Würzburg

Internationale Zeitschriftenschau am 7. Februar 2019

Abtreibung bis zur Geburt

Internationale Zeitschriftenschau

Abtreibung bis zur Geburt

„Es ist Zeit für die Wahrheit über Spätabtreibungen“, titelt David French im National Review. Anlass für seinen Artikel ist die in den USA entfachte Debatte über einen Entwurf in Bezug auf Spätabtreibungen im Bundesstaat Virginia. Die aktuelle Rechtslage erlaubt Spätabtreibungen bis zum Ende des zweiten Schwangerschaftsdrittels nur dann, wenn drei Ärzte einig sind, „dass die Fortsetzung der Schwangerschaft zu erheblichen und irreparablen Schäden für die Gesundheit der Mutter führen würde“. Der von der Demokratin Kathy Tran eingebrachte Gesetzentwurf, demzufolge eine Abtreibung tatsächlich bis zur Geburt erlaubt wäre und die Zustimmung nur eines Arztes brauchte, und der auch die Unterstützung des Gouverneurs von Virginia hat, wurde nun mit einer 5 : 3-Mehrheit im Unterausschuss des House Committee for Courts of Justice vertagt. Zwar erfolgten, so French, „nur 1,3 Prozent der Abtreibungen nach der 21. Schwangerschaftswoche“. Dennoch seien das mindestens 8 000 Spätabtreibungen jährlich in den USA. Die Pro-Abtreibungsorganisation The Guttmacher Institute spreche sogar von etwa 12 000 Spätabtreibungen jährlich. Um sich die Höhe dieser Anzahl der in der späten Schwangerschaft getöteten Babys zu vergegenwärtigen, zieht French einen Vergleich heran: „Diese Zahl ist vergleichbar mit der Anzahl der im selben Zeitraum durch Schusswaffen begangenen Morde.“ Die Gründe für die Spätabtreibungen seien, laut Guttmacher-Institut, „keine fötalen Fehlbildungen und auch nicht eine Gefährdung des Lebens“. 80 Prozent der sich in diesem späten Zeitraum für eine Abtreibung entscheidenden Mütter „waren alleinerziehend, depressiv, konsumierten illegale Substanzen, standen im Konflikt mit einem männlichen Partner oder erfuhren häusliche Gewalt, oder sie waren jung und hatten noch kein Kind“.

