„Internate sind Schutzräume“

Die Gesprächsrunde „Missbrauchen und Vertuschen“ mit Maybrit Illner suchte nach Lösungen

Die Talkshow „Missbrauchen und Vertuschen“ mit Maybrit Illner am Donnerstagabend im ZDF war konstruktiver als die meisten Talkshows zum Thema zuvor. Hier stand nicht wie in den Medien üblich die Kirche im Zentrum der Debatte. Missbrauch wurde ganz richtig als gesamtgesellschaftliches Phänomen gedeutet und es wurde vor allem der Blick nach vorn gerichtet: auf mögliche Therapien und die Hoffnung auf die Gespräche am „Runden Tisch“. Nicht die Emotionen sprudelten in der Sendung, es ging um die Sache.

Zu den Gästen gehörte der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, der ein „neues Klima der Offenheit“ in der gesellschaftlichen Debatte über den Missbrauch forderte. Auf die Frage Illners, warum die Kirche erst so lange nach dem Erscheinen des Buchs von BAP-Sänger Wolfgang Niedecken reagiert habe, der seine Missbrauchserfahrung in einem katholische Internat bereits 1990 geschildert hatte, antwortete der Weihbischof, die Kirche habe seit 2001 reagiert und Missbrauch zuvor teils aus Unwissenheit verschwiegen. Man wisse heute über die Zusammenhänge mehr, früher sei zu wenig auf die Kinder gehört worden. Jaschke hält es für wichtig, dass die Öffentlichkeit Druck mache, um die beschämenden Fälle zu klären. Er wies aber auch darauf hin, dass es die Kirche selbst war, die überhaupt eine Öffentlichkeit für die Opfer geschaffen habe, als das Berliner Canisius-Kolleg die Diskussion ins Rollen brachte.

Der Sänger Wolfgang Niedecken schilderte seine einstigen Misshandlungen und machte deutlich, dass die Kinder damals ein Unrechtsbewusstsein hatten, weil sie ja für Fehler im Unterricht oder Fehlverhalten bestraft wurden. Das Wort „geschändet“ treffe daher genau das Problem, denn die Schande sei auf der Seite des Geschändeten – hier müsse sich das Bewusstsein ändern, denn die Schande sei doch immer auf der Seite der Täter. Niedecken erinnert sich aber auch gerne an viele schöne Zeiten im katholischen Internat zurück er und verdanke den meisten Patres vieles.

Der Pädagoge Bernhard Bueb war 30 Jahre lang Leiter am Eliteinternat Schloss Salem und in den 70er Jahren kurze Zeit Lehrer an der Odenwaldschule. Er hat die These vertreten, dass Internate sogar Schutzräume gegen Übergriffe seien. Die Internate, ob kirchliche oder weltliche, müssten nur gut geleitet werden. Diese Erfahrung hatte Bueb auch selbst in der Schule gemacht.

Der Sonderermittler Thomas Pfister, der für die Aufklärung die Ereignisse im Kloster Ettal eingesetzt wurde, erhält auch nach dem Abschluss seines Berichts noch täglich weitere Briefe von ehemaligen Opfern, die ihre Leiden darstellen. Pfister lobte die „besondere Gradlinigkeit“ von Bischof Marx – die Kirche müsse dringend noch offener für die Aufklärung werden, wenn sie weiterhin als Menschenführerin auftreten wolle, forderte Pfister. Pfister hält die Zäsur von 1990 in Ettal für wichtig, denn seitdem habe sich hier etwas grundsätzlich geändert. Entschuldigungen, Gespräche und Gebete würden allein nicht ausreichen, immer wieder war in der Talkshow auch von der Möglichkeit finanzieller Entschädigungen die Rede. Auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) forderte hier ein Nachdenken der Kirche. Das werde auch ein Thema am „Runden Tisch“ sein. Schröder setzte sich auch für mehr aufklärenden Unterricht schon in frühen Schulklassen ein. Vertrauenspersonen seien in Schulen wichtig, jedem Kind müsse klar sein, dass es Hilfe bekommen kann.

Szenenwechsel: Auch in Sportvereinen leiden viele Kinder an Missbrauch durch Sporttrainer oder Erzieher. Ein inhaftierter Sexualtäter berichtet davon, dass Bewährungsstrafen seiner Meinung nach nichts helfen, weil sie ein Freibrief für weiteren Missbrauch seien. Er habe erst durch die Strafe wirklich verstanden, was er Kindern angetan habe. Aufschlussreich waren in der Sendung auch Berichte darüber, wie es zu Missbrauch in Sportvereinen kommt. Die Täter suchen sich die Opfer oft beim Duschen aus, wählen die zurückhaltenden, die eher in der Ecke stehen. Es wurde sogar von einem Täter berichtet, der mit den Eltern des Kindes gemeinsam in den Urlaub fuhr – das allmähliche Gewinnen des Vertrauens der Eltern gehört zum Täterprofil. Ursula Enders, Leiterin und Mitbegründerin der Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen „Zartbitter e.V.“, fügte hinzu, dass auch Kinder häufig zu Komplizen gemacht werden, indem sie auch selbst Strafen ausführen wie an der Odenwaldschule und dann über die Vergehen mit niemandem mehr sprechen können. Enders bemängelte, dass es keine Therapieplätze für Kinder gebe, Missbrauch finde aber nach ihrer Erfahrung heute genauso wie früher statt. Auch hält sie es nicht für richtig, immer nur über Triebtäter zu sprechen, die jungen Täter aber, die noch heilbar seien, habe man noch nicht im Blick. Die Erwachsenen müssten sich noch viel mehr mit Täterstrategien beschäftigen und die Eltern untereinander über Auffälligkeiten im Verhalten sprechen.

Maybrit Illner wollte schließlich von der Bundesfamilienministerin wissen, ob eine Anzeigenpflicht für Missbrauchsfälle eingeführt werde. Schröder hielt das allerdings für ein Bruch, denn auch in anderen Bereichen gebe es so etwas nicht. Auch Weihbischof Jaschke hielt den Automatismus, die Staatsanwaltschaft immer sofort einzuschalten, für fragwürdig. Der Papst habe aber deutlich gemacht, dass sich dem Staat niemand entziehen dürfe.