Irrwege moderner Atheisten

Ungläubige wie Richard Dawkins leben in einem falschen Wissensbegriff – Über ein Filmprojekt des Gottesleugners. Von Alexander Riebel

Szene aus dem Film: „The Unbelievers“ (Die Ungläubigen) mit den Atheisten Richard Dawkins (links) und Lawrence Krauss. Foto: Black Chalk
Szene aus dem Film: „The Unbelievers“ (Die Ungläubigen) mit den Atheisten Richard Dawkins (links) und Lawrence Krauss. Foto: Black Chalk

Woody Allen in einem atheistischen Film – das klingt überraschend: Der britische Atheist Richard Dawkins hat schon wieder ein neues Projekt und schaffte es, den beliebten Regisseur mit an Bord zu nehmen. Auch wenn sich Dawkins mit seinen Angriffen auf die Religion immer im Kreise dreht. Nun bringt er seine Ideen als Film heraus und will letztlich nur wieder sagen, es könnte keinen Gott geben. Pünktlich zu Weihnachten kommt der Streifen als DVD heraus und heißt „The Unbelievers – What are you willing to believe?“ Die Ungläubigen sind nicht gewillt zu glauben – dazu gehören die Unterstützer Dawkins im Film wie der Physiker Stephen Hawking, die Schauspielerin Cameron Diaz, der deutsche Regisseur Werner Herzog oder die somalische Frauenrechtlerin und Islamkritikerin Ayyan Hirsi Ali; zu diesen Ungläubigen gehört neben Hawkins vor allem auch Lawrence Krauss, Physiker und Kosmologe an der Universität von Arizona. Krauss ist mit Büchern in Erscheinung getreten wie „Die Physik von Star Trek“ oder „Ein Universum aus dem Nichts“. Und auf der Internetseite www.unbeliversmovie.com wird er als Verteidiger einer wissenschaftlichen Skeptizismus, wissenschaftlicher Erziehung und der Wissenschaft der Moral bezeichnet. Krauss tritt im Film als der Fragende auf, der Dawkins die Bälle zuwirft, die er meistens pointiert beantwortet.

Das Projekt der Ungläubigen ist ein Aufstand der Wissenschaft gegen die Religion. Dawkins und seine Anhänger glauben, hier polarisieren zu müssen. Dass sie dabei in den Teufelskreis geraten, von den Naturwissenschaften auszugehen und zu behaupten, es gebe nichts außer naturwissenschaftlich feststellbaren Fakten, muss den Atheisten selbst angelastet werden. Denn dieser Ansatz ist wissenschaftlich selbst nicht zu rechtfertigen, liegt aber im Verständnis der Wissenschaft als „science“; also in der naturwissenschaftlichen Engführung möglichen Wissens.

Dawkins aber versucht, mit seinen falschen Voraussetzungen die abendländische Tradition zu Tode zu reiten und spricht von der Religion als von einem „verwundeten Tier“. Der Film zeigt eine Aneinanderreihung von Massenkundgebungen, in deren Mittelpunkt Gespräche stehen, zumeist zwischen Richard Dawkins and Lawrence Krauss, aber es gibt auch Stimmen von Muslimen in Australien, Diskussionen in New York oder Washington. Der Film will eine globale Tour präsentieren und damit vorgeben, das Interesse am Atheismus sei global. Man könne ja nicht beweisen, dass es Gott nicht gebe, wird immer wiederholt, aber man brauche ihn nicht als Grund der Welt, weil die „science“ ja alles erklären könne, wie den Ursprung des Lebens und die Differenzierung der Arten. Die beiden Atheisten empfinden es als Druck, immer an den Ursprung der Schöpfung zu denken, sie möchten diese selbst genießen; doch damit schieben sie Gott einfach beiseite.

Die Atheisten haben eigentlich nicht vordergründig ein Problem mit Gott, sondern mit dem Begriff des Wissens. Sie wollen „science“ nicht mehr als Suche nach der Wahrheit verstehen im klassischen Sinne, sondern nach dem Bild eines Steins, der ins Wasser geworfen wird und immer weitere Kreise auslöst. Man kommt so von Problem zu Problem, beschäftigt sich nur noch mit der eigenen empirischen Rationalität und spart sich so die Fragen nach dem Ursprung, der so eben nicht erklärt werden kann, wie die Atheisten meinen. Der moderne Atheismus ist völlig vom Vorverständnis des Wissensbegriffs der Naturwissenschaftler abhängig. Die wissenschaftliche Arroganz mündet in dem Satz: „Die Wissenschaft fliegt auf den Mond, die Religion in Gebäude“, womit der Anschlag auf das World Trade Center gemeint ist, der von fehlgeleiteten Fundamentalisten ausgeführt wurde.

Woody Allen: Wissenschaft entscheidend für Fortschritt

Mit Religion hatte das aber nichts zu tun. Der Atheismus legt sich aber ein Weltbild der Immanenz fest, in dem nur die „Teile eines Puzzles“ zusammengesetzt werden, wie Krauss sagt: Die Spiritualität, die Hubble im Weltraum zeige, sei besser als die der Religion, weil sie wahr sei. Solche Aussagen können aber nur als purer Wissenschaftsfanatismus bezeichnet werden. Der deutsche Regisseur Werner Herzog sagt im Film hierzu, die wissenschaftliche Weltsicht sei von großartigem Wert. Dass es um die Freiheit des Glaubens geht, sieht er nicht, wenn Dawkins im Film erklärt: „Wissenschaft ist wunderbar und schön, Religion ist nicht wunderbar und nicht schön.“ Und Woody Allen erklärt: „Wissenschaft ist sehr wichtig, um den Fortschritt in der modernen Welt voranzubringen, es kann nur eine gute Sache sein.“ Von Religion erhofft er sich diesen Fortschritt wohl nicht. Fakten sollen den Glauben verändern, das ist die Grundidee des Films. Eine unhaltbare Idee.

Bei einer „Vernunft Tour“ in Washington kamen im vergangenen Jahr 20 000 Besucher zu einer Rede von Dawkins, die unter anderem vom Sender „Mythbusters“ (Mythenzerstörer) übertragen wurde. Ein älterer Besucher trägt dabei ein Schild vor sich her: „Hi Mom! Ich bin Atheist“. Es ist der Eventcharakter des modernen Atheismus, der eine Heimat zu geben vorgibt. Dawkins hat dabei die Medien entdeckt. Dawkins Internetseite verzeichne eine Million Klicks pro Monat, sagt die Direktorin der Richard Dawkins Foundation, Elisabeth Cornwell. Mit sehr wenig Geld würden Mauern niedergerissen, erklärt sie. Die Internetseite fordere dazu auf, dass die Menschen in die Welt hinausgehen und politisch aktiv werden: atheistische Missionsarbeit auf einem Irrweg.