Integration an Siebenschläfer

Am morgigen 27. Juni ist Siebenschläfertag. Die wenigsten wissen noch, dass an diesem Tag an sieben Heilige aus der Zeit der römischen Christenverfolgung gedacht wird – und diese Überlieferung auch Eingang in den Koran, das heilige Buch des Islam gefunden hat. Von hier aus gibt es einen guten Anknüpfungspunkt für das gemeinsame Beten und Wallfahren von Christen und Muslimen. Von Professor Franco Rest

Eine Darstellung des Themas der Siebenschläfer. Foto: INT
Eine Darstellung des Themas der Siebenschläfer. Foto: INT

Vielleicht sollten die Europäer nicht zu verbissen darüber diskutieren, ob der Islam zu Europa gehört oder nicht, sondern sich auf zwei entscheidende Aufgaben der nächsten Zeit konzentrieren: Nämlich auf die gemeinsamen Anstrengungen von Christen und Muslimen zur Bewahrung der Schöpfung – einschließlich der Menschenwelt – und auf das gemeinsame Gebet. Für das Letztere bieten die heiligen Sieben Schläfer am 27. Juni jeden Jahres einen geistreichen Anlass.

Bei den Sieben Schläfern, den heiligen Siebenschläfern, handelt es sich um sieben Jünglinge mit den Namen Maximian, Malchus, Martinian, Dionysius, Johannes, Seraion, Constantinus und einen – in der Überlieferung oft vergessenen – Hund, der mit Blick auf die Schöpfung hier aber durchaus von Bedeutung ist. Diese sieben Männer plus Hund waren nun während der Christenverfolgung unter Kaiser Decius, um nicht den heidnischen Göttern opfern zu müssen, in eine Höhle des Berges Ochlon nahe der Stadt Ephesus geflohen. Dort entschliefen sie wunderbar, erwachten nach über hundert Jahren vorübergehend wieder und legten beim Konzil zu Ephesus für die Glaubensaussagen zur leiblichen Auferstehung Zeugnis ab.

So ist es in dieser Legende jedenfalls seit dem 5. Jahrhundert verbürgt und fand mit dem dazu gehörenden Verehrungskult durch Übersetzung in die orientalischen Volkssprachen weite Verbreitung – in Arabien ebenso wie in Äthiopien und Armenien. In der Kreuzzugs- und Barockzeit war der Siebenschläferkult im gesamten Abendland sehr beliebt, wovon auch bei uns noch sowohl die dazu gehörenden Wetterregeln als auch zwei Kirchen zeugen, nämlich die Siebenschläferkirche in Rotthof bei Passau mit einem Siebenschläfergemälde von 1690 und einem bedeutenden Hochaltar von 1758, der die Sieben Schläfer innerhalb einer Tropfsteinhöhle zeigt; und die Kirche der Heiligen Sieben Brüder in Oberbrechen, Bistum Limburg, von 1652.

Sühnewallfahrt zu einer Kapelle bei Vieux-Marché

Nordöstlich des Ortes Vieux-Marché in der Bretagne findet sich weiter eine kleine bemerkenswerte Kapelle zu Ehren der sieben Schläfer beziehungsweise sieben Heiligen. Sie liegt verträumt zwischen Bäumen in einer schattigen Einfriedung. 1703 errichtet, kennzeichnen sie zwei Merkwürdigkeiten: Sie ist erstens auf einem für die Bretagne charakteristischen Dolmen errichtet – das ist ein Ganggrab aus der Megalithkultur von vor rund 3 800 vor Christus –, der heute als Krypta dient und eigenwillige Darstellungen der Sieben Schläfer enthält; und zweitens ist die Kapelle seit 1945 jeweils am vierten Wochenende im Juni Ziel einer Sühnewallfahrt, an der Christen und Muslime mit je unterschiedlichen Riten teilnehmen.

