In der Glaubwürdigkeitsfalle

Beim Ausstieg der deutschen Kirche aus der staatlichen Schwangerenberatung hatten die Medien einen maßgeblichen Anteil.

Erzbischof  Dyba und Bischof Lehmann
Der Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba und der Mainzer Bischof Karl Lehmann im Februar 1999. Foto: Ulrich_Perrey (dpa)

Eine Bötchenfahrt auf dem Main irgendwann im Sommer 1999. Eingeladen hatte der damalige Würzburger Bischof Paul-Werner Scheele. Es sollte ein Ausflug für Vertreter der lokalen und regionalen Medien sein, auch Journalisten von Radio und Fernsehen waren zugegen. Also eine Art schwimmender Pressekonferenz, so wie die Päpste später die fliegenden Pressekonferenzen zum Bestandteil ihrer Auslandsreisen machten. Bischof Scheele gab ein Statement ab – es ging um den Beratungsschein. Soeben erst hatte der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz in Würzburg beschlossen, in der 1995 per Gesetz geschaffenen staatlichen Schwangerenberatung zu verbleiben, aber die von den kirchlichen Beratungsstellen ausgegebene Bescheinigung mit dem Zusatz zu versehen: „Diese Bescheinigung kann nicht zur Durchführung straffreier Abtreibungen verwendet werden.“

Schwimmende Pressekonferenz ohne Fragen und Antworten

Der Bischof stellte vor den Journalisten das Ergebnis der Beratungen vor – dann war der Ring frei für die Wortmeldungen der anwesenden Medienvertreter. Es gab eine, etwas ungläubige, Nachfrage aus der Runde, ob das wirklich so sei, dass die deutschen Bischöfe weiterhin einen Schein ausstellen wollen, der nicht dazu diene, wozu er eigentlich gedacht sei. Dann hatte keiner der Journalisten eine Frage mehr. Das Gespräch mit dem Bischof war erstorben.

Jeder wandte sich dem Nachbarn und den Kollegen zu, vor allem den großzügig gereichten Snacks und Getränken. Das Bötchen tuckerte bis Ochsenfurt, drehte eine Runde und legte schließlich wieder in Würzburg an, wo man sich freundlich von Bischof Scheele verabschiedete und das Schifflein verließ. Was als schwimmende Pressekonferenz gedacht gewesen war, endete als gewöhnlicher Schiffsausflug, ohne die ansonsten übliche rasche Abfolge von Fragen und Antworten.

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Das Interesse der Medien an dem oft als Machtkampf zwischen Rom und den deutschen Bischöfen interpretierten Ringen um den Verbleib der Kirche in der staatlich organisierten Schwangerschaftskonfliktberatung in Deutschland war nicht nur erstaunlich hoch, sondern auch mitentscheidend für den Ausgang der Konfrontation.

„Die Ursache einer Abtreibung ist die freie, verantwortliche Entscheidung der Frau selbst. Sie kann mit dem Beratungsschein machen, was sie will. Sie kann ihn zerreißen und in den nächsten Bach werfen. Sie kann aber auch zum abtreibenden Arzt gehen“
Bischof Karl Lehmann (28. Juni 1999)

Gerade der Verlust an Glaubwürdigkeit, den die deutschen Bischöfe für ihre Schein-Lösung der Schein-Frage in Kauf nehmen, hatte einen Umschwung in den Medien zur Folge. Krasser hätte man die offensichtliche Doppelbödigkeit nicht formulieren können, als es der damalige Konferenzvorsitzende, Bischof Karl Lehmann, gegenüber dem „Spiegel“ tat: „Die Ursache einer Abtreibung ist die freie, verantwortliche Entscheidung der Frau selbst. Sie kann mit dem Beratungsschein machen, was sie will. Sie kann ihn zerreißen und in den nächsten Bach werfen. Sie kann aber auch zum abtreibenden Arzt gehen“ (28. Juni 1999).

Pauschale Verunglimpfung von nicht wenigen Journalisten

Das war auf dem Höhepunkt einer Zerreißprobe. Papst Johannes Paul II. hatte Anfang 1999 seinen dritten Brief an die deutschen Bischöfe zur Einbindung kirchlicher Stellen in das staatliche Schwangerenberatungssystem geschrieben. Beim Ständigen Rat der deutschen Bischöfe war dann am 22. Juni der Beschluss gefallen, den Schein mit dem genannten Zusatz weiter auszuteilen und in der gesetzlichen Schwangerenberatung zu verbleiben.

Bis September desselben Jahres, in dem schließlich die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Herbstvollversammlung den Beschluss vom 22. Juni wieder aufhob, hatten die deutschen Bischöfe eine „schlechte Presse“. Bischof Lehmann selbst drückte das in seinem Pressebericht vom 24. September nach der Herbstvollversammlung so aus – sehr wertend und auch nicht ganz unpolemisch: Erzbischof Johannes Dyba, der als einziger deutscher Ordinarius in seiner Diözese Schwangere ohne die Ausstellung einer von ihm sogenannten „Tötungslizenz“ beraten ließ, sei es Lehmann zufolge gewesen, der „am 9. August nach sieben Wochen in der ,Welt‘ einen Generalangriff auf die Würzburger Lösung vom 22. Juni initiierte.

Viele Presseveröffentlichungen, die allerdings nicht auf gründlichen Recherchen beruhten, verstärkten dieses Trommelfeuer.“ Insgesamt, hält Lehmann fest, konnte die von ihm verfolgte Linie in der Debatte um den Beratungsschein einen Großteil der Medien nicht überzeugen: „Im Laufe der Zeit kam auch in seriöseren Presseorganen zum Teil eine Parteinahme gegen das Verbleiben der Kirche in der gesetzlichen Schwangerschafts-Konfliktregelung hinzu, die sehr wenig sauber recherchierte, so aber leichter den eigenen Vor-Urteilen folgen konnte. Es handelt sich um eine systematische Desinformation, die gerade auch das Bildungsbürgertum für sich einnahm.“ Diese pauschale Verunglimpfung von nicht wenigen Journalisten und vielen ihrer Leser offenbart die Frustration des deutschen Protagonisten im Beratungsstreit. Aber schon am 30. Mai 2000 war in der „Tagespost“ zu lesen, Bischof Lehmann habe die „Phase von Schock und Trauer überwunden“.

Ausstieg aus dem staatlichen Beratungssystem durch Kardinal Meisner eingeleitet

Nachdem die deutschen Bischöfe auf ihrer Herbstvollversammlung 1999 eingesehen hatten, dass ein weiterer Verbleib in der staatlichen Konfliktberatung von Schwangeren nicht mehr möglich war, da der Staat den Zusatz auf dem Beratungsschein „Kann nicht ... verwendet werden“ offensichtlich ignorieren wollte, war es der Kölner Kardinal Joachim Meisner, der – nach weiteren Gesprächen in Rom – für sein Erzbistum den Ausstieg aus dem staatlichen Beratungssystem verfügte und damit das Ende der Scheinausstellung in der deutschen Kirche insgesamt einleitete. Für Meisner von nicht zu unterschätzender Bedeutung waren dabei Gedanken des Philosophen Robert Spaemann, die dieser schließlich am 23. Oktober 1999 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unter dem Titel „Die schlechte Lehre vom guten Zweck“ veröffentlichte.

Auch hier erwiesen sich die Medien als Plattform einer auf hohem Niveau geführten Auseinandersetzung um den Beratungsschein, auch wenn Bischof Lehmann von „systematischer Desinformation“ und ihrem negativen Einfluss auf das „Bildungsbürgertum“ gesprochen hatte.

Scharf wandte sich Spaemann gegen den sogenannten Konsequenzialismus, den die Schein-Befürworter vertraten, wenn sie argumentierten, mit dem Verbleib der Kirche in der staatlichen Schwangerenberatung könnten Tausende von Kindern gerettet werden. Dem hielt der Philosoph entgegen, dass niemand die Verantwortung habe „für etwas, das ohne sein Zutun geschieht und das er nur verhindern könnte, wenn er etwas täte, das zu tun dem Menschen nicht zusteht“. Meisner folgte Spaemann. Und die deutschen Bischöfe folgten schließlich Meisner und stiegen aus der Schein-Beratung aus.