Das Geheimnis der Angela Merkel

Die „politische Philosophie“ von Angela Merkel analysiert Laurent Chalard im Figaro. Ihre Persönlichkeit sei schwer zu fassen, schreibt der am Forschungszentrum European Centre for International Affairs für politische Demographie und internationale Migrationen zuständige Geograph. Wie bei anderen großen Politikern müsse man „in ihre Jugendzeit abtauchen, die sie in einem Staat, der DDR, verbrachte, der sich sehr von den heutigen westlichen Demokratien unterschied“. Dabei werden mehrere Charakterzüge sichtbar. Der erste sei „die Kunst des Verschweigens“. Merkel sei „in einem Polizeistaat großgeworden, in dem die Lüge die einzige Überlebensmöglichkeit war, was umso mehr für diejenigen galt, die Karriere machen wollten“. Daraus folge, „dass Madame Merkel ihre Meinungen sehr gut zu verbergen weiß“. Ein zweites Element betreffe „die Ausübung eines gewissen Autoritarismus. Die DDR war ein Staat, der von starker Hand gelenkt wurde. Angela Merkel ist somit in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der die Hierarchie wichtig war und in der Untergebene Anordnungen gehorchten. Sowohl intern, bei der Leitung der CDU, als auch extern, bei all ihren einseitigen europäischen Stellungnahmen, ohne über die Konsequenzen für die anderen Länder nachzudenken – darunter die berühmte Entscheidung, syrische Flüchtlinge aufzunehmen –, zwingt die deutsche Kanzlerin ihre Ansichten anderen ohne jegliche vorherige Rücksprache auf.“ Das dritte Element „ist ein Charakterzug, der häufig für positiv gehalten wird, das ist der Pragmatismus, der jedoch in Wirklichkeit das Nichtvorhandensein von Überzeugungen offenbart – etwas, was sehr viel weniger ehrenhaft ist“. Die DDR habe ein Wirtschaftssystem gehabt, das nicht funktionierte, „mit einem blühenden Schwarzmarkt und einem Zugang zu Informationen, die von der anderen Seite des eisernen Vorhangs stammten“. Daher gab es „eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem kommunistischen politischen Diskurs und der Realität vor Ort“, was zu einem Vertrauensverlust bei der Bevölkerung führte und sogar noch mehr bei den Eliten, zu denen auch die deutsche Kanzlerin gehört habe: „In diesem Rahmen ist ihre gesamte politische Laufbahn nach der Wiedervereinigung von einem Mangel an sicherer Überzeugung gekennzeichnet, was sie dorthin führt, wohin die Macht sie trägt.“ Ein viertes Element, das stark mit dem totalitären Charakter des ostdeutschen Regimes verknüpft war, ist das Misstrauen anderen Menschen gegenüber. Chalard schließt, dass es „extrem schwierig ist, sich in die Psyche von Angela Merkel hineinzuversetzen. Haben wir es mit einer vollendeten Opportunistin ohne irgend eine persönliche Überzeugung zu tun, deren einziges Ziel es ist, sich so lange wie möglich an der Macht zu halten, oder ist sie eine heimliche Autokratin, die zumindest im wirtschaftlichen Bereich auf die Schaffung einer deutschen Vorherrschaft in Europa abzielt, oder ist sie eine aufrichtige Demokratin, die an den europäischen Werten der Freiheit und Gerechtigkeit hängt?“ Es scheine derzeit unmöglich, dazu Stellung zu nehmen, „so sehr wahrt sie ihr Geheimnis. Allein die historische Distanz wird die Antwort auf diese Frage ermöglichen.“

„Künstliche Intelligenz gibt es nicht“

Luc Julia ist beim Technikkonzern Samsung für die Innovation zuständig, bekannt wurde er als Co-Erfinder des Apple-Sprachassistenten Siri. Im französischen Wissenschaftsmagazin Sciences et avenir spricht er über sein soeben erschienenes Buch „L'intelligence artificielle n'existe pas“ („Künstliche Intelligenz gibt es nicht“). Darin wendet er sich einerseits gegen eine zu euphorische Betrachtung technischer Möglichkeiten, derzufolge durch die Programmierung leistungsfähiger Algorithmen in Zukunft Maschinen sämtliche menschliche Tätigkeiten übernehmen könnten. Andererseits widerspricht er Befürchtungen, dass Roboter durch ihre „künstliche Intelligenz“ selbstständig in der Lage wären, die Macht über ihre Schöpfer, die Menschen, zu übernehmen und sie zu beherrschen. Er sagt, man könne mit den derzeitigen technischen Methoden „Gutes oder Schlechtes machen, doch der Mensch kontrolliert das alles“. Manche Leute meinten: „,Die KI (künstliche Intelligenz) ist unerklärbar‘. Doch das ist falsch. Sie ist kompliziert, doch wenn jemand einen Algorithmus entwickelt hat, dann handelt es sich dabei um Mathematik, um Statistiken – aber nicht um Magie.“ Das gleiche gelte für autonome Fahrzeuge: „Man sagt uns: ,In drei Jahren haben wir das‘. Nein, weder in drei Jahren, noch in zehn noch in 100 Jahren werden wir mit den derzeitigen Techniken der künstlichen Intelligenz jemals autonome Fahrzeuge haben. Denn nie wird ein Fahrzeug derart reaktionsschnell auf etwas reagieren können, was so viel kognitive Beherrschung wie das Fahren eines Autos fordert.“ Denn dies erfordere das Erkennen bestimmter Situationen. Natürlich könne man dieses Erkennen immer weiter verbessern. Das Maß, Fahrsituationen zu erkennen und richtig einzuschätzen, werde sich 99 Prozent annähern, „doch die 100 Prozent wird man niemals erreichen“.

DT/KS