrauchen hören, so wird ,ammazzato‘ diesen Abend zum Losungswort, zum Freudengeschrei, zum Refrain aller Scherze, Neckereien und Komplimente.“

Die Neigung der Bewohner der Ewigen Stadt zu „allegrezze“ (Vergnügungen) war sprichwörtlich, sodass ein römischer Dichter sagen konnte, dass man den Karneval am liebsten von Sankt Stephan bis zum 28. Juni und von Sankt Peter bis zu Weihnachten feiern wollte: „Ch’er carnevale – sii de San Stefino ar ventotto giugno – e da San Pietro poi sin a Natale.“ Dennoch waren sich die Römer durchaus bewusst, dass ihr Karneval kein unbegrenztes Vergnügen war, dass ihm die Zeit der vorösterlichen Besinnung folgen musste. Mit dem Brauch der „moccoli“, der Flämmchen, die vom antiken Lupercalienfest, dem vorchristlichen Karneval, übriggeblieben waren, zeigte man sowohl das Widerstreben gegen den Verlust einer geliebten „allegrezza“, aber auch das sich notwendige Ergeben in das Ende des Faschingstreibens.

Die Bewohner der Ewigen Stadt eilten in die von Lichtern erfüllten Kirchen, „um das Werk der Purificazione zu vollenden, und das Fest, das ursprünglich dem Pan Faustulus und den Begründern Roms gegolten hatte, endete mit dem Sieg der römisch-katholischen Kirche, die dieses weitherzig acht Tage lang hatte geschehen lassen, bis es von selber erlosch“ (Philipp Hiltebrandt). Die Päpste, dem Karneval zumeist sehr wohlwollend gegenüberstehend, waren jedoch manchmal gezwungen, das lebhafte Fest mit Ermahnungen in die Fastenzeit hinüberzuführen. 1748 klagte sogar Benedikt XIV. (Prospero Lambertini, 1740–1758), ein volkstümlicher und menschlichen Schwächen gegenüber nachsichtiger Papst: „Es widerspricht allzu sehr der Ehrfurcht vor der Kirche und ihren heiligen Riten, wenn man sich zwar das Aschenkreuz auflegen lässt, dazu aber die Kirche im Karnevalskostüm betritt, statt in normaler Bekleidung.“