„In jedem Menschen ist ein Funke Gottes und der ist unzerstörbar“

Manfred Lütz spricht mit dem israelischen Künstler Jehuda Bacon, einem Überlebenden des Holocaust. Von Stefan Meetschen

Der israelische Künstler und Holocaustüberlebende Jehuda Bacon (links) im Gespräch mit Manfred Lütz. Foto: A. Lütz
Der israelische Künstler und Holocaustüberlebende Jehuda Bacon (links) im Gespräch mit Manfred Lütz. Foto: A. Lütz
Herr Lütz, Sie gelten als Experte für Glaube, Gott und gesunden Menschenverstand. Nun legen Sie zusammen mit dem israelischen Künstler und Holocaustüberlebenden Jehuda Bacon (87) ein Gesprächsbuch vor. Was hat Sie zu diesem Buchprojekt veranlasst?

Ich wurde auf Jehuda Bacon aufmerksam, als ich im vergangenen Jahr das Buch „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ schrieb. Ich sah ihn in einer Fernsehsendung am Vorabend des Holocaust-Gedenktages. Er sagte in dieser Sendung, man könne auch im Leiden Sinn erleben, denn wenn man tief erschüttert sei, erkenne man, dass jeder Mensch so sei wie man selbst. Das hat mich berührt. Ich habe diese Aussage in meinem Buch zitiert. Zufällig habe ich Jehuda Bacon dann bald danach persönlich bei einem Israel-Besuch mit einer Jugendgruppe kennenlernen dürfen. Er ist vermutlich der beeindruckendste Mensch, dem ich in meinem Leben begegnet bin.

Warum?

Ein Grund ist ganz sicher der, dass er als Jugendlicher seinen jüdischen Glauben im KZ Auschwitz durchgehalten hat. Er hat dort seine Eltern verloren, viel Leid und Unmenschlichkeit erlebt, aber er ist nicht, wie es manchen anderen gegangen ist, verbittert. Er ist ein Mensch, der in dem Grauen von Auschwitz noch „Funken Gottes“ erleben konnte, wie er das selbst sagt.

Woher hatte er diese innere Stabilität, diese transzendente Sichtweise?

Ein Lehrer von ihm, der später in Auschwitz vergast wurde, hat den Schülern, bevor er abtransportiert wurde, noch gesagt: Merkt Euch eins, in jedem Menschen ist ein Funke Gottes, und der ist unzerstörbar. Dieser Satz habe ihn sozusagen am Leben gehalten, weil er wusste: die Nazis können mich verbrennen, die können alles mögliche mit mir tun, aber dieser Funke Gottes in jedem Menschen ist unzerstörbar.

Ein einfacher, aber doch beeindruckender Gedanke...

...mit einer unglaublichen Konsequenz: Denn diesen Funken gibt es dann ja auch in den SS-Leuten! Beim Auschwitz-Prozess in Frankfurt hat Jehuda Bacon als Zeuge beschrieben, wie ein brutaler SS-Mann zehn Jugendliche heraustreten ließ. Die dachten, sie kommen jetzt in die Gaskammer, doch der SS-Mann führte sie in einen Raum, wo auf einem Tisch eine Salami lag, schnitt sie in 10 Stücke und befahl: Esst! Und dann: Haut ab! In solchen Momenten konnte man spüren, so hat es Jehuda Bacon erlebt, dass sogar in diesem SS-Mann dieser Funke Gottes war. Er war übrigens nachher der einzige der Frankfurter Angeklagten, der seine Schuld gestand.

Wenn man den Gedanken von den Funken Gottes irgendwo liest, dann ist das alles doch sehr theoretisch, aber wenn man das von jemandem hört, der das erlebt hat, der das authentisch bezeugt, dann ist es viel berührender.

An einer Stelle des Gesprächs mit Ihnen sagt Bacon die etwas provozierend wirkenden Worte, wer durch Auschwitz den Glauben verloren habe, habe wohl nur einen Aberglauben gehabt...

Ich würde mich nie trauen, so etwas zu sagen. Nur jemand wie er, der das Grauen von Auschwitz selbst erlebt hat, und diesen Satz mit lächelndem und mitfühlendem Gesichtsausdruck sagt, kann so etwas sagen. Es ist das ganz tief Authentische, was mich so fasziniert hat. Ich habe im Rahmen des Buchprojektes fünfzehn Stunden mit ihm gesprochen. Nie hat er irgendwelche Platten aufgelegt.

Wie würden Sie – abgesehen von den göttlichen Funken – den Kern seiner Spiritualität beschreiben?

Was er über Gott sagt, der die Liebe ist, was er über die Imitatio Christi sagt und wie er davon spricht, dass das Gute die Nähe Gottes ist und dass das Böse keine eigene Existenz hat, das hat Thomas von Aquin auch gesagt. Denn auch für uns Christen sind das Gute und das Böse eben nicht zwei gleichberechtigte, wählbare Ziele. Wir glauben, dass der gute Gott uns trägt, und dass der Teufel letztlich besiegt ist.

Bacon, das wird im Buch deutlich, unterteilt die Menschen in „Gerechte“, „Sünder“ und solche, die statt Gott auf das „Ich“ setzen. Lässt sich eine solche Kategorisierung auch mit dem christlichen Menschenbild vereinbaren?

Diese Sicht nimmt er von Psalm 1, und sie ist zutiefst christlich. Es gibt die Gerechten, die Gottes Willen tun, dann gibt es die Sünder, das sind wir alle, wobei er Sünde nur als Abgleiten vom rechten Weg sieht. Und die dritte Gruppe sind Menschen, die von Gott wissen, aber dennoch sagen: Ich mach nur, was ich will.

Wie wichtig waren für ihn Menschen, um den Glauben an Gott und die Menschen bewahren zu können?

Sehr wichtig! Nach dem Krieg hat er als Waisenkind uneigennützig liebevolle Menschen kennengelernt, von denen er in berührenden Worten, manchmal mit Tränen in den Augen, erzählt. Diese Menschen haben ihm den Glauben an die Menschheit wiedergegeben.

Den künstlerischen Nachlass von Jehuda Bacon kann man größtenteils seit kurzem im Museum am Dom in Würzburg sehen. In Auschwitz hat Bacon in gewisser Weise seine Berufung zum Maler erlebt, später war er Grafik-Professor. War und ist die Kunst für ihn eine Hilfe zur Trauma-Verarbeitung?

Sicherlich war es für ihn eine Hilfe, dass er bestimmte Dinge künstlerisch ausdrücken konnte. Aber wenn man sagen würde, er hätte sich durch die Kunst sozusagen selbst therapiert, wäre das viel zu wenig. Eine Therapie – und das sage ich als Psychiater – ist ja nur etwas sehr Oberflächliches, eine Technik, mit der man es schafft, bestimmte Störungen professionell zu behandeln. Er selbst bezeichnet das künstlerische Arbeiten als „Gebet“.

Was kann der Leser aus diesem Buch für einen Nutzen ziehen?

Man kann bei der Lektüre sozusagen die Früchte der Weisheit eines Menschen ernten. Ich habe manche Bücher geschrieben, viele gelesen. In diesem Buch ist jedes Wort, das Jehuda Bacon sagt, existenziell. Davon wird man persönlich berührt. Das geht ins Herz. Ich glaube, dass jeder, der dieses Buch liest, ein anderer Mensch wird: Ein Mensch, der gelassener mit seinen Mitmenschen umgeht, der dankbarer für sein Leben wird, der anders mit dem lieben Gott umgeht. Mein Leben ist durch die Begegnung mit Jehuda Bacon heller geworden.