In der Schule des Herrn

Wie ganzheitliches Studieren funktioniert, lässt sich in benediktinischen Communitäten weltweit beobachten. Von Maria Palmer

Mönche im Kloster
Gemäß der Benedikt-Regel gebildet: Benediktiner beim Chorgebet. Foto: dpa
Mönche im Kloster
Gemäß der Benedikt-Regel gebildet: Benediktiner beim Chorgebet. Foto: dpa

Beim Blick die Regel Benedikts fällt schon im Prolog der Aspekt der Bildung . „Wir wollen also“, so heißt es dort im 45. Vers, „eine Schule für den Dienst des Herrn einrichten.“ „Um Gottes Willen“, denkt da manch einer. „Das klingt ja furchtbar.“ Wirklich? Nur dann, wenn man keine sonderlich gute Erfahrung mit der Schule gemacht und dort nur der Kopf, nicht aber das Herz gefüllt wurde. Bei Benedikt aber ist genau das anders. In seiner Regel, in seinen Klöstern, auf denen schon bald nicht nur die Novizen und Mönche die Schulbank drückten, geht es um eine ganzheitliche Form der Bildung. Statt des Auswendiglernens trockener Fakten wurde hier unter dem Motto „ut mens concordet voci“ gelernt. Wenn nämlich der innere Sinn mit der Stimme in Einklang ist, umfasst dies ein Lernen „by heart“, inwendig – was viel mehr ist, als die pfeilschnelle, aber umgehend wieder vergessene Wiedergabe unverdauter Fakten.

Wie ganzheitliches Studieren heute funktioniert, kann man in benediktinischen Communitäten und ihren Lernprogrammen weltweit beobachten. Zum Beispiel in New Norica, der einzigen Mönchsstadt in Australien. Gegründet 1847 durch spanische Benediktinermönche ist das 132 Kilometer von Perch entfernt in der Buschlandschaft gelegene Kloster Missions-, Bildungs- und spirituelles Zentrum. In dem Programm der Communität www.newnorcia.wa.edu.au findet sich ein breites Spektrum verschiedener Kurse und Fortbildungsangebote von der Einführung in die christliche Meditation, die Bewältigung von Übergangssituationen in verschiedenen Lebensphasen, das Phänomen der dunklen Nacht der Seele bei Johannes vom Kreuz, Spiritualität in den Werken von Oscar Wilde, philosophische Bewegungen in der mediterranen Welt zur Zeit Christi, die Wüstenväter und frühen Mönche bis zu einem Überblick über die Theologie vom Garten Eden. Die Breite der Themenstellungen, die philosophische, theologische, historische, spirituelle und psychotherapeutische Aspekte umfasst, ist typisch für den benediktinischen Zugang zu Bildung. Denn bei einem Leben nach der Regel Benedikts geht es, egal ob als Mönch, Nonne oder Oblate, um die ganzheitliche Formung von Geist, Seele und Körper. Das Leben in der Schule des Herrn soll zu einem Habitus, einer auf Gott ausgerichteten Lebenshaltung führen, in deren Fokus sich alles Tun – ob Alltägliches wie Ernährung, Bekleidung und der Wechsel von Arbeit und Ruhe, intellektuelle Auseinandersetzungen und das Gebet auf ihn hin zentrieren und sich von ihm her ordnen lassen.

Eine wunderbare Möglichkeit zur benediktinischen Bildung, bei der lediglich Kopf und Herz auf Reisen gehen, der Körper sich aber in der stabilitas loci üben kann, ist die Onlinebewegung Monasteries of the Heart: www.monasteriesoftheheart.org.

Auf dieser von Schwester Joan Chittister und den Schwestern von Erie verantworteten Homepage kann man sich kostenlos einen Zugang erstellen und erhält dann regelmäßig per Mail spirituelle Impulse und Einladungen zu den kostengünstigen Kursangeboten. Aktuell kann man dort beispielsweise eine Ausbildung in kreativem Schreiben belegen. Unter dem Titel Monastery scribes with old Monk lernen die Teilnehmer des auf drei Wochen hin angelegten Kurses, der bis 31. Mai gebucht werden kann und dann für weitere sechs Monate online zugänglich ist, auf der Grundlage der benediktinischen Praxis der Lectio Divina, die Gedanken ihres Herzens zu Worten werden zu lassen.