Das gemeinsame Interesse an Heiligen könnte also auf bedeutsame Weise zur Integration beitragen. Das liegt seitens der Muslime daran, dass die 18. Sure des Koran in ihrem Gebetsleben eine besondere Rolle spielt. Dort fand die Legende von den Sieben Schläfern mit kleinen Änderungen Aufnahme. Nach Vers 24 blieben die Sieben 200 Jahre in der Höhle. Das ist mehr, als die Überlieferung zulässt: Denn Decius war zwischen 249 und 252 Kaiser gewesen, und Theodosius, der Kaiser des Konzils von Ephesus, zwischen 379 und 395. Die Höhle lag nach dieser Quelle in nord-südlicher Richtung, also nach Ephesus, Jerusalem oder auch Mekka. Im Vers 8 taucht in der 18. Sure ein schwer zu deutendes Wort auf, nämlich Er-Rakim, was sowohl den Namen des Berges, als auch eine Gedenktafel, als auch den Namen des Hundes bezeichnen könnte.

Der Initiator der christlich-muslimischen Wallfahrt, der Pariser Islamistik-Professor Louis Massignon, spielte nach dem Zweiten Weltkrieg auch bei der Renovierung der bedeutenden Siebenschläferkirche in Rotthof – und anderen – mit einer namhafte Spende eine bedeutende Rolle. Er wollte damals nach dem Kriegstod seines Sohnes vor allem ein Zeichen für die deutsch-französische Versöhnung setzen, nicht wissend, dass dies zugleich der Beginn eines Signals für die christlich-muslimische Verständigung sein könnte.

Die beiden kunstgeschichtlich einmaligen Kirchen, die Dolmenkapelle in Vieux-Marché und die Siebenschläferkirche in Rotthof, verbinden sich zugleich in der Überwindung des Heidentums durch den Ein-Gott-Glauben. Denn die Dolmen galten zunächst als Heiligtümer der heidnischen „Germanen“, bevor man sie als der Megalithkultur zugehörig identifizieren konnte: Die im Kampf gefallenen germanischen Krieger kommen direkt nach Valhall; die für Allah Gefallenen direkt ins Paradies. In Gotland fand man beispielsweise unzählige Münzen aus den islamischen Gebieten, welche sogar eine wirtschaftliche Verbindung zwischen „Germanen“ und muslimischer Welt bezeugen.

Das Fremde als fremd akzeptieren, das Zusammenleben einüben und das Gemeinsame besonders bei gemeinsamer Verantwortung aufspüren – das wären wichtige Schritte auf dem Weg zu so etwas wie Integration; verbunden mit dem gemeinsamen Gebet. Das hat durchaus Tradition seit der Beziehung Parzivals zu seinem muslimischen Bruder Feirefiz und seit dem Briefwechsel Kaiser Friedrich II. mit dem arabischen Philosophen Ibn Sabin 1245. „Nur den Betern kann es noch gelingen ...“, würde vielleicht Reinhold Schneider heute wieder schreiben.

Leider wurde der Impuls von Professor Massignon nicht ernsthaft aufgegriffen. Eine Reisegruppe aus Rotthof, die Vieux-Marché besuchte, konnte kein gemeinsames Beten dort entdecken. Auch an anderen Kirchen mit Bezug zu den Sieben Schläfern konnte dies noch nicht initiiert werden. Ein solches Gebet könnte noch andere Impulse aufnehmen – etwa mit Blick auf die Kapelle der Sieben Brüder in der Nähe von Frankfurt, in deren Nähe man 60 Hügelgräber aus der Hallstattzeit entdeckt hat. Denn gegen alle Formen des Heidentums heute stemmen sich vor allem die Beter. Sie haben dazu die Kompetenz und den Koalitions- beziehungsweise Gesprächspartner. Und im Gebet treten auch die sonstigen Differenzen in den Hintergrund. Wie wäre es künftig also mit christlich-muslimischen Wallfahrten nach Rotthof und Oberbrechen – in ähnlicher Weise wie die nach Vieux-Marché?

Neue Ideen für die Siebenschläferkirche Rotthof

Zur Siebenschläferkirche in Rotthof hin wurde von einer ehemaligen Römerstraße her ja inzwischen ein „Kreuzweg“ geschaffen, der sich nicht am Leidensweg Christi, sondern in 14 Stationen an den „Problemen unserer Zeit“ orientiert: das Zusammenleben der Menschen, die Stiftung des Friedens, die Bewahrung der Schöpfung, menschenverachtende Ideologien, Hass und Habgier. Genau diesen Weg hin zu den Siebenschläfern könnte eine künftige Sühnewallfahrt von Christen und Muslimen gehen.