In heiligen Sphären

Erfahrungen der Transzendenz, religiöse Erlebnisse – oft werden sie von Vertretern der Moderne mit einem ironischen Lächeln quittiert. Als Stoff von gestern. Von wegen: Mensch und Welt lassen sich nicht entsakralisieren Von Barbara Wenz

Über den Wolken wirkt die Schönheit der Schöpfung noch grenzenloser, doch auch unter den Wolken sind Transzendenzerfahrungen möglich. Foto: dpa
Über den Wolken wirkt die Schönheit der Schöpfung noch grenzenloser, doch auch unter den Wolken sind Transzendenzerfahru... Foto: dpa

Es muss nicht immer ein brennender Dornbusch sein. Manchmal genügt ein farbenprächtiger Sonnenaufgang am Meer. Der endlos sich ins Jenseitige verzweigende Gesang einer einsamen Amsel am Abend. Vollmondaufgang in der Wüste; eine funkelnde, überwältigende Sternennacht über verschneiten Gebirgsgipfeln. Ein tobender Orkan an der Küste. Aber auch: Eine fantastische Aussicht von einem Wolkenkratzer oder aus einem Flugzeug.

Plötzlich wallt da etwas auf im Menschen – selbst wenn er nicht religiös ist – eine Wahrnehmung, so unmittelbar und ergreifend, so tief aus dem Inneren der Seele aufsteigend und sich Bahn brechend, dass sie sogar zu körperlichen Reaktionen wie Erschauern, Zittern oder gar Haarsträuben führen kann. Es sind Momente, in denen ein Geheimnis in uns waltet, das ebenso majestätisch wie ehrfurchtgebietend zugleich aufscheint. Eine der schönsten und ergreifendsten Beschreibungen eines solchen Momentes stammt von dem russischen Religionsphilosophen Sergej Bulgakov (1871–1944), der im Alter von 14 Jahren seinen Glauben verloren und sich als „wissenschaftlicher Atheist“ betrachtet hatte. Es ist der Anblick der Berge des Kaukasus, von ungezählten Dichtern besungen, der den gerade 24-Jährigen aus seinem religiösen Schlummer erwachen lässt: „Wir fuhren durch die südliche Steppe, die in den würzigen Duft des Honigs der Gräser und des Heus gehüllt war, goldleuchtend im milden Licht der untergehenden Sonne, In der Ferne wurden die ersten Berge des Kaukasus bereits blau. Ich sah sie zum ersten Mal. Ich betrachtete begierig die Berge, ich atmete die Luft und das Licht: Ich lauschte der Offenbarung der Natur. Meine Seele hatte sich seit langem daran gewöhnt, in der Natur nichts anderes als eine tote Wüste zu sehen, die ein Schleier der Schönheit bedeckte, als trüge sie eine täuschende Maske. Und plötzlich wurde meine Seele von Freude erfüllt und zitterte vor Begeisterung: Und wenn es gäbe ... den milden und liebenden Vater, wenn das sein Schleier wäre, seine Liebe (...); wenn die frommen Gefühle meiner Kinderzeit, als ich mit ihm lebte, als ich vor seinem Antlitz stand, als ich ihn liebte und zitterte wegen meiner Unfähigkeit, mich ihm zu nahen, wenn meine Tränen und meine junge Glut, die Sanftheit des Gebets, meine kindliche Reinheit, über die ich mich lustig machte, als ich sie befleckt hatte, wenn das alles wahr wäre und das andere – die todesträchtige Leere – nichts als Verblendung und Lüge (...) Und wieder ihr, oh ihr Berge des Kaukasus. Ich habe euer Eis glitzern sehen, von einem Meer zum anderen, euren Schnee, den die Morgensonne rötete, eure Gipfel, die den Himmel durchragen, und meine Seele schmolz in Ekstase.“ (Sergej Bulgakov: Das nie verlöschende Licht)

Von den zahlreichen Versuchen, das Heilige zu beschreiben und vom Profanen abzugrenzen, sind die Arbeiten des Religionswissenschaftlers Mircea Eliade und des Phänomenologen Rudolf Otto die bedeutendsten und bekanntesten. Von Rudolf Otto, aus seiner Untersuchung „Das Heilige“, stammen auch die beiden Begriffe „mysterium fascinans“ und „mysterium tremendum“, die freilich auf einer tiefergründigen und philosophisch-phänomenologisch elaborierten Ebene nichts anderes ausdrücken als den überwältigenden und ehrfurchtgebietenden Moment, wie ihn Bulgakov so meisterlich beschreibt.

Der Anflug des Heiligen ist also charakterisiert durch die Erfahrung – nicht Enthüllung – eines Geheimnisses, und die besondere Qualität dieser Erfahrung: fascinans und tremendum; als ebenso in seinen Bann ziehend wie erschauern lassend. Denken wir an das Erzittern, in dem es sich manifestiert: die Grenze von Ehrfurcht zu heiligem Schrecken ist fließend.

In der Sakristei der Basilika des Heiligen Hauses zu Loreto findet sich eine rätselhafte Steintafel mit der Aufschrift „Terribilis est locus iste“ – Wie furchterregend ist dieser Ort. Gemeint ist die Ehrfucht, der heilige Schrecken, denn auf den ersten Blick ist freilich an der wunderschönen Basilika gar nichts furchterregend. Doch die Aufschrift der Steintafel bezieht sich auf eine Stelle in der Genesis, wo Jakob nach dem Traum von der Engelsleiter erwacht und sie sagt: „Furcht überkam ihn und er sagte: Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“ Nun wird auch der Zusammenhang mit der Basilika des Heiligen Hauses klar. Denn tatsächlich ist sie um die Ziegelsteinmauern umbaut, die dem Sohn Gottes in seiner Kinderzeit eine Heimstatt boten. Das Tor des Himmels – viele Heilige haben über Loreto den Himmel geöffnet und Engel auf- und niedersteigen sehen.

Übrigens, was die Engel betrifft, ihnen war unsere seelische Anlage schon immer tief bewusst; ihre Botschaft an ein Erdenkind haben sie deshalb stets mit dem ermutigenden Ausruf „Fürchte Dich nicht!“ eingeleitet. Es gibt also schon mindestens seit den Zeiten Jakobs gewisse Orte, seien sie mitten in der Natur, seien sie von Menschenhand erbaut, an denen man das Heilige erspüren kann, an denen die Tore des Himmels offen stehen. Nicht immer ist es die Erhabenheit und Gewaltigkeit der Schöpfung, die zu Momenten heiligen Erschauerns und sogar zur Erkenntnis der tatsächlichen Existenz Gottes führen kann.

Ein weiteres berühmtes Zeugnis ist das des französischen Journalisten André Frossard (1915–1995), dessen Gotteserfahrung sich in einem wahren „coup de foudre“ über ihm entlud, während er in einer Kapelle nach seinem Freund suchte. Frossard ging als Atheist in dieses Gotteshaus hinein. Plötzlich ereignete sich etwas, während sein Blick an einer Kerze neben dem Kruzifix hängen bleibt, das er wie folgt beschreibt: „Ich sage nicht: der Himmel öffnet sich, er öffnet sich nicht, er stürzt auf mich zu, schießt plötzlich wie ein stummes Wetterleuchten aus der Kapelle empor, wo er – wie hätte ich es ahnen können? – auf geheimnisvolle Weise eingeschlossen war.“ Und kommt als Katholik aus dem Kirchlein heraus. „Es ist eine Ordnung im Universum, und an ihrer Spitze, jenseits dieses funkelnden Nebelschleiers, ist die Evidenz Gottes, die Evidenz, die Gegenwart ist, die Evidenz, die Person ist ... Gott existiert und alles ist wahr.“ (André Frossard: Gott existiert, ich bin ihm begegnet“)

Diese Momente des Einbruchs des Transzendenten wird es immer geben, selbst in einer Welt, in der sich unsere Kirchen nur noch als reine Zweckbauten präsentieren, profan von außen, kahl und karg von innen. Mit rätselhaft geformten Gebilden statt eindeutig erkennbaren Kruzifixen, kaum einer Kerze und nicht mehr durchzogen vom eigentümlichen Aroma erkalteten Weihrauchs und dieser unbezeichenbaren Stille, die sich häufig in Gotteshäusern wahrnehmen lässt, wenn sie seit Jahrhunderten schon von Gläubigen „durchbetet“ werden.

Denn, wir haben es gesehen, da ist noch die Schöpfung. Das Wunder der Schöpfung und deren schiere Existenz. Unsere eigene Existenz. Das Wunder des Am-Leben-Seins. Das Gefühl der tiefen Verbundenheit mit der lebendigen Schöpfung um uns herum. So mancher Mann, der schon einmal bei der Geburt seines Kindes dabei war, trägt seither ein tiefes, unauslöschliches Staunen in sich, selbst wenn er Atheist oder Agnostiker sein sollte. Rudolf Otto listet in seiner phänomenologischen Untersuchung eben neben dem Mysterium tremendum und dem des fascinans auch das eigentliche „Moment des Mysteriums“ im Sinne der Erfahrung des „Ganz Anderen“ auf. Das Staunen wiederum ist der Anfang der Philosophie wie der Poesie. Besonders spürbar wird ja in den Beschreibungen Frossards und Bulgakovs: Wir geraten, in dem wir die Sphäre des Heiligen berühren, zugleich auch immer in die Sphäre der Poesie.

Wie nahe der ganz andere, der poetische Blick auf die Wirklichkeit der himmlischen Gefilde ist, verdeutlich ein bekanntes Bonmot von Gilbert Keith Chesterton: „Der Dichter will nichts weiter, als den Kopf in den Himmel zu stecken. Der Logiker sucht den Himmel in seinen Kopf zu stecken. Und dabei platzt ihm sein Kopf.“ Ist dies vielleicht auch der Grund, wieso in der Moderne zwischen New York und Abu Dhabi, London und Frankfurt die Architektur immer höher in den Himmel strebt?

Der poetische Zugang zur Wirklichkeit aber ist einmal jedem Menschen – nicht nur den Dichtern – ganz natürlich zueigen gewesen, nämlich während seiner frühen Kindheit, als jede Stunde des Tages ihre eigene Erfülltheit und ihren eigenen Zauber, jede neue Jahreszeit eine aufregende Frische hatte und wir hinter die Dinge, die uns umgaben, schauen konnten. In denen wir, wenn uns der Tod eines geliebten Menschen begegnete, ganz selbstverständlich glauben konnten, dass Opa oder Oma, unsere Lieblingstante oder auch einfach unser Haustier nicht lediglich Vergangenheit wurden, dass sie auf irgendeine Weise ausgelöscht, nicht mehr im Da-Sein sein sollten. Viel einleuchtender erschien uns doch recht eigentlich, dass der Verstorbene nun „im Himmel sei“.

Eine Welt, in der uns eine zerstörte Schöpfung entgegenblickte, es keinen Glauben mehr gäbe und in der keine Kinder mehr geboren würden, könnte nicht mehr dauerhaft existieren. Dennoch ist auch ein solches Szenario hin und wieder in sogenannten dystopischen, also pessimistisch utopischen Filmen und Zukunftsromanen entfaltet worden. Gäbe es in einer solchen, nur als Gedankenspiel existierenden Welt also nichts Heiliges mehr? Könnte man sie tatsächlich vollständig entsakralisieren? Nein. Selbst dann nicht. Denn als allerletztes Geheimnis bliebe immer noch der Tod. Die Erfahrung von Sterben und Tod ist das Mysterium schlechthin.

In Konfrontation mit der Vergänglichkeit irdischen Lebens haben die Menschen der Frühzeit eine Bestattungskultur mit Grabbeigaben entwickelt. Die meisten Religionswissenschaftler gehen davon aus, dass dies als der Beginn von „Religion“ verstanden werden kann, viele tausend Jahre bevor sich das philosophische Denken ausbildete, um sich fortan den drei ewigen zentralen Fragen der Menschheit zu stellen: „Woher kommen wir? Warum sind wir hier? Wo gehen wir hin?“ Während sich viele zeitgenössische Strömungen der Philosophie immer noch an diesen Fragen abarbeiten, hat der christliche Glaube, das christliche Denken, seit zweitausend Jahren mit der Fleischwerdung Jesu, seinem Wirken, seinem Tod und seiner Auferstehung die schönsten und schlüssigsten Antworten gefunden: Wir kommen von Gott. Er hat einen Plan mit uns, in welchem auch unser Leiden und Sterben einen verborgenen Sinn ergeben. Deshalb sind wir hier. Und wir werden in Seinen Frieden und Sein ewiges Licht zurückkehren.

Deshalb wird der Tod auf immer bei uns sein, bis das Ende der Zeiten angebrochen und das heilige Jerusalem vom Himmel herabgekommen ist. Dann werden alle Tränen abgewischt, kein Leiden und kein Tod werden mehr sein. So sichert es uns die Offenbarung des Johannes zu.

Bis es soweit ist, werden immer wieder ungezählte Menschen, so wie Sergej Bulgakov und André Frossard auch, die erschütternde Erfahrung des Einbruchs des Göttlich-Heiligen in ihr Leben machen. Sei es beim Eindruck der überwältigenden Schönheit der Schöpfung, sei es beim Blick auf das Lächeln eines Neugeborenen, dem Besuch einer Kapelle oder sei es in der Konfrontation mit den letzten Dingen, mit Leid und Tod.

So heißt es bei Bulgakov auch weiter: „Alles war hell, alles war voller Frieden und widerhallender Freude. Es gab kein Leben und keinen Tod, nur ein ewiges und unwandelbares Jetzt. Und ein unerwartetes Gefühl erhob sich in mir und wuchs groß empor: das Gefühl des Sieges über den Tod.“ Interessanterweise erfuhr Frossard in seinem Konversionserlebnis etwas ähnliches; sogar noch konkreter: Er erfährt sich als einen „vom Tode Erretteten, des gerade noch zur rechten Zeit aufgefischten Schiffbrüchigen.“ Und so können wir ruhig gewiss sein: Sämtliche Bestrebungen zur Entsakralisierung der Welt, sei es durch atheistische Naturwissenschaftler, angeblich neueste Erkenntnisse von Soziologen, sei es durch modernistische Theologen ebenso wie durch progressive Liturgiker, wird niemals gelingen können. Unsere Seele ist und bleibt offen für den Einbruch, den Frossardschen „Herabsturz“ des Himmels.