Der große Vorteil einer solchen Ausbildung: Sie ist eine praktische, inkarnatorisch ausgerichtete spirituelle Übung, die nicht nur das eigene Bewusstsein für das Sein vor Gott schärft, sondern auch das Kommunikationsverhalten verbessert. Der Kurs ist beinhaltet die Zusendung von je drei geistlichen Gedichten pro Woche, mit zur Reflektion anregenden Fragen, einem ins Gebet mündenden Schreibvorschlag, der zu eigener schriftstellerischer Tätigkeit inspirierieren soll, Anregungen für die Contemplation über die Texte und praktischen Übungen, die den Text in den Alltag hinein verleiblichen.

Die Struktur dieses Kurses – die sich analog auch in anderen Angeboten von Monasteries of the Heart findet, ist typisch benediktinisch: ein hochwirksames Lernangebot, dass die angebotenen Inhalte ganzheitlich vermittelt und verankert.

Ebenfalls mit ganzheitlichem Lernansatz, aber stärker intellektuell basiert, ist das Angebot des College of Saint Benedict und der Saint John's School of Theology www.csbsju.edu. Der Vorteil der dortigen Ausbildungsgänge ist, dass das Spektrum von der Möglichkeit, einen akademischen Abschluss zu erwerben über Ausbildungsgänge, bei denen die Inhalte vermittelt werden, ohne dass die Absolventen sich einer Abschlussprüfung unterziehen müssen, bis zu reinen Kursangeboten reichen. Die Programme richten sich an interessierte Laien ebenso wie an jene, die bereits ein Theologiestudium absolviert haben, ihre Kenntnisse aber auffrischen, erweitern oder ganz einfach praxistauglicher machen möchten. Auf ihre Bedürfnisse hin ist etwa der Studiengang in Spiritueller Begleitung ausgerichtet, ein Desiderat, das in Deutschland zu ähnlichen Programmen inspirieren kann. Denn der Mangel an Menschen, die die Fähigkeit haben, andere in ihrem geistlichen Leben zu begleiten, ist so eklatant, dass hier oft nur beten hilft. Es wäre aber zweifellos wünschenswert, dass es hierzu auch qualifizierte Ausbildungswege gäbe, zumal dann die Vernetzung zwischen jenen, die ein solches Angebot suchen und jenen, die es anbieten, leichter gelingen könnte. Dass Beten und Studieren einander nicht ausschließen, kann man bereits auf der Startseite von Saint John's erkennen.

Wer sich im deutschsprachigen Bereich auf die Suche nach benediktinischen Lernmodellen macht, wird bei den Online-Kursen der Cella St. Benedikt in Hannover fündig. cella-sankt-benedikt.de. Konzipiert für Menschen, die auf der Suche nach dem ganz heilen Leben sind, bietet das Programm eine moderne Mischung aus Kursmaterialien zum selber bearbeiten, Facebook-Gruppen, Youtube-Live Sitzungen, Kommentarfunktionen und verbindlichen Aufgaben. Die Inhalte fokussieren die Themen der Bewältigung des Alltagslebens durch spirituelle Vertiefung und lehren beispielsweise Resilienz, Trauerbewältigung, Selbsterkenntnis und Motivation. Einige Angebote sind kostenlos zugänglich, für andere werden erschwingliche Kursgebühren erhoben.

Benediktinisch lernen kann man auf viele Weisen. Denn grundsätzlich geht es dabei um einen Habitus – die Verinnerlichung des Gelernten und die Integration des erworbenen Wissens in das geistliche Leben. Dazu kann auch ein Fernkurs in Latein dienen, wie ihn die 2005 gegründete Schola Latina Catilina anbietet. www.schola-catilina.com. Diese Fernschule für klassisches Latein arbeitet online und dass sie wirklich gut qualifiziert, kann man dem begeisterten Echo renommierter Altphilologen entnehmen. Das Besondere des Angebotes der Schola Latina ist, dass sie auch auf Theologen oder theologisch Interessierte zugeschnittene Kurse anbietet. Wer sich für Latein interessiert, kann hier von Nachhilfeangeboten über Latein als Hobby, Kurse mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden, Studium mit Kind bis zur Lateinausbildung für Theologen ein umfangreiches Spektrum an Ausbildungsgängen wählen.

Wer – last but not least – zunächst einmal ganz praktisch in Erfahrung bringen möchte, wie benediktinisches Leben funktioniert, kann sich online unter benediktiner.de informieren. Hier gibt es nicht nur den Text der Regel, sondern auch Wissenswertes über das Leben der Mönche und Nonnen, die Standorte der Abteien und Klöster und den heiligen Benedikt selbst zu lesen. Wie benediktinisches Leben in der Welt funktioniert, zeigt die Seite der Benediktineroblaten im deutschsprachigen Raum unter benediktineroblaten.